aktuelle Seite: Artikel   

Fühlst du es? ...von Wolf Schneider


art95005
© Roman Samokhin - Fotolia.com

Vergrößern hier klicken.
Kaum etwas stiftet so viel Verwirrung wie das Sprechen über Gefühle, über das Fühlen und das Herz. Egal ob sie etwas Faktisches oder etwas Fiktives erzählen, Liebeslieder und romantische Gedichte faszinieren uns, manchmal rühren sie uns zu Tränen. Wir fühlen dabei ihre innere Wahrheit und erinnern uns an selbst Erlebtes. Wir glauben zu wissen, was diese Worte bedeuten, wir »fühlen es« doch! Aber was meinen wir mit diesem Fühlen? Ist es sowas wie das Empfinden, ob es warm oder kalt ist? Oder ist es so wie wenn wir die Haut eines anderen Menschen auf unserer Haut fühlen? Beides wäre ein sinnliches Erlebnis, das erste über unser Wärmeempfinden, das zweite über den Tastsinn. Oder meinen wir mit dem Fühlen eher das Einfühlen in die Gefühlswelt anderer, in ihren Schmerz, ihre Freude oder Trauer? Obwohl Sinne der Auslöser zu solch einem empathischen Vorgang sein können, wäre das kein sinnliches Fühlen, sondern ein emotionales. Und es gibt noch viele andere Varianten des Fühlens, Erspürens und der intuitiven Wahrnehmung, die auch oft »Fühlen« oder »Spüren« genannt wird. Als wäre das nicht schon verwirrend genug, sprechen einige von uns auch noch über ihr mystisches Herz und sind überzeugt, damit das ganze Universum fühlen zu können, Freund und Feind, alle und alles, das Ganze.


Kopf und Herz
In Kreisen ganzheitlich bewegter Menschen, die Spiritualität und Heilung suchen oder sich selbst erforschen wollen, ist es verpönt »im Kopf« zu sein. Im Herz zu sein und zu fühlen hingegen gilt als richtig. So weit, so gut. Obwohl die Tendenz zum Verurteilen von Kopf, Ratio und Denken eben dies alles wiederum verstärkt, also das Gegenteil des Erwünschten bewirkt. Ein herzlicher Mensch zu sein gilt den Heilung Suchenden generell als gut. Leider weiß keiner so recht, was »Herz« und »Fühlen« genau bedeutet. Beides gehört zu den Wieselworten, die wir nicht nur in der Sprache unserer Politiker, sondern bei uns selbst antreffen. Sie suggerieren etwas, das sich richtig anfühlt. Sobald man den Sprecher jedoch darauf festlegen will, was er oder sie damit meint, entflutscht einem die Bedeutung wie ein Wiesel.

Die mystische Vereinigung
Ich versuche es jetzt mal anders. Ich schaue einfach, wohin sich meine Aufmerksamkeit richtet. Jetzt richtet sie sich gerade auf diesen Satz, den ich schreibe. Dann vielleicht auf meine Umgebung, auf die Menschen, die ich da vor mir sehe oder die Geräusche, die ich höre. In schaue von meinem Wohnmobil aus auf den Bürgersteig der Straße vor mir und sehe dort ein Kind vorübergehen – und sinke darin ein. Etwas von mir ist nun bei diesem Kind. Oder in dem Kastanienbaum, vor dem das Kind vorübergeht. Jetzt im Oktober lässt er seine Blätter fallen. Dort bin ich nun. Ich bin dabei. Mit meiner Aufmerksamkeit bin ich dort, bei dem Kind, dem Baum, den fallenden Blättern. Es ist ein innerer Vorgang: Mit meiner Hinwendung belebe ich das Bild, das ich von dem Kind, dem Baum, den Blättern in mir habe; ich fülle es mit meiner Energie, meiner Zuwendung. Das Kind spürt meine Zuwendung vielleicht nicht, es ist außen. Aber da meine Außenwelt und Innenwelt eins sind, sonst könnte ich sie ja gar nicht wahrnehmen, bin ich auch in dem Kind und in dem Baum. Ohne etwas von ihnen wissen zu müssen, bin ich darin. Ich kann in sie einsinken, sie erfühlen. Diesen Vorgang nenne ich mystische Vereinigung. Sie ist immer möglich, mit allem. Sie braucht kein Wissen, sie braucht nur die Bereitschaft in das Wahrgenommene einzusinken, es zu erfühlen. Mag sein, dass diese Worte dir nichts taugen, dann wähle dafür andere, aber dieses Einsinken, Erfühlen oder fokussierende dich Hinwenden kennst sicherlich auch du.

