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Die unheimliche Magie der Psychose... Ausschnitte aus dem Buch von Vera Maria


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© Corinna Gänsle

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ist eine Psychose, eine Krankheit oder mehr als das? Öffnet sie vielleicht sogar Zugänge in Räume, die sonst verschlossen sind? Ist sie nicht nur Krankheit sondern auch Bewusstseinserweiterung?
Vera Maria schildert in ihrem Buch offen und unumwunden ihre Leidensgeschichte, aber auch ihren spirituellen Weg, der ihr letztlich neue Lebensperspektiven eröffnet. Im Folgenden ein paar Buchauszüge:


Ich heiße Vera Maria und bin vierundzwanzig Jahre alt. Ich hatte ein normales und schönes Leben, bis sich bei mir mit ungefähr siebzehn Jahren eine Angststörung einstellte, die sich im Laufe der Zeit zu einer schizoaffektiven Störung entwickelte. Meine psychische Erkrankung hätte mich fast das Leben gekostet, aber auf ihrem Höhepunkt, während einer Psychose, wurde mir auf geheimnisvolle Weise das Leben wieder geschenkt.

Der Brief an mich selbst
Als ich in der Klinik sehr manisch und psychotisch war, hatte ich unglaublich viel Zeit, über mich selbst und die Gründe meiner Krankheit, vor allem über die Gründe der Angststörung, nachzudenken. Auch hier bekam ich plötzlich Ideen und Einsichten, die mir im normalen Zustand, also jenseits der Psychose, nicht zugänglich waren. Wieder hatte ich das Gefühl, auf ein Wissen zugreifen zu können, das tief in mir verankert ist, als würde sich mir quasi eine Schatztruhe öffnen, die normalerweise fest verschlossen war. Ich konnte plötzlich auf dieses Wissen in der Schatztruhe zugreifen, konnte sie einen Spalt breit öffnen und völlig neue Erkenntnisse gewinnen
Da ich viel Zeit hatte, schrieb ich einige Erkenntnisse, die sich spontan einstellten und sich mir offenbarten, in einem langen Brief an mich selbst nieder. Dieser Brief beschreibt eine Hypothese, wie sich die Angststörung in mir entwickelt hat. Ich hatte zwar oft mithilfe der Psychologen versucht, die Gründe für die Angststörung zu finden, doch diese Erkenntnisse und Einsichten, die ich mitten in der Manie und Psychose hatte, waren gänzlich neu und ergeben für mich ungemein viel Sinn.
Nie hatte ich im Laufe meiner Therapien mit all den professionellen Psychiatern und Psychologen solche logischen Erklärungen gefunden. Für mich ist dies ein weiterer Beweis dafür, dass das Bewusstsein während einer Psychose erweitert ist und Zugänge tief ins Unterbewusstsein möglich werden, wodurch auf verborgenes Wissen zugegriffen werden kann.

Im Folgenden nun (in Auszügen) der Brief, den ich an mich selbst geschrieben habe:

Liebe Vera, der einzige Ausweg schien dir damals in deinem Freitod zu liegen. Heute weiß ich, dass du aus jeglicher Tiefe, mag sie auch noch so bedrohlich und unendlich erscheinen, wieder nach oben steigen kannst. Und zwar deshalb, weil du ein Phönix bist, der zwar verbrennt, aber aus seiner Asche wieder aufersteht und umso stärker nach oben steigt, und der seinen immerwährenden Prozess des Verbrennens und Wiederauferstehens angenommen hat.

