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Ausgabe Oktober 2018
Das Herz Symbol der Liebe... von Wolf Sugata Schneider

Mehr als nur ein Kitsch-Chakra

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Zwischen Japan und Argentinien, Alaska und Neuseeland ist das Herz, dieses Allerweltssymbol der Liebe, längst auch bruchlos zum Kuschel- und Kitsch-Chakra der Spiri-Szene geworden. Außerdem ist es das Territorium der Selbstgewissen, die schon viel weiter sind als die armen Unterentwickelten, die »noch im Kopf« sind, wo sie sich im Karussell ihrer Gedanken drehen. Oder gibt es auch klar denkende Menschen, die mit dem Begriff »Herz« etwas anfangen können?

Zu Zeiten war mir »Herz«, dieses Wieselwort der Heuchler und Poser, so zuwider, dass ich es aus meinem Sprachgebrauch völlig verbannt hatte. Ebenso wie bei »Energie« und »Schwingung« und noch so vielem anderen übte ich mich in Gleichmut, wenn andere es verwendeten, über meine Lippen kam es nicht. Nur die Lippen? Nein, schlimmer, auch in meinem Emotionalkörper hatte das Gesülze der Spiris und Esos Narben hinterlassen, von meiner Aura ganz zu schweigen. Aber es gab auch andere Zeiten. Da wollte ich nur ganz Herzmensch sein, etwas anderes kam für mich nicht infrage. Keine meiner Handlungen sollte das Ergebnis nur von Gedanken, Überlegungen oder Erwägungen sein. Erst wenn etwas aus dem Bauch heraus sich richtig anfühlte, aus vollem Herzen, aus meiner Intuition und Ganzheit, war es richtig. Leider war ich auch in diesen Zeiten des Vollblutherzmenschseins nicht gegen Irrtümer gefeit, wie ich bald feststellen musste.

Das Herzsymbol
Ich kenne kein anderes Symbol, das auf der ganzen Erde so oft verwendet wird, in allen Kulturen, wie das Herz. Immer ist es positiv gemeint, immer bedeutet es etwas Gutes: Liebe, Güte, Zuwendung, Mitgefühl. Aber woher kommt dieses Zeichen? Warum ist es rot, und warum hat es diese zwei Rundungen und unten diese Spitze? Unser anatomisches Herz, der Pumpmuskel unseres Kreislaufs, hat doch eine ganze andere Form, und auch die Farbe ist eher anders. Vom Feigenblatt oder Efeublatt soll es abstammen, sagen viele der Gelehrten, aber das hat beides nicht diese Form und Farbe. Nein, der Ursprung des Herzsymbols ist ein anderer, wage ich zu behaupten. Er zeigt die Rundungen eines weiblichen Hinterteils, wie es sich einem Mann darbietet, dem sie es wonnevoll entgegenstreckt, vielleicht mit überkreuzten Beinen, so dass die Form nach unten spitz zuläuft. Rot? Ja, rot ist die Öffnung, die sie dem Mann in ihrer Erregung entgegenstreckt. Rot wie das Blut und das Feuer der Leidenschaft. Das Herzsymbol scheint aus einer Zeit zu stammen, als sich unsere Vorfahren noch vor allem in dieser Position paarten. Evolutionsbiologen sagen, dass auch die zwei Rundungen, die eine Frau von vorne zeigt, ihren Ursprung in ihren hinteren Rundungen haben. Wozu sonst sollte eine Frau ihre Brust mit so viel Bindegewebe beschweren, das dem dort trinkenden Säugling doch nichts nützt und sie auf der Flucht vor dem Säbelzahntiger behindert. Evolutionsbiologisch ist dieses beschwerliche Bindegewebe auf der Brust der Frau nur so zu erklären: Es faszinierte Adam, wenn er die schönen Rundungen, die er an Evas Hinteransicht so liebte, an ihr nun auch von vorne genießen konnte, visuell und taktil. Der Evolutionsdruck in Richtung schöne vordere und hintere weibliche Rundungen ist ja auch heute noch vorhanden. Daraus, und nicht aus der Pumpe unseres Blutkreislaufs, ist nun im Lauf der Jahrhunderte das beliebteste und das am meisten Kultur übergreifende unserer weltkulturellen Symbole geworden.