Es ist leicht, natürlich und naheliegend
Im Moment eines solchen Einsinkens »bist du nicht mehr«. Du bist nicht mehr mit dir selbst beschäftigt, sondern hingegeben an das von dir Wahrgenommene. Auf diese Art einen Menschen oder sonst ein Objekt in sich aufzunehmen, gibt diesem Raum, um einfach da zu sein, so wie sie oder er oder gerade ist. Du akzeptierst, respektierst, würdigst – ja, liebst das so Wahrgenommene. Du tust dabei nichts, sondern nimmst das Wahrgenommene an und in dich auf. Wir können auf diese Weise auch uns selbst annehmen, unseren Körper mit all seinen Schwächen und Stärken, unseren Charakter, unsere Problemfelder. Wir können das nicht nur, wir sollten es, denn wenn wir das alles so annehmen, dann verdrängen wir nicht mehr und projizieren nicht mehr auf andere. Dann können wir lieben, weil wir auch uns selbst lieben. Dieses Fühlen ist leicht, natürlich und naheliegend. Das einzige, was wir dafür brauchen, ist Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Hinwendung, Hingabe. Sind das zu große Worte? In Wirklichkeit ist es nicht viel, denn es ist alles schon da. Wer imstande ist, seine Aufmerksamkeit auf irgendein Objekt zu lenken und dort zu verweilen, kann auch das.
Ich und Du
Was bedeuten eigentlich Ich und Du und das Ego in diesem Kontext? Wo ist das Ich, wenn ich mich auf diese hingebungsvolle Weise einem Objekt zuwende? Es ist nicht da. Es hat noch niemand sein eigenes Ich gefunden. Geht ja auch gar nicht, denn wo ich hingucke, dort ist immer ein Objekt. Das Subjekt sieht sich selbst nicht. Es kann sich nicht zum Objekt machen, es sei denn, es weitet seine Wahrnehmung so sehr aus, dass alles darin enthalten ist, alles! Subjekt und Objekt, alles.
Warum ist »Ego« dann zum Schimpfwort geworden, wenn doch nie jemand ein Ich gefunden hat? Ist es denn ein Phantom? »Ego« ist zwar das lateinische Wort für »Ich«, aber in unserem Sprachgebrauch meint es eher die Brille, die wir auf der Nase haben und durch die wir die Welt betrachten. Es meint den selektierenden Filter, der bestimmt, was wir an uns selbst und in der Welt sehen. Es meint das, was andere vielleicht an uns sehen aber wir selbst nicht, es sei denn, sie haben gerade denselben Filter auf der Nase, so wie das bei den kollektiven Hypnosen der Fall ist, wo alle dasselbe (nicht) sehen. Wenn ich nun alles in der Welt und in mir selbst fühlend umarme, mich in alles einfühle ohne abzulehnen, ist kein solcher Filter aka Ego mehr da. Gut, oder? Ja, gut. Es impliziert übrigens das Ja- und Nein-Sagen, das Urteilen, Wählen und Entscheiden. Alles das dürfen und müssen wir trotzdem tun bzw. seinlassen.

Gefühle als Schätze
Ein solches umfassendes Erfühlen ermöglicht auch einen kreativen Umgang mit den sogenannten negativen Emotionen wie unter anderem Wut, Trauer, Verzweiflung, Gier, Neid, Eifersucht, Überheblichkeit, Rechthaberei. Alle diese emotionalen Zustände können, wenn nur der passende Auslöser da ist, in jedem Menschen auftreten. Wenn sie auftreten, sollten wir sie erstmal da sein lassen und sie einfach registrieren: Aha, da bist du! Dann erfühlen wir sie, indem wir sie fokussierend umarmen, so als seien sie ein Schatz uns zur Verfügung stehender Energie. Erst diese Umarmung macht sie uns zu Eigen. Dann brauchen wir nicht mehr voller Wut auf etwas drauf hauen oder voller Gier etwas an uns reißen, sondern finden in der Wut einen Schatz an Tatkraft und in der Gier einen Schatz an Mitgefühl. So gewinnen wir Souveränität über uns selbst. Wir sind dann nicht mehr Getriebene, sondern bewusst Treibende – oder werden still.


Wolf Sugata Schneider
Jg. 52.
Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de
Kontakt: schneider@connection.de
Workshops und Seminare auf www.bewusstseinserheiterung.info