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Das Leben als Schule der Gelassenheit Birgit von Borstel


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Was die Philosophie der Stoiker mit Astrologie zu tun hat
Griechische Philosophen wollten vor über 2000 Jahren, zu einer Zeit, als auch die westliche Astrologie entstand, die Welt ergründen. Sie suchten nach dem Sinn des Seins und der rechten Lebensweise. Eine der erfolgreichsten lebensphilosophischen Schulen war die Stoa, die von Zenon von Kition um 300 v. Christus gegründet wurde und auch die hellenistische Astrologie stark prägen sollte. Die Definition des Glücks in der Stoa war es, in Harmonie zwischen eigenen Willensvorstellungen und dem Willen der Götter zu leben. Letzteren finden wir nach alter Vorstellung im Horoskop widergespiegelt.
Im Kern geht es in der stoischen Philosophie um ein kosmologisches Weltbild der Ganzheitlichkeit, in der alles seine Ordnung hat und der Mensch seinen Platz in dieser Ordnung finden muss. Dazu gehört auch, durch Selbstbeherrschung sein Schicksal akzeptieren zu lernen und mit Gelassenheit zur Weisheit zu streben.
Dies bildet also den philosophischen Hintergrund, vor dem die westliche traditionelle Astrologie entstand: Man verstand sich als Teil eines großen lebendigen Organismus, in der jeder seine individuelle Aufgabe zu erfüllen hat. Das Universum ist eine Form von Bewusstsein, das lebendig ist und uns Zeichen schickt - durch die Himmelsbewegungen. Alles, was geschieht, steht in einem größeren Zusammenhang, einer gegenseitigen Entsprechung: Wie oben so unten - so der Kernsatz des Hermetismus, der später ebenfalls einging in die Grundannahmen der Astrologie.
Für das Individuum bedeutet das: Die Himmelsbewegungen, die im Horoskop festgehalten werden, zeigen nicht nur die Veranlagung, sondern auch das persönliche Schicksal an. Wenn wir diese schon aus dem Horoskop herauslesen können, sobald ein Mensch geboren ist, dann muss schon vor seiner Geburt etwas da gewesen sein, was sich so ausdrücken will, wie es das Horoskop anzeigt: Die Seele. Und das wiederum heißt: Es muss Seelenwanderung geben!
Für die alten Griechen war die Astrologie demnach eine viel deterministischere Angelegenheit als für heutige Astrologen. Man fragte nicht: Wie kann ich mein Schicksal selbst gestalten? Sondern: Was ist mir vorherbestimmt? Worauf sollte ich mich einstellen? Im besten Falle erhoffte man sich natürlich Gesundheit, Wohlstand, eine gute Ehe, Kinder - vielleicht auch Ansehen, Ruhm und damit verbundene Privilegien. Das verstanden die meisten unter einem glücklichen Leben. Ein solches Leben wünschte man sich auch für die eigenen Kinder. Aus diesem Grund wurden oft Horoskope für Neugeborene erstellt. Man untersuchte darin, ob der neue Erdenbürger - sofern er denn das Erwachsenenalter überhaupt erreicht - es zu etwas bringen würde; einen anständigen Beruf erlernt, oder gar in öffentlichen Ämtern Ruhm und Ehre erlangen wird; ob er (meist wurde für männliche Kinder gedeutet) eine Frau findet, und wenn ja, ob sie gut zu ihm ist und ihm viele Nachkommen schenken wird; ob er in Gesundheit und Wohlstand alt werden wird und so weiter. In der modernen Astrologie gilt es als unseriös, solche konkreten Aussagen zu machen - zum einen, weil viele der alten Techniken, die das ermöglichen in Vergessenheit gerieten, und zum anderen, weil wir es vorziehen, unser Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können.
Doch können wir das wirklich? Wären wir dann nicht alle längst erfolgreich, beliebt, gesund und glücklich? Ob man an Schicksal glaubt oder nicht - niemand wird bestreiten, dass es im Leben Erfahrungen gibt, die wir nicht kontrollieren oder lenken können.
Ein entscheidender Grundsatz in der Stoa war folgender: „Über das eine gebieten wir, über das andere nicht. Wir gebieten über unsere Begierden, unseren Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden und, mit einem Wort, über alles, was von uns ausgeht; nicht gebieten wir über unseren Körper, unsern Besitz, unser Ansehen, unsere Machtstellung, und, mit einem Wort, über alles, was nicht von uns ausgeht.“ schreibt Epiktet im 1. Jahrhundert n.Chr. Es gibt demnach also Dinge, die wir ändern können, und solche, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Letztere sollten wir hinnehmen, statt uns von ihnen ärgern oder beunruhigen zu lassen, und wir sollten uns lieber auf das konzentrieren, das wir ändern können: Das eigene Denken und Handeln.
Für die Stoiker war die Schicksalsgebundenheit eine Selbstverständlichkeit - und für Astrologen der Ansporn, das Schicksal im Voraus berechnen und im Horoskop erkennen zu können. Ihr Ziel war es, sich wappnen zu können, sich auf das was einem beschieden ist, einstellen zu können. Die Konzepte und Methoden, die sie dafür entwickelten, unterschieden sich so stark von der heutigen Astrologie, dass ein antiker Astrologe nicht mehr nachvollziehen könnte, wie ein moderner Kollege heute ein Horoskop interpretiert.
Wie passt die göttliche Vorsehung mit dem freien Willen des Menschen zusammen? Eine Frage, die Denker damals wie heute beschäftigt. Wenn die Dinge vorherbestimmt sind, warum noch anstrengen, wozu nach Ethik und Gerechtigkeit streben? Und: Will man denn überhaupt wissen, was einen da alles so erwartet?
„Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben“, so Epiktet. Wer also seine Meinung von den Dingen trennt, wird gelassener mit ihnen umgehen können.

Was können wir heute daraus mitnehmen? Eine wichtige Botschaft ist: Das Glück ist eine Entscheidung!
Einige Erfahrungen mögen vorherbestimmt sein. Es geht jedoch nicht darum, sie zu meiden. Das hieße, das Leben und das Lernen zu vermeiden. Sondern es geht darum, wie wir auf diese Erfahrungen reagieren. Und genau dazu haben wir einen freien Willen - zu entscheiden, wie wir mit den Erfahrungen umgehen, die uns begegnen: Können wir die Hindernisse, die wir auf dem Weg durchs Leben zu meistern haben, auch als Chance begreifen?
Während die moderne, psychologisch orientierte Astrologie sich darauf spezialisiert hat, für die Hindernisse und Widerstände, denen wir im Leben begegnen, konstruktive Lösungen ganz individuell im Horoskop zu finden, zeigt die traditionelle Astrologie der Hellenen, welcher Art die Erfahrungen sind und wann wir sie zu erwarten haben. Auf solche Fragen, die grundlegend für die Lebensplanung sind, war die traditionelle Astrologie spezialisiert, die Techniken dazu werden gerade erst wiederentdeckt.

Wie können wir heute davon profitieren?
Mit den Erkenntnissen, die sie liefern, können wir uns noch besser in Gelassenheit üben, denn wir können uns auf das Kommende einstellen und durch unser vorausschauendes Verhalten so manches Übel mildern und das Glück vergrößern. Das war der ursprüngliche Sinn der Astrologie - in Einklang mit sich und dem Kosmos zu sein, was zugleich auch bedeutet, das Beste aus seinem Leben machen zu können, beziehungsweise die beste mögliche Version von sich anzustreben. Bei näherem Hinsehen also sehr psychologisch und sehr kompatibel mit dem modernen Umgang mit Horoskopen! Allerdings mit dem Unterschied, dass das Schicksal nun einkalkuliert wird und nicht mehr als unbekannte Größe ausgeblendet wird, wie es in der modernen Astrologie der Fall ist.

Das Glück scheint demnach irgendwo zwischen Selbstoptimierung und Gelassenheit zu liegen.

Mal ganz abgesehen von der persönlichen Weiterentwicklung bieten die stoischen Ideale auch noch einen weiteren Vorteil: Sie fördern ein gesittetes und harmonischeres Zusammenleben in der Gesellschaft - zumindest in der Theorie.

Birgit von Borstel ist geprüfte Astrologin DAV, Mitglied im AK Traditionelle Astrologie und der Prüfungskommission des Deutschen Astrologenverbandes (DAV). Sie studierte u.a. Philosophie in Hamburg und ist als Heilpraktikerin für Psychotherapie qualifiziert. Sie hat eine eigene Beratungspraxis in Berlin und bietet Kurse an in Traditioneller Astrologie. Infos auf www.birgitvonborstel.de