Vom Sex zur Liebe
Der Ursprung der Liebe soll Sex sein? Und dann soll er auch noch aus so früher Vorzeit stammen, als unsere Ahnen einander noch von hinten begatteten? Mag sein. Das wäre auch nicht befremdlicher als die Herkunft des Küssens aus der Mund-zu-Mund Fütterung des Kindes durch die Mutter. Die Erotik ist aus der Brutpflege entstanden, deshalb nennen wir auch heute noch unsere Liebsten mit Kosenamen, als seien sie uns anvertraute Kinder. Ich finde es nicht skandalös, dass die herzliche Liebe vom sexuellen Begehren abstammen soll. Schamlos wie ich (zumindest in meiner Fantasie) bin, finde ich es auch nicht beschämend, dass die Spitzbögen der Gotik von den Vulva-Darstellungen der Romantik abstammen sollen: Christus in der Mandorla ist ein typisches Bild dieser Zeit. Da findet man den Heiland in einer Art Vulva-Öffnung geborgen, die oben und unten spitz zuläuft. Aus Marias irdischer Vulva ist er ja geboren, warum sollte man das nicht in einem Bild zeigen? Hieraus wurden nun also die Spitzbögen der Gotik. Wenn die kunstvoll ornamentierten Portale der damaligen Kirchen oberhalb dieser Vulva-Öffnung auch noch eine wunderschöne Rosette zeigten, kann ich auch darin nichts Schlechtes finden. Nicht nur die Männer von heute, auch die Baumeister von damals wussten offenbar von zwei Öffnungen, die ihre Frauen ihnen zeigten, wenn sie sich von hinten darboten. Solch einen faszinierenden Anblick in Kunst umzusetzen, was sollte dagegen sprechen.

Der Priesterstand
Darf die heilige Liebe auch körperlich sein? Muss sie es vielleicht sogar? Kürzlich traf ich einen brasilianischen Pater. Er lebt nicht im Zölibat, sagte er mir; er hat sexuelle Beziehungen sogar mit mehr als einer Frau. Wenn denn beide Seiten es wollen und auf beiden Seiten die Liebe stark ist, was gäbe es dagegen zu sagen? Mehr als 5.000 seiner Kollegen hätten allein in Brasilien den Priesterstand verlassen, um mit einer Frau leben zu können. Andere leben im Konkubinat, die Gemeinde weiß es, duldet es oder schätzt es sogar; der Bischof weiß nichts davon oder duldet es ebenso. Sollten auch Frauen Priester sein dürfen? Ein emphatisches Ja war seine Antwort.
Nicht nur Priester und ihre Geliebten, auch andere Menschen verheimlichen ihre sexuelle Aktivität. Warum? Liebe sollte körperlich sein dürfen, aber nicht müssen. Ein zeitweiliger Verzicht auf Sex – in Frieden, ohne Drang, Leiden und Entbehrung –, kann die Seele wunderbar beruhigen. Der »Markt der Möglichkeiten« sich (sexuell oder emotional) zu binden kann einen offenherzigen Menschen rundum beschäftigt halten, in Zeiten des Internet mehr denn je. Darauf zu verzichten kann Erholung sein, die Reifung fördern, Einkehr und Achtsamkeit.

Sich beheimaten
Zurück zum Herzen, dem so schwer definierbaren, dass die Wissenschaft sich scheut, überhaupt etwas dazu zu sagen. Hier ist eine Definition, was es heißen könnte, jemanden in sein Herz aufzunehmen. Wenn im menschlichen Kind im Alter von ein bis zwei Jahren ein Gefühl von Ich entsteht, umarmt dabei die Lebensenergie dieses körperliche Wesen als etwas Separates, vom Kontinuum Unterschiedenes und definiert sein Wohlbefinden als Ziel des allmählich bewusster werdenden Handelns. Wenn in dieses – künstliche, gestaltbare – Feld dessen, was von nun an das Ziel des Handelns sein soll, ein anderes Wesen aufgenommen wird als ebenso würdig Ziel des Handelns zu sein, Ziel von Schmerzvermeidung und Lustmaximierung, dann könnte man sagen, das Ich habe dieses andere Wesen – Dich – »in sein Herz aufgenommen«. Ähnlich bei Dingen, Orten, Landschaften, mit denen eine solche Beheimatung stattfindet. Ins Herz aufnehmen hieße dann so etwas wie: sich in etwas oder jemandem beheimaten.

Wolf Sugata Schneider
Jg. 52., Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de
Kontakt: schneider@connection.de
Workshops: www.bewusstseinserheiterung.info


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