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Ausgabe Juli 2018
Die Natur neu entdecken. ...von Tala Mohajeri

und uns ihrer Bedeutung in der heutigen Zeit bewusst werden.

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Wie kann ich mit der Natur kommunizieren?
Der Mensch hat die Fähigkeit, mit all seinen Sinnen zu kommunizieren. Düfte erregen seine Aufmerksamkeit. Er kann durch Berührung Kontakt aufnehmen. Das Sehen ermöglicht eine stille Verständigung. Das Hören verleiht ihm eine Fülle an Aufnahmefähigkeit, offenbart verschiedenste Klänge und Laute. Sein Körper drückt sich durch seine Haltung aus und seine Wahrnehmung dient als Antenne seiner Gefühle. Die Sprache schenkt ihm eine einfache und unkomplizierte Verständigung mit anderen Menschen.

Mit allen diesen Gaben können wir unseren inneren Welten und Befindlichkeiten nach außen hin Ausdruck verleihen. Jeder Mensch erschafft sich seine Realitäten, und alles in dieser Welt fußt auf Kommunikation.
Die Welt ist nicht so, wie wir sie oberflächlich sehen; wenn wir sie nur mit rationalem Verständnis zu begreifen versuchen, betrachten wir nur eine Hälfte eines Kreises. Doch wir verfügen über die Fähigkeit, unsere Wahrnehmung über unseren analytisch geschulten Verstand hinaus zu trainieren und dadurch auf andere Weise zu kommunizieren. Dafür braucht es ein sinnliches Einlassen auf die Mitwelt. Nehmen wir mit unseren Sinnen Signale der Außenwelt wahr, dann erschaffen wir damit eine Realität, die nicht nur im Geiste stattfindet, sondern unmittelbar an und mit unseren Körpern wahrgenommen werden kann. Alles in mir besitzt die Fähigkeit, mit der Umwelt in Kontakt zu treten. Jede Berührung eines Objektes ist Kontakt. Berühre ich die Spitze eines Blattes, dann bin ich der bewusste Sender, ich signalisiere Kontaktbereitschaft - und der Baum kann als Empfänger mit allen seinen Ausdrucksmöglichkeiten antworten. Das, was der Baum mir als Antwort geben kann, ist jedoch abhängig von meiner Fähigkeit der Interpretation. Vielleicht stelle ich fest, dass das Blatt durch den Wind bewegt wird, während ich es berührte. Blätter haben die Fähigkeit, die Starrheit der Bäume aufzulösen. Welche Form hat dieses Blatt? Was bringt diese Form für mich zum Ausdruck? Was erkenne ich in ihm? Vielleicht wohnen auf diesem Blatt Insekten und ich berühre nicht nur ein Blatt.

Oder: Wann immer ein Feuer brennt, sei es ein Kerzenlicht, sei es ein gemütliches Kaminfeuer oder ein wild flackerndes Lagerfeuer, macht es etwas in uns und mit uns: Es kehrt ein Zustand von Ruhe ein und die Kommunikation wird nach innen gerichtet. Geschichten werden erzählt und man fängt an, mit dem Herzen zu lauschen. Wir lassen uns verzaubern von den Bewegungen der Flammen und erkennen Strukturen und Formen in der Glut. Das Feuer wärmt uns und macht Speisen für uns bekömmlicher - auch das ist Kommunikation.

Die Wildnisse der Erde
Der Mensch ist Teil der Natur und er besitzt die Fähigkeit, mit ihr zu kommunizieren. Aber es tun sich weitere Fragen auf: Was können wir von der unberührten Natur lernen? Was ist der Unterschied zwischen Natur und Wildnis? Und wie können wir die Wildnis in uns erleben und spüren?
Wenn wir von Wildnis sprechen, dann assoziieren wir damit Unberührtheit, Urwald. Dschungel, Einöde, Chaos. Wildnis steht für unbeherrschbares und freies Naturgeschehen. In ihrer Ursprünglichkeit ist die Natur wild. Haben wir als Mensch sie geformt oder gestaltet, ist sie zwar nicht mehr wild, bleibt dennoch Natur. Ein einfaches Beispiel dafür ist der Unterschied von Haus- und Nutztier zum Wildtier. Ein Hausschwein ist natürlich Teil der Natur, aber es lebt nicht ursprünglich wild wie ein Wildschwein, sondern hat seine Lebensweise angepasst. Der Wolf ist wild, der Hund nicht. Genauso gibt es wildwüchsige oder gezüchtete Pflanzenarten. Aber noch mal einen Schritt zurück: Die wilde Natur ist also autonom und ungezähmt. Die Wildnis in uns ist es ebenso.

Wildnis finden wir nicht nur in den einsamen Regionen der Erde, sondern unmittelbar bei jedem Gang aus der Haustür. Wildnis unterliegt dem Freiheitsbegriff: Immer dann, wenn wir etwas nicht beeinflussen können oder wenn etwas unvorhersehbar und unplanbar, unkalkulierbar ist, dann ist es wild. Betrachten wir beispielsweise einen Regentropfen. Wir können erfassen, dass er aus Wasserstoffmolekülen besteht, aber wann oder wo er sich bildet, unterliegt dem Wildnis-Prinzip. Es ist unmöglich zu errechnen, wo ein Tropfen im nächsten Augenblick auftreten wird. Unbeeinflussbar ist der Wind, ist das Meer. Treffen Wasser und Wind zusammen, kann jeder Wellengang als wilder Vorgang betrachtet werden.

Gehe ich davon aus, dass Wildnis eine weitgehend unbeeinflusste Naturlandschaft ist, in der der Mensch noch keine Spuren hinterlassen hat, dann finden wir eine solche Wildnis nur noch auf rund einem Drittel bis einem Viertel der Landoberfläche der Erde.* Aus ökologischer Sicht bedeutet Wildnis eine Gegend mit einem intakten Naturhaushalt (Ökosystem). Landschaften, die sich selbst erhalten können und sich durch geschlossene Stoffwechselkreisläufe dauerhaft selbst regulieren. Polargebiete. Tundren, Wüsten, alpines Hochgebirge, Steppen und tropische Savannen, Regenwälder und die Tiefsee kann man alle als ursprüngliche Wildnis bezeichnen, in der sich Tiere und Pflanzen ungestört in ihrem Lebensraum entfalten können. Diese Lebensräume sind unbedingt schützenswert. Sie sind bedeutend für die Erhaltung der Artenvielfalt.

Menschliche Kulturen, die sich in diese Ordnung eingefügt haben und im Einklang mit dem Ökosystem leben, werden als indigene Völker bezeichnet. Diese wenigen Völkergruppen besitzen eine tiefe Naturspiritualität. Sie sind so stark mit der Natur verwurzelt, dass sie keine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Wildnatur brauchