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Sehnsucht nach dem All-eins: Wie kann man mit dem Göttlichen in Berührung kommen?... von Peter Maier


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© imhof79ch_AdobeStock

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Magisches Geschehen auf der Waldlichtung
Es gibt ein Erlebnis aus meiner Kindheit, das immer präsent in mir geblieben ist. Als ich etwa drei Jahre alt war, wurde ich oft zu meiner Oma mütterlicherseits ins Nachbardorf gebracht. Meine Eltern bauten damals ein großes Haus und konnten mich nicht brauchen. Meine Großmutter war schon 65 Jahre alt. Sie verbrachte viele Sommertage auf einer Waldlichtung, etwa zwei Kilometer von ihrem Dorf entfernt. Dort hackte sie Äste und Zweige von gefällten Bäumen zu etwa 30 Zentimeter langen Stücken, um diese dann zu Büscheln zusammenzubinden. Dieses Material diente später, wenn es dürr geworden war, zum Anheizen des Küchenherdes.

Meine Großmutter, die sehr nach innen gekehrt war, versorgte mich stets mit Nahrung und Getränken, überließ mich aber ansonsten vollkommen mir selbst. Da die Natur mit all ihren Wesenheiten so reichhaltig um uns herum lebte, wurde es mir offensichtlich nie langweilig. Auf diese Weise bekam ich einen sehr engen und selbstverständlichen Naturbezug, der bis heute währt. Anscheinend fühlte ich mich in dieser Umgebung und Situation total geborgen. Meine Großmutter war ja in der Nähe, falls ich sie brauchte. Ansonsten durfte ich meine eigenen Erfahrungen machen – mit all den Bäumen, den Blumen, den Käfern und Fliegen und mit der leuchtenden und warmen Sonne an schönen Sommertagen. Eine Idylle, die durch nichts gestört wurde. Alles war friedlich, meine Oma machte keine Hektik, sie strahlte vielmehr die Gelassenheit des Alters aus.

Dann passierte „Es“ mitten am Tag: Ich kann mich noch sehr genau an einen gelben Schmetterling erinnern, der um mich herumflog. Lustvoll jagte ich ihm nach, gerade so, als wollte ich mit ihm spielen oder ihn fangen, um dieses Wunderwerk der Schöpfung näher betrachten zu können. Der Schmetterling flog irgendwann hoch hinauf in Richtung Sonne und schien mit ihr zu verschmelzen. Dieses einfache Bild wurde jedoch damals wie ein Standbild tief in meiner Seele eingeprägt. Denn ich fühlte mich in diesem Moment, der zeitlich ins Unendliche auseinandergezogen schien, unvermittelt in einem All-eins-Kontinuum.

All-eins-Erlebnis
Man könnte es auch so sagen: Plötzlich blieb die Zeit stehen und ich verschmolz mit den Blumen, mit allen Wesenheiten um mich herum, mit der gleißenden Sonne, mit der Zeit, mit dem Raum der Waldlichtung. Ich fühlte eine unwahrscheinlich intensive und doch leichte Energie in mir fließen und dieser warme Strom riss gar nicht mehr ab. Ich war mitten drin in allem und war gleichzeitig mein eigener Beobachter. In diesem Moment war ich identisch mit diesem leuchtend gelben Schmetterling, ja ich selbst war dieser Schmetterling, der soeben in die Sonne hineinflog und mit ihr und dem Göttlichen zu verschmelzen schien. Ich war Alles. Dieser Zustand schien gar nicht mehr zu enden.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich damals in diesem magischen, zeitlosen Zustand verweilt hatte. Irgendwann rief mich meine Großmutter zu sich, um mir etwas zum Trinken zu reichen. Da war ich aus dieser „Anderswelt“ wieder draußen. Meine Seele hat aber dieses Bild, diese Erfahrung nie mehr vergessen. Erst viel später wurde mir klar, dass ich schon als kleiner Junge ein mystisches Erlebnis gehabt hatte und dass ich mitten ins Göttliche hineingeraten war. Ich kann es aus heutiger Sicht nur so deuten und benennen. Und das erklärt auch meine Sehnsucht nach dem Göttlichen, die mich seither nie mehr loslassen hat.

Was bedeutet „Erleuchtung“?
Der Buddhismus spricht vom „Erwachen“ und von einem Zustand der „Erleuchtung“. Viele Menschen haben Sehnsucht danach. Doch was bedeutet es eigentlich, „erleuchtet“ zu sein? Mir geht es bei der Klärung dieser Frage weniger um eine theologische Begriffsklärung als vielmehr um eine einfache und zugleich fundamentale Erkenntnis: Wir kommen aus dem Göttlichen, wir sind von unserem Wesen her Teil dieses Göttlichen und wir werden einmal wieder ins Göttliche zurückkehren. Paradies, Nirwana, Brahman, göttliches All-eins, im göttlichen Sein, das sind nur einige Begriffe in den großen Religionen, in denen sich die Ur-Sehnsucht unserer Seele ausdrückt.

Unsere wahre göttliche Wesensnatur zeigt sich also oft gerade nicht in all den Rollen, die wir in unserem Alltag spielen. Denn nicht selten wird dadurch unser göttliches Wesen, das wir schon immer sind, verdeckt und verdunkelt. Auch die Vorstellung, Gott erst im Jenseits nach unserem Tod finden zu können, greift viel zu kurz. Es ist religiösen Führern wie Buddha oder Jesus zu verdanken, dass wir eine Ahnung von Erleuchtung und einen Hinweis dafür bekommen haben, was wir Menschen in Wahrheit sind: Kinder Gottes, von göttlicher Wesensnatur, den göttlichen Funken schon immer in uns tragend – bereits im Hier und Jetzt dieses Lebens. Dies zu fühlen, sich dessen bewusst zu werden, dies wieder zu erkennen bedeutet für mich „Erleuchtung“.

So viele Menschen, die nur nach Geld, Macht, Konsum und Besitz streben oder sich in heftige Konflikte mit anderen Menschen oder ihrer Arbeit verstricken, haben vergessen, wer sie und andere in Wirklichkeit sind: göttliche Wesen. Doch wie kann man diese Erleuchtung bekommen? Wo kann man Gott finden und die Verbundenheit mit dem Göttlichen spüren? Und wie kann man im Alltag ganz praktisch mit dem Göttlichen in Berührung kommen? Muss es erst ein spirituelles Ekstase-Erlebnis geben wie in meiner Kindheit, um Gott spüren zu können?

Achtsamkeit – Öffnung für das Göttliche
Vielleicht übersehen wir oft die ganz alltäglichen Situationen, in denen das Göttliche bei uns anklopft oder uns nahe ist. Dies hat sicher mit dem Faktor Zeit zu tun. Gott ist in der Zeit und in der Ruhe, aber selten in der Hektik zu finden. Und es hat auch etwas mit unserer eigenen Achtsamkeit zu tun.

Der vietnamesische buddhistische Lehrer Tich Nhat Hanh erklärt die spirituelle Haltung der Achtsamkeit mit der Kunst, in jedem Moment geistig präsent sein zu können, also voll und ganz in der Gegenwart zu leben. Dazu ist jedoch das stetige aktive Bemühen erforderlich, jeden einzelnen Augenblick des Tages gleichbleibend mit hoher Wachheit und mit aktiver Aufmerksamkeit wahrzunehmen. Dadurch können mit der Zeit besonders Emotionen negativer Art wie Ärger, Wut oder Angst eine heilsame Transformation erfahren und die eigentliche Essenz der Dinge immer mehr erfasst werden.(*1) Dann kann die göttliche Wesenssubstanz in uns aus dem eigenen Inneren hochsteigen und sich in uns ein spiritueller Raum auftun oder uns sogar komplett in einem solchen einhüllen.

Ich bin davon überzeugt, dass Gott am leichtesten im Alltag zu finden ist und dass dies für jeden von uns zu jeder Zeit und ohne jede Voraussetzung möglich ist, wenn wir nur achtsam und offen dafür sind. Zum Schluss möchte ich daher drei alltägliche Begebenheiten schildern, in denen mir eine Begegnung mit dem Göttlichen leicht möglich erscheint.

Gott im Alltag finden
Erlebnis 1: Sitzen auf der Couch
Es ist mittlerweile zur Gewohnheit geworden, dass ich nach dem Frühstück noch gut 20 Minuten Zeit zur Meditation und zur bewussten Stille habe. Dazu setze ich mich auf die Wohnzimmercouch, zünde eine Kerze an, wickle mir eine Decke um den Körper, schließe die Augen und lasse dann absichtslos meine Gedanken fließen. Manchmal kann ich dabei einen richtigen Strom von Gedanken beobachten, die beständig wie Wolken am Himmel an mir vorbeiziehen. Ich möchte dabei nichts bewerten, nur beobachten.
An anderen Tagen stelle ich bei der gleichen Gelegenheit nach etwa zehn Minuten fest, dass ich ganz von selbst in eine tiefe Bauchatmung hineingeraten bin. Ich kann diesen Zustand nicht bewusst herbeiführen, ich gebe ihm aber durch mein Sitzen in der Stille die Möglichkeit sich einzustellen. Dann passiert meist nichts anderes als dass ich wahrnehme, wie ich in der Bauchatmung bin – Ausdruck für eine starke Präsenz im Hier und Jetzt. Es ist ein sehr schönes Gefühl, weil ich dabei eine grundsätzliche Geborgenheit und ein Urvertrauen erlebe – in mich selbst, in das Göttliche, für diesen neuen Tag. Wenn ich schließlich nach einem kurzen Gebet wieder aufstehe, gehe ich anders in den Alltag hinein: präsenter, bewusster, gelassener, ruhiger, entspannter.

