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Ausgabe Oktober 2018
Warum Paare streiten und wofür das gut sein kann... von Jochen Meyer


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© VadimGuzhva - Fotolia.com

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„Jetzt sind wir genau an dem Punkt, wo die Stimmung zwischen uns kippt und wir anfangen, uns weh zu tun. Und das nur, weil meine Frau mal wieder länger als nötig vor dem Spiegel steht, weswegen wir zu spät zu unserer Verabredung kommen!“ Gerd und Petra sitzen aufgewühlt vor mir; sie kommen seit einigen Wochen regelmäßig zu mir in die Paarberatung. Sie wollen ihre regelmäßig ausbrechenden Streits beenden und ihre Beziehung retten.

Wenn aus einem harmlosen Anlass ein emotionaler Tsunami wird
Beiden ist klar, dass tieferreichende Ursachen hinter ihren Streitigkeiten liegen müssen. Und so schauen wir uns eine „typische“ Konfliktsituation an und versuchen herauszufinden, wie ein solcher Streit entsteht und was da eigentlich genau abläuft. „Könnt ihr euch erinnern“, frage ich beide, „in welchem Moment die Situation schmerzhaft für euch wurde?“ Petra antwortet: „Das war, als Gerd laut polternd an die Badezimmertüre geklopft hat.“ Und Gerd bestätigt: „Wir wollten um halb acht los. Und fünf Minuten vorher warst du immer noch mit Schminken beschäftigt. Da war mir klar, dass wir uns wieder einmal verspäten werden.“ Ich frage weiter: „Und was passierte dann?“ Petra: „Ich habe zu Gerd gesagt, dass er sich wegen ein paar Minuten nicht so haben soll und ihn als Spießer beschimpft.“ Gerd: „Ich habe vor mich hin gegrollt und Petra durch Nichtbeachtung und Schweigen abgestraft.“
Erneut frage ich nach: „Wie kann es sein, dass diese Situation für euch so schmerzhaft ist? Könnt ihr euch erinnern, wie ihr euch dabei gefühlt habt? “ Gerd: „Nun, das alles haben wir ja schon etliche Male miteinander erlebt. Wenn Petra vor einem Abendtermin im Badezimmer verschwindet und sich schön macht, weiß ich schon, wie es weitergeht. Und das ist total frustrierend für mich.“ Ich frage Gerd: „Und was genau fühlst du dann?“ Gerd denkt etwas länger nach; dann antwortet er: „Ich fahre ja das Auto, muss uns durch den Verkehr lotsen und rechtzeitig einen Parkplatz finden. Das ist dann der totale Stress für mich. Und wenn Petra so lange im Badezimmer rummacht, fühle mich vollkommen hilflos, ja ohnmächtig.“ - „Ich nehme an, das ist für dich kaum auszuhalten?“ frage ich Gerd. Er nickt und schaut betreten zu Boden. Nun wende ich mich an Petra und stelle ihr die gleiche Frage: „Wie geht es dir in so einem Moment? Wie erlebst du die Situation?“ Petra erzählt: „Auch ich weiß ja, wie das normalerweise zwischen uns abläuft. Wenn Gerd so gestresst ist und mich unter Druck setzt, fühle ich mich natürlich auch genervt und dann beginne ich, ihn zu beschimpfen. Aber am Schlimmsten ist es, wenn er sich zurückzieht und mir das Gefühl gibt, Luft für ihn zu sein – dann fühle ich mich unendlich einsam und stürze emotional total ab.“

Der Beziehungs-Supergau: Wenn die emotionale Verbindung abbricht
„Wenn ihr an so einen Punkt geratet“, frage ich weiter: „Wie seht ihr dann euren Partner? Und was macht das mit eurer Beziehung – ich meine mit der Verbindung zwischen euch?“ Gerd: „Wenn Petra so lange im Badezimmer braucht, fühle ich mich nicht respektiert von ihr – sie weiß ja, dass ich den Wagen fahre! Und ich verliere dann auch den Respekt für sie – was soll ich von einer Frau halten, die sich nicht auf mich einstellen kann und der ihr Aussehen offenbar wichtiger ist als dass wir gemeinsam entspannt in den Abend starten!“ Petra hält dagegen: „Wenn du so laut gegen die Badezimmertüre polterst, fühle ich mich nicht respektiert! Und wenn du mich dann stundenlang anschweigst, fühle ich mich ungeliebt und von dir im Stich gelassen – dabei bin ich deine Frau und sollte der wichtigste Mensch in deinem Leben sein!“