Den Strudel, der dich mit stetiger Regelmäßigkeit nach unten gezogen hat und dich mit all seiner Bedrohlichkeit zu verschlingen drohte, hast du letztlich – wenn auch vielleicht schuldlos – selbst verursacht. Äußerlich war dein Leben perfekt, alles war durchgeplant, und immer hattest du das nächste Ziel vor Augen. Deine Eltern führen eine glückliche Ehe, du hattest dein Abitur und dein Traumstudium »Soziale Arbeit« begonnen. Du hattest einen festen Freund und viele Freundinnen. Und doch warst du nicht erfüllt, denn etwas Entscheidendes fehlte in deinem Leben. Du wusstest nicht, was, doch du hast die Folgen davon gespürt, zuerst kaum merklich, dann immer beunruhigender und intensiver. Wie ein Tumor, dessen Zellen schon lange in dir angelegt waren, wuchs etwas atemberaubend rasch in dir heran – die Angst!
Zuerst waren es unbegründete Zukunftsängste, Versagensängste. Schnell schlichen sich Grübelzwänge ein, die deine Angst zu besänftigen versuchten. Sie manifestierten sich schließlich sehr schnell ganz in deinem Leben, engten es bald so ein, dass es dir wertlos erschien. Dazu kamen depressive Phasen, die die Zwänge noch verschlimmerten. Ich habe lange nicht verstanden, woher diese tief sitzende Angst bei dir kommt, die sich nur mit Zwängen beruhigen lässt – bis gestern. Es fiel mir, wie vieles andere auch, wie Schuppen von den Augen, seitdem du aktuell wieder manisch bist. Du hast einfach Angst, etwas »angestellt«, etwas Schlimmes in der Vergangenheit verursacht zu haben, das schreckliche Folgen hat. Heute weiß ich: Du bist ein guter Mensch! Du machst zwar Fehler, aber das darfst du auch, denn du bist fähig, sie zu bereuen, und würdest nie in böser Absicht jemandem Leid zufügen, denn es würde dir schreckliche Gewissensbisse verursachen. Du darfst dich lieben, denn du bist ein Mensch mit einem guten Herzen. Irgendetwas hat dieses Wissen in dir aber zerstört, dich verunsichert und glauben lassen, du müsstest immer alles kontrollieren, extra gut und genau machen, um ja keinen Fehler zu begehen. Du hast dich gnadenlos klein gemacht und deine Spontaneität und Kreativität der Kindheit auf dem Altar des Perfektionismus geopfert. Du hast also Angst, dass durch die kleine Vera, die eigentlich nur Gutes will, jemandem Leid zugefügt wird, weil sie übermütig und unüberlegt handelt.
Als du 15 Jahre alt warst, gab es wohl einen Knackpunkt in deinem Leben, der diese Angst entstehen ließ: Deine Mama hatte eine depressive Phase. Du sahst, wie sehr sie litt, wie sie wütend und verzweifelt zugleich war. Du wurdest in dieser Zeit auch von deinem Papa darüber informiert, dass sie nach deiner Geburt eine Wochenbettdepression hatte. Natürlich sagtest du dir auf rein rationaler Ebene, dass dich dafür keine Schuld traf, da du einfach nur ein normales Baby warst, das leben wollte. Auch rein emotional hattest du damals kein Problem – jedenfalls bei oberflächlicher Betrachtung. Heute weiß ich, dass sich dein Unterbewusstsein trotzdem dafür schuldig fühlt(e). Deine Mama war immer eine gute Mutter, aber als sie so depressiv war, hattet ihr sehr oft Streit und du hattest dabei oft das Gefühl, sie würde ihren Frust mehr an dir als an deinem Bruder Stefan auslassen, da du das »Wochenbettdepressionsbaby « warst. Du hasstest sie dafür und dich im Grunde auch.
So kann ich mich erinnern, wie du oft Mama und Papa überraschen und einen Kuchen backen wolltest. Mama wurde bei dieser Gelegenheit immer sehr wütend und schimpfte, du hättest die Küche dreckig gemacht. Du wolltest etwas Gutes tun, doch wurde es als ein Fehler von ihr gewertet, der Leid verursachte, sowohl für Mama als auch für dich. Du standest deiner Mutter damals sehr lange zwiespältig gegenüber. Liebte sie dich überhaupt und – liebtest du sie noch? Ich akzeptiere heute, dass die Eltern auch nur Menschen sind, die Fehler machen. Ich denke, 80 Prozent unserer Erziehung waren goldrichtig. Du hattest schon immer das extreme Bedürfnis, von anderen anerkannt und geliebt zu werden, weshalb du auch im Kindergarten und in der Schule sehr strebsam warst. In der Pubertät erhielten deshalb für dich auch Aussehen und Kleidung eine besonders hohe Bedeutung, die auch in deiner sehr stark übersteigerten Sucht nach Anerkennung wurzelte.
Als dir deine Mama, bedingt durch eine depressive Phase in deinem fünfzehnten Lebensjahr, ihre zweifellos vorhandene Liebe und Zuneigung nicht zeigen und vermitteln konnte, warst du umso glücklicher, als du deinen ersten festen Freund kennenlerntest. Jedoch währten Liebe und Freude nur kurz. Er betrog dich nämlich sehr bald, was dazu führte, dass du ihn deinerseits auch hintergingst. Du erfuhrst also in dieser Beziehung keine echte Liebe, aber dein Vertrauen in das Leben zerbrach ein Stück weit.
Später, im Alter von 17 Jahren, lerntest du dann Manu kennen, mit dem du vier Jahre zusammen warst. In dieser Zeit hast du vor allem durch schulische Leistungen, später Studienerfolge und durch die Pflege deines Aussehens versucht, die dringend nötige Anerkennung zu bekommen. Obwohl du dich aber immer ausführlich geschminkt und gepflegt hast, war Manu nie mit deinem Äußeren zufrieden, kritisierte deine Schwachstellen oder zog sie sogar ins Lächerliche. Auch seine Freunde machten dabei mit. Als sensibler Teenager hast du diese Kritik leider viel zu sehr an dich herangelassen, mehr, als für dich gut war. Manu mag ja seine Fehler gehabt haben, aber insgesamt war er ein guter und auch liebevoller Partner, der die schweren Anfangszeiten deiner Krankheit mit durchgestanden hat und manchmal wahrscheinlich einfach nicht recht mit der schwierigen Situation umgehen konnte, was ich ihm nicht verdenken kann. Jedenfalls wollte er dich nie absichtlich tief verletzen, wofür ich ihm von Herzen dankbar bin.
Auch dein Alkoholkonsum war in deiner Jugendzeit nicht unbeträchtlich. Du wolltest dich genauso wie durch deinen späteren Drogenkonsum einfach nur betäuben, Neues, Verbotenes ausprobieren, vor allem aber deinen Ängsten entfliehen, wolltest dir künstliches Glück verschaffen. Innerhalb deines Freundeskreises waren fast alle darauf bedacht, gut auszusehen, und eure Gespräche verliefen meistens sehr oberflächlich. Du hattest in Bezug auf dein Aussehen nie das Gefühl, mit deinen Freundinnen mithalten zu können, und glaubtest immer, sie wären hübscher, attraktiver als du. Dass der Vergleich der Tod jedes Glückes ist, war dir damals zwar durchaus bewusst, aber deine Gefühle und dein Unterbewusstsein haben diese alte Weisheit beständig ignoriert.

Heute hat Kosmetik und schicke Kleidung weitaus weniger Bedeutung für mich. Kurzum, ich muss es dir in aller Deutlichkeit heute mitteilen:
Du bist lange Zeit falschen Zielen hinterhergejagt.

Erst als du deinen jetzigen Freund Noah kennenlerntest, fingst du wieder an, dich selbst wertzuschätzen. Du hast gespürt, dass er dich trotz deiner psychischen Erkrankung und deiner Fehler liebt und annimmt, wie du bist. Wenn ich seinem tiefen Selbst jetzt nur vermitteln könnte, dass er sich selbst genauso lieben darf, wie er mich liebt, dann wäre für uns alle viel gewonnen. Wir lieben einander nahezu bedingungslos, müssen aber jetzt noch die Eigenliebe entwickeln, uns selbst annehmen mit all unseren Stärken und vor allem unseren Schwächen.

Ich möchte dich auch noch an die Sache mit Lena erinnern, deiner besten Freundin aus frühen Kindertagen, die magersüchtig wurde, als ihr beide 15 Jahre alt wart. Es hat dich damals verletzt und bei dir Schuldgefühle verursacht, als eine andere gemeinsame Freundin von euch aus einem psychologischen Gutachten über Lena erfuhr, sie würde dir eine Teilschuld an ihrer Magersucht geben. Du hattest mit Lena sicherlich Streitereien, wolltest aber natürlich nie psychosomatische Probleme bei ihr verursachen.

Abschließend möchte ich dir ein psychologisches Modell bezüglich der Entstehung deiner Angststörung vorstellen:

VERA ist…
> chaotisch, kreativ, sprunghaft, gutmütig, warmherzig
> ohne Absicht/Zufall: Leid für andere oder sich selbst
>
> extreme Kontrolle, Genauigkeit > Zwänge

In der Hoffnung auf Aussöhnung und wachsende aufrichtige Liebe
Deine Vera

Buchauszüge mit freundlicher Genehmigung vom Verlag der Ideen.

In weiteren Kapiteln berichtet die Autorin über Gespräche mit dem Tod, ihre spirituelle Familie, Überforderung in der Psyche, dem ersten, zweiten, dritten und vierten Suizidversuch und über Hoffnung.



Buchtipp:
Vera Maria: Die unheimliche Magie der Psychose – Eine Erfahrung,
Verlag der Ideen, 9.2017, 224 Seiten, 16,90 Euro,
ISBN 978-3-942006-28-6,
auch als E-Book erhältlich.