Erlebnis 2: Zeit im Wald
Zu einem ausgeglichenen Tagesablauf gehört es für mich auch, nach der Arbeit für ein oder zwei Stunden in die Natur hinauszugehen. Oft durchstreife ich – wie schon als kleiner Junge – ein ausgedehntes Waldgelände nahe meines jetzigen Wohnortes. Im Wald kenne ich Lichtungen, besondere Bäume und Plätze, die zum Verweilen einladen. Nach dem Sonnenuntergang habe ich manchmal das Gefühl, dass ich wie von selbst in eine „Anderswelt“ hineingerate, weil mir die Naturwesen noch lebendiger und präsenter erscheinen als sonst. Wenn ich dann – wie am Morgen auf der Couch – auf einem Baumstumpf in einer Waldlichtung verweile und meine Gedanken schweifen lasse, fühle ich mich Mutter Natur und der göttlichen Schöpfung manchmal sehr nahe und meine Alltagssorgen geraten in Vergessenheit.
Dies hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Naturwesen, wie etwa Bäume, eine viel langsamere Schwingungsfrequenz als wir hektischen Menschen haben und diese auch ausstrahlen. Wenn es mir gelingt, mich etwa auf diese Schwingung der Bäume einzustimmen, werde ich dabei viel ruhiger, entspannter und gelassener. Und nicht selten stellen sich dann auch spontan Gedanken ein, die offensichtlich aus der rechtshirnigen Ebene in mir stammen, in der die Intuition, Emotionen und Spiritualität zu Hause sind. Dann kann ich mit dem Schöpfer, mit dem Göttlichen in Berührung kommen und mich mit ihm verbinden.

Erlebnis 3: Situationen im Alltag
Mir ist klar, dass viele Menschen einfach die Zeit für eine Morgenmeditation oder für ein Verweilen im Wald nicht haben. Darum möchte ich noch von einer dritten Situation berichten, in die sich vermutlich jede und jeder einfinden kann. Ich denke, das Göttliche kann überall erfahren werden.

Manchmal sitze ich am Nachmittag nach getaner Arbeit einfach auf der Couch und lasse völlig absichtslos die Gedanken schweifen. Für einen Augenblick kann ich an manchen Tagen spüren, dass alles gut in meinem Leben ist. Dies erfüllt mich mit tiefem Sinn und mit einer großen Dankbarkeit. Denn dies war bei weitem nicht immer in meinem Leben so. Vielleicht haben auch Sie, lieber Leser, solche Momente mitten in Ihrem Alltag, in denen Sie ein Gefühl von Sinn, Glück und Dankbarkeit empfinden und diesem Gefühl Raum geben können: etwa während einer Autofahrt durch eine schöne Landschaft, wenn die Kinder am Morgen aus dem Haus gegangen sind, während einer kurzen Denkpause in Ihrem Berufsalltag, bei einem Blick aus dem Fenster, bei einer Tasse Tee oder Kaffee, wenn Sie gerade einmal durchschnaufen, ein bisschen abschalten und für einen Augenblick allein sein können. Bei rechter Betrachtung können all diese kleinen Situationen zu Momenten einer spirituellen Erfahrung werden.

Fazit
Mir ist bewusst, dass man solch ein spirituelles Gefühl nicht erzeugen oder erzwingen und, wenn es sich eingestellt hat, auch nicht festhalten kann. Wenn man Glück hat, erfährt man dieses Gefühl jedoch immer häufiger. Ich kann mir nur Situationen bewusster Auszeit gönnen, in denen ich weder Radio noch Fernsehen, weder Internet noch Smartphone zur Verfügung habe. Manchmal erlebe ich in dieser Atmosphäre von Alleinsein und Stille ein sehr zufriedenes Gefühl und erkenne, dass es nur von meinem eigenen Bewusstsein und von meiner Deutung abhängt, ob ich glücklich bin oder nicht. Denn das Göttliche ist immer da, um mit uns Kontakt aufzunehmen - es wohnt in uns selbst.

Hinweis im Text: *1 vgl. Wikipedia vom 04.08.2018 zu „Tich Nhat Hanh“


Peter Maier: Lehrer für Physik und Spiritualität, Autor
Literatur: „Heilung – Initiation ins Göttliche“, ISBN 978-3-95645-313-7 (18,99 Euro, Epubli Berlin)
Nähere Infos unter: www.initiation-erwachsenwerden.de