Nun sind wir am Kern des Geschehens. Behutsam frage ich nach: „Wenn ich es richtig verstehe, dann ist es nicht das Zurechtmachen vor dem Spiegel oder das Zuspätkommen, das euch miteinander in Streit geraten lässt? Es sind die durch die Situation ausgelösten Emotionen, die euch ausrasten beziehungsweise verstummen lassen?“ Als ich Gerd und Petra erkläre, dass Männer in Beziehungen oft am meisten Probleme mit den Gefühlen von Scham und Ohnmacht haben, Frauen dagegen mit dem Gefühl, verlassen oder einsam zu sein, nicken beide. Noch einmal komme ich auf die Frage, wie sie in solch einem Moment ihre Verbindung erleben. Petra, mit Tränen in den Augen: „Wenn ich mich so einsam und verlassen fühle, kann ich die Verbindung zu meinem Mann nicht mehr spüren. Wenn er mich anschweigt, habe ich das Gefühl, ihn nicht mehr erreichen zu können, und das ist wirklich schlimm für mich.“ Gerd erlebt das ganz ähnlich: „Auch ich fühle mich vollkommen allein und hilflos, wenn ich mich so ohnmächtig fühle und mich zurückziehe. Es ist, als ob die Verbindung zu Petra dann komplett abgerissen wäre, und das ist auch für mich ganz schrecklich. Ist das nicht verrückt: Wir fühlen uns beide einsam und verlassen, sitzen im gleichen Boot mit unserem Erleben und finden nicht zusammen!“

Die Botschaft hinter dem Streit verstehen lernen
Wir wissen heute, dass ein scheinbar bevorstehender oder tatsächlicher Bindungsverlust existentielle Gefühle von Angst und Panik hervorrufen kann. Manchmal sind diese Gefühle so bedrohlich, dass wir sie unbewusst abwehren. Sich zu streiten kann da ein naheliegendes Gegenmittel sein, denn ein emotionaler Gefühlsausbruch wirkt entlastend und befreiend – jedenfalls kurzfristig. Doch das Gefühl des Bindungsverlustes wird dadurch noch verstärkt. Es wird immer größer, umso häufiger wir uns streiten und die Bindung in Gefahr bringen. Ein Streit ist oft ein Signal dafür, dass mit der Verbindung etwas nicht stimmt. Indem wir uns in einen Streit verwickeln, wollen wir unserem Partner unbewusst signalisieren, dass wir uns gerade einsam, hilflos oder ungeliebt fühlen oder dass wir Angst vor einem Bindungsverlust haben. Ein Streit muss also nicht per se etwas Schlechtes sein, und dass wir miteinander streiten bedeutet nicht, dass wir unzulängliche Partner sind.

Ein Streit ist aber nicht das geschickteste Mittel, um den Partner darauf aufmerksam zu machen, dass die Verbindung gerade nicht sicher ist. So geht es auch für Gerd und Petra darum zu begreifen, dass sie ihre Probleme nicht auf der „Sach-Ebene“ lösen können, sondern dass sie auf eine stabile Verbindung achten müssen. Im Laufe unserer Paar-Sitzungen erkennen sie immer besser, wie sie durch ihr Verhalten gegenseitig ihre emotionalen Triggerpunkte drücken, hinter denen natürlich alte Verletzungen aus ihrer Kindheit stecken. Immer häufiger gelingt es ihnen, diese gefährlichen Momente zu vermeiden. Petra lernt ihre Neigung, Vorwürfe zu machen zu stoppen; und Gerd zieht sich nicht mehr so häufig von ihr zurück.
Als sie eines Tages entdecken, wie sie sich gegenseitig vor einem bevorstehenden emotionalen Tsunami warnen können („unserer Verbindung zuliebe“, sagt Gerd stolz), hat das alte Konfliktmuster keine Macht mehr über sie. Aus zwei sich streitenden Partnern sind Verbündete geworden.









Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer / -Therapeut
und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.


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