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Sexuelle Offenbarung... vonSabine Lichtenfels

Die Scham der Frau und das Machtspiel des Mannes

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Ich spreche ganz speziell aus der Sicht der Frau, denn ich möchte den Männern etwas Wesentliches über die Frau mitteilen, und ich möchte die Frauen animieren, im sexuellen Bereich zu denken, zu sprechen und ihr Verlangen ans Licht zu bringen, denn davon hängt es ab, ob wir eine schönere Zukunft zustande bringen oder nicht.

So manche Frau hat das erfahren: Sie offenbart sich einem Mann sexuell in ihrer vollen Lust – und dieser reagiert mit Schreck. Am Anfang war sie selbstbewusst, liebte das Spiel der Verführung und freute sich an dem Gedanken, von ihm erobert zu werden; sie genoss seine Annäherung und begann, ihm zu vertrauen. Auf einmal lösten sich die Grenzen ihrer Scham. Durch eine außergewöhnliche Öffnung legte sie alle Rollen ab, und wirkliche, tiefe Lust erfasste sie. Er hatte in ihr ein Begehren geweckt, das sie vorher nicht kannte. Es gibt einen Punkt in der Sexualität, an dem eine Frau nur noch ein Verlangen hat: Nimm mich ganz. Es ist ein vehementer Punkt der Öffnung und des Verlangens. Wenn eine Frau so intim sexuell berührt wird, dann denkt sie tatsächlich an nichts mehr als an das Eine. Und dieses Eine ist viel stärker als der Gedanke, ihm gefallen zu wollen. Sie ist jetzt pure Hingabe an etwas, das größer ist als sie selbst und das sie nicht benennen kann.

Jetzt braucht sie ihn. Und plötzlich setzt ein tiefes Gefühl des Ausgeliefertseins ein. Hier ist sie keineswegs mehr souverän. Sie fühlt nur noch tiefe Abhängigkeit und Bedürftigkeit. „Geh nicht fort!“, ruft die weibliche Seele in diesem Moment. Ihr Selbstbewusstsein, ihre Emanzipation sind verschwunden, sie sucht und braucht den Mann, der sie in ihrer wahren tiefen Lust und Selbstoffenbarung bejaht. Frau ist unendlich dankbar, wenn ein Mann sie in solchen Momenten lieben und halten und auf ihr Verlangen Resonanz geben kann. Sie fühlt sich angekommen. Sie darf sein, wer sie wirklich ist. Sie steht aus dem Bett auf und beginnt zu tanzen! Ihr Blick zeigt eine Freude, die er nie zuvor an ihr gesehen hat. Hier beginnt die wirkliche Liebe der Geschlechter.

Doch gibt es noch nicht viele Männer auf dieser Erde, die das Wesen der Frau so tief erkennen und deswegen lieben können. Ein Mann steht der geöffneten Frau meistens ratlos gegenüber. Er ist von ihrer vollen Lust zunächst beglückt, dann aber überwältigt. Er kann nicht so potent agieren, wie beide es wünschen, und zieht sich zurück. Und so kommt es, dass die Frau sich in diesen Momenten tiefster Hingabe allein gelassen fühlt. Sie fühlt sich abgelehnt in ihrem Begehren, genau dort, wo sie auf ihn und seine Anerkennung angewiesen wäre. Wüsste sie doch, dass seine Zurückweisung ursprünglich nicht aus Ablehnung oder Gleichgültigkeit kommt, im Gegenteil! Wenn er sich abwendet, ist es, um sich vor ihrer übermächtigen sexuellen Präsenz und ihrem Verlangen zu schützen. Seine innere Wirklichkeit ist eben noch nicht die des starken Mannes, sondern die eines Sohns, der in der Frau die Große Mutter verehrt und begehrt, aber ihren Hunger nicht stillen kann. Er sehnt sich nach ihrem Leib wie ein Verdurstender.
Er ist ihr verfallen, aber dies kann er nicht zeigen, ohne ihre Verachtung zu riskieren. Denn er hat es zu oft erfahren: Seine Bedürftigkeit stößt eine Frau ab. Noch kaum eine Frau hat die Ebene des Wissens und der Erfülltheit erreicht, wo sie so in sich ruht, dass sie dem Mann an dieser Stelle entgegenkommen und ihm eine Anlaufstelle sein kann. In ihrer eigenen Unerfülltheit empfindet sie einen bedürftigen Mann als ein unfähiges Kind, das an ihrem Rockzipfel hängt. Sie kann und will ihn nicht annehmen.

So prallen zwei eingelöste Sehnsüchte aufeinander. In diesem Drama musste der Mann geschichtlich einen Ausweg suchen: Er begann, Stärke vorzutäuschen. Er begann, die Frau dafür zu verachten, dass sie sexuelles Verlangen zeigte. Und diese Verachtung schenkte ihm eine neue Art von Kraft, von Männlichkeit. Es ist die Männlichkeit des verschlossenen Herzens. Sie brachte ihm Härte, kriegerische Kraft und sexuelle Potenz. Er konnte sich als der starke Mann tarnen, dem die Frauen zu Füßen liegen. Was er mit dem geöffneten Herzen nicht erreichen konnte, das gewinnt er plötzlich durch Verachtung und heimlichen Sadismus. Filme und Mythen sind voll von einsamen männlichen Helden. Der Phallus, der angesichts der weiblichen Offenbarungen nicht reagieren wollte, wurde ersetzt durch die Kanonen und Schwerter der Krieger.
Für manchen Mann ist es leichter, Länder zu erobern, Kriege zu planen, in Wissenschaft und Forschung zu investieren, als das Wesen einer Frau zu verstehen. Und für Frauen scheint es oft leichter zu sein, sich dem Mann zu unterwerfen, als ihm Gefährtin zu sein und eine Hand zu reichen, um gemeinsam das Land der wahren Potenz zu entdecken. In dem Versuch, mit der eigenen eingelösten Sehnsucht irgendwie fertig zu werden, wählen auch viele Frauen Kampf und Verachtung. Sie verschließen ihr Herz und bestrafen den Mann, der es noch wagt, sein Begehren zu zeigen, mit Kälte und Ablehnung. Sie machen sich unerreichbar – bis einer kommt und sie bezwingt. Dem will sie dann ganz gehören. Aber auch dieser Kampf hat uns nicht weiter geholfen. Wir haben darüber unsere wahre Schönheit und Quelle vergessen.

Wir haben vergessen, wer wir eigentlich sind. Wenn Frauen ihre alte Scham überwinden, wenn sie untereinander zu einer geistigen Verständigung darüber kommen, wenn sie sich an dieser Stelle nicht bekämpfen, sondern unterstützen, dann gewinnen sie eine neue Vollmacht. Der Mann wird sie dann nicht mehr verachten können. Daraus entsteht auch die Möglichkeit für echte Frauenfreundschaft – anstelle von Konkurrenz und Eifersucht. Denn dann wissen sie, dass sie an Männern dasselbe lieben und dass sie ihn nicht verlieren, wenn er zu einer anderen geht.

Auszug aus dem Buch von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels:
"Und sie erkannten sich. Das Ende der sexuellen Gewalt", Verlag Meiga, 10.2018
Weitere Infos: de.verlag-meiga.org


Buchlounge mit Sabine Lichtenfels und Benjamin von Mendelssohn am 5.11.2018,
19 Uhr, in der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin, weitere Infos: de.verlag-meiga.org

web: http://de.verlag-meiga.org