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Selbstliebe... von Wolf Schneider


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Verrückte Welt. Wie kann es sein, dass ein Mensch sich nicht selbst liebt? Dort wohnst du doch, in diesem Körper – und den magst du nicht? Der bist du doch, den sie da mit deinem Namen nennen, und der sich selbst so nennt – und den lehnst du ab? Wir leben fast ausnahmslos in Körpern, unter Umständen und mit Identitäten, die wir nicht vollständig akzeptieren. Das ist die Quelle von unendlich viel Leid. Vermeidbares Leid.

Wir sind verbunden
Deshalb behaupte ich, dass die Selbstakzeptanz – besser: Selbstliebe – das A & O für das Lebensglück jedes einzelnen ist. Und nicht nur das, sie ist auch entscheidend für das Glück der sozialen Umgebung dieses einzelnen, der ja nie ein einzelner ist. Wir sind miteinander verbunden. Das Glück oder Unglück von jedem von uns wirkt hinaus auf alle anderen, mit denen wir zu tun haben.
Wenn du dich selbst nicht liebst, wirst du von keinem anderen die dir gegebene Liebe akzeptieren können. Du wirst es für einen Irrtum halten, wenn dieser andere dich liebt, weil du doch weißt, wie wenig liebenswert du bist; schließlich wirst du diesen Liebenden für einen Idioten halten, denn wie kann man so dumm sein, sich ausgerechnet in jemand wie dich zu verlieben. Und umgekehrt: Wenn du dich selbst liebst, wirst du alle, die dich lieben, zu ihrer Wahl beglückwünschen und ihnen gratulieren für diese goldrichtige, intelligente Entscheidung ihres Herzens – und dieses Glück strahlt auf dich und alle zurück, mit denen du zu tun hast.

Das Ego-Bashing
Nun gibt es in den spirituellen Szenen - trotz all der dort gewiss auch vorhandenen Weisheit - die Praxis des Ego-Bashings. Sie besteht darin, dass du das All-Eine, das Verschmelzen mit dem kosmischen Ganzen, den Himmel, Gott, das Du oder die Selbstlosigkeit zu erreichen versuchst, indem du die auf dich selbst bezogenen positiven Gefühle für minderwertig und zu überwinden erklärst. »Noch« bin ich so sehr im Ego, sagst du zu dir selbst, weil es dir nach diesem leckeren Stück Kuchen dort vor deinen Augen gelüstet. Wärst du spiritueller, würdest du in deiner stillen, hoch entwickelten Bescheidenheit diesen Genuss einem anderen Menschen gönnen. Noch willst du schön sein, gesund, zufrieden und ausgeruht, anstatt deine Pflichten perfekt auszuführen und nur für die anderen Menschen da zu sein, was sich für ein spirituell hoch entwickeltes Wesen doch gehört. Solch eine Vorgehensweise – ich nenne sie hier Ego-Bashing, das Eindreschen auf das vermaledeite Ego – ist nicht gut, denn sie führt zu Heuchelei und persönlichem Unglück, was wiederum in einer Negativspirale auf die soziale Umgebung dieses Ego-Bashers rückwirkt. Unglück erzeugt weiteres Unglück. Man nennt es Teufelskreis, aber es ist eher eine Spirale als ein Kreis, eine Spirale sich exponentiell entwickelnden Unglücks.

Selbstmitgefühl
In den spirituellen und therapeutischen Szenen und bei den Selbstverbesserern grassiert seit einiger Zeit ein neuer Modebegriff: das Selbstmitgefühl (self compassion oder mindful self compassion). Für einige, die des Achtsamkeitshypes überdrüssig sind, wird er diesen Begriff ablösen, denn er ist neu und noch nicht so verbraucht. Aber wer hat da eigentlich Mitgefühl mit wem? Genau genommen setzt diese Haltung eine Art Schizophrenie voraus, denn ich muss mich dazu in einen Mitgefühl gebenden und einen Mitgefühl nehmenden Teil aufspalten. Da wir jedoch sowieso und schon immer in uns gespaltene Wesen sind, kann die Wirkung durchaus eine gute sein: Ein Teil von mir kümmert sich mitfühlend, nachsichtig, liebevoll um einen anderen Teil von mir selbst. Das ist auf jeden Fall besser als das Sich-Peitschen zu hohen Zielen, umso mehr, wenn es Ziele sind, die durch Stress und Peitsche nicht zu erreichen sind, wie Liebe, Gelassenheit, innerer Frieden, Glück.

Boshaft sein
Schwieriger wird es, wenn wir Liebe, Akzeptanz und Selbstmitgefühl Eigenschaften von uns entgegen bringen sollen, die krass negativ sind. Wenn wir das Bedürfnis haben, einem andern Menschen grundlos eine reinzuhauen, uns zu rächen oder jemand leiden zu sehen, sollen wir auch dann liebevoll mit dieser Eigenschaft umgehen? Mit der Eigenschaft ja, sage ich, aber ohne den Tatimpuls zu unterstützen.
Das Bedürfnis sich zu rächen oder einen anderen Menschen leiden zu sehen will genauso geliebt werden, wie alles andere. Es zu lieben heißt, ihm zu sagen, dass es da sein darf: Du bist willkommen, du Wut, Trauer, Neid, Rachegefühl oder sogar Mordlust, denn du bist ein Zeichen von Lebendigkeit, Engagement, Kraft, Vitalität. Weil das Ausführen der Tat jedoch alle Beteiligten, auch den Täter, ins Unglück stürzen würde, wäre dies eben gerade nicht liebevoll. Hierfür müssen wir zwischen dem Gefühl, eine Tat ausführen zu wollen und dem Impuls zur tatsächlichen Ausführung unterscheiden können. Der Boshafte (also jeder von uns) darf dazu nicht selbstignorant sein und muss fähig sein, ein aufkommendes Gefühl in seiner Entwicklung genau zu beobachten. Es zu verdrängen ist dabei keine gute Lösung, denn das macht krank. Außerdem lauert es dann im Verborgenen auf eine Gelegenheit, den ahnungslosen Verdrängungskünstler hinterrücks zu überfallen – ein Tat »im Affekt« nennt man das dann.

Selbstherrlichkeit
Ist nicht Selbstliebe nur die Vorstufe zu Selbstherrlichkeit, Arroganz und Rücksichtslosigkeit? Und zum Narzissmus, von dem wir in diesen postfaktischen, profilsüchtigen Zeiten eh schon genug haben? Ich halte im Gegenteil Narzissmus, Eitelkeit, Arroganz und Rechthaberei für Zeichen eines Mangels an Selbstliebe.
Es ist eine Überkompensation: Eigentlich hältst du dich für einen Loser, für hässlich, schwach oder inkompetent. Um dich dieser vermeintlichen Tatsache nicht stellen zu müssen, sie nicht ‚an dich ran zu lassen‘, versuchst du nun, dir zu beweisen, dass es nicht so ist, indem du dich in die Pose des Gegenteils wirfst.
Dabei wäre Selbstherrlichkeit gegenüber Selbsterniedrigung die bessere Wahl. Zugegeben, das Prahlen über die eigenen Vorzüge kann nerven. Andererseits finde ich das Gejammer über die eigene Unfähigkeit oder Unwürdigkeit, die man sich autosuggestiv verpasst hat, noch schlimmer. Für wen man sich hält, ist immer das Ergebnis einer Interaktion von Fremdbild und Selbstbild, Suggestion und Autosuggestion.
Du weißt ja nicht, wer du bist und warum das Universum dich gerade mit diesen Eigenschaften ins Leben geworfen hat und in diese Umstände, die du da vorfindest. Keiner weiß das. Also darfst du beides selbst gestalten und das Beste draus machen.

Wir sind die Mitte der Welt
Kraft meiner Selbstherrlichkeit sage ich deshalb nun dies: Es ist besser sich zu lieben und gut zu finden als sich zu hassen oder sich nachhaltig zu bedauern. Denn du und ich, wir sind die Mitte der Welt. Wie wir uns fühlen und uns selbst beurteilen, das strahlt aus. Wenn die Mitte sich liebt, wird auch die Peripherie etwas davon abbekommen. Heißt es doch schon in den Geschichten aus dem alten China, dem »Reich der Mitte«: Wenn der Kaiser glücklich ist, dann ist Frieden im Land. Du und ich, wir alle sind die Kaiser.
Der Kaiser soll nackt sein? Hat da nicht grad eben ein Kind gelacht über seine eingebildeten neuen Kleider? Egal. Die Einsichtigen unter uns wissen, dass wir alle nackt sind. Die Welt ist ein Hologramm. Jeder Teil des Universums ist die Mitte und jeder von uns der Kaiser seiner Wahrnehmung. Mit welcher Identität wir gerade bekleidet sind, ist eine Sache der Perspektive.

Wolf Sugata Schneider Jg. 52. , Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de
Kontakt: schneider@connection.de
Workshops und Seminare auf www.bewusstseinserheiterung.info