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Achtsamkeit im Familienalltag... von Anne Hackenberger


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Wenn Sie Kinder haben, dann wünschen Sie sich mit Sicherheit, ein „guter“ Vater, eine „gute“ Mutter zu sein. Die Kinder sollen sich entfalten können während Sie gelassen all die Herausforderungen des Familienlebens jonglieren und dabei auch noch ein liebevoller Partner sind. Die Realität sieht meistens anders aus – auch bei mir.
Die gute Nachricht ist, wir müssen keine perfekten Eltern sein! Und wir müssen auch nicht so tun, als wären wir welche. Wir können unsere Erwartungen an uns selbst und unsere Kinder getrost zurück schrauben. Kinder brauchen Eltern, die mit ihnen wachsen wollen, die sich gemeinsam mit ihren Kindern weiterentwickeln. Als Lernende machen wir Fehler. Gerade Eltern haben oft unheimlich viel Stress. Manchmal schalten wir schon direkt nach dem Aufstehen den Erledigungsmodus ein. Und zwischen schnell Frühstück machen, anziehen und pünktlich los kommen (zieh endlich deine verdammten Schuhe an!) sind wir mit den Gedanken schon bei all den Aufgaben, die heute zu erledigen sind. Dann wollen wir, dass unsere Kinder einfach nur „funktionieren“ und sind wenig mitfühlend. Dafür hat unser reizüberflutetes Gehirn gar keine Kapazitäten. Wir verfallen in automatische Reaktionsmuster, die oft aus unserer eigenen Kindheit stammen und ungünstig für das Familienklima sind. Wenn dann nach einem langen Tag abends der Stresspegel noch mal richtig hochschnellt, weil sich unser Kind weigert, die Zähne zu putzen und stattdessen den Spiegel voll Zahncreme schmiert, dann schaltet unser Gehirn in die Kampf-oder-Flucht-Reaktion um. Dafür können wir quasi nichts, denn die Evolution hat uns gewissermaßen einen kleinen Streich gespielt. In Gefahrensituationen nimmt unser Gehirn eine Abkürzung vom Stammhirn zum limbischen System. Der präfrontale Kortex, der für das höhere Denken, weise Entscheidungen und auch unsere Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden zuständig ist, kurz, der Sitz unserer Menschlichkeit, wird schlicht weg übergangen. Die Amygdala feuert „Alarm“, Adrenalin wird durch den Körper in die große Muskulatur gepumpt, wir machen uns bereit, uns zu verteidigen oder zu fliehen. Wenig sinnvoll, wenn wir gerade einem 3-Jährigen gegenüber stehen. Die Lieblingsaufgabe unseres Gehirns ist es nun mal, für unser Überleben zu sorgen. Und evolutionsgeschichtlich macht diese Stressreaktion auch sehr viel Sinn. Wer nicht beim leisesten Knurren des Säbelzahntigers auf dem nächsten Baum saß, ist nicht unser Vorfahre geworden. Und es ist auch gut, dass wir nicht den Bremsweg des herannahenden Autos berechnen, wenn unser Kind auf die Straße gelaufen ist, sondern blitzschnell reagieren. Leider kann unser Gehirn aber nicht unterscheiden, zwischen der Bedrohung durch ein Raubtier oder einer anderen realen Gefahr und dem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, wenn wir unter Zeitdruck sind und sich unser Kind weigert, seine Frühstücksschüssel wegzuräumen oder sich die Mütze anzuziehen. Die Reaktion im Gehirn ist dieselbe. Wer hat sich nicht schon mal nach einem Wutausbruch (Kampf) oder einem „Dann-mach-halt-was-du-willst-mir-doch-egal“ (Flucht) gefragt, was da eigentlich gerade mit mir passiert ist?
Was können wir also tun? Das wichtigste ist, dass wir ab und zu „vom Baum runter kommen“ und uns bewusst machen, dass hier kein Säbelzahntiger steht sondern unsere zauberhafte Tochter, auch wenn wir sie unter all der Glitzerzahnpasta kaum erkennen. Stressige Situationen werden wir kaum vermeiden können. Manchmal schlagen die Wellen eben hoch. Doch wir können lernen, auf den Wellen des Alltags zu surfen. Die Praxis der Achtsamkeit ist eine gute Unterstützung für Eltern, um den Alltag leichter bewältigen zu können und seltener vom Surfbrett zu fallen. Denn wenn wir mehr in Kontakt sind mit uns selbst und unseren Kindern, wenn wir präsenter sind für diesen Augenblick, dann können wir die hohe Welle heran-nahen sehen, die uns sonst zur Gefahr werden könnte und mitfühlend und präsent auf ihr gleiten. Hört sich utopisch an? Ist es nicht. Und es geht auch nicht darum, immer ausgeglichen und freundlich zu sein – wir haben schließlich ein menschliches Gehirn. Es reicht schon, wenn wir ab und zu wohlwollend bei uns selbst vorbei schauen. Uns ein paar bewusste Atemzüge gönnen und nicht nur unseren Kindern sondern auch uns selbst ab und zu die Frage stellen: Wie geht es dir gerade? Achtsamkeit ist nichts, was man tun könnte. Es geht eher um die innere Haltung, um das Sein und so sein lassen. Darum, weniger von uns selbst zu fordern, statt mehr. Weniger perfekt zu sein und dafür liebevoller mit uns selbst. Wir müssen nicht all den Erwartungen genügen, die an uns gestellt werden – nicht mal unseren eigenen. Es reicht schon, wenn wir ein bisschen präsenter, ein bisschen wacher, ein bisschen bewusster werden. Das geschieht nicht von heute auf morgen, aber wir können die menschlichen Eigenschaften, die sowieso wie schlafende Samen in uns liegen, täglich ein bisschen wässern und düngen. Dann wird mit der Zeit eine Blume daraus wachsen, deren Duft das Familienklima bereichern wird.

Anne Hackenberger ist Achtsamkeitslehrerin (MBSR) mit Schwerpunkt auf Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft und ist angehende Familientherapeutin nach Jesper Juul. In Eberswalde leitet sie das ZAF – Zentrum für Achtsamkeit und Familie. Sie hält deutschlandweit Seminare, Fortbildungen und Vorträge und gibt Achtsamkeitstrainings auch im klassischen Stil. Sie ist selbst Mutter von zwei Söhnen im Alter von 7 und 10 Jahren. Mehr Infos unter www.achtsamkeit-und-familie.de


Mit-Kindern-wachsen-Elternkompass: 6-wöchiger Kurs für Eltern zum Thema Achtsamkeit und Selbstfürsorge im Elternalltag und zur Verbesserung des Familienklimas. Mehr Infos unter www.achtsamkeit-und-familie.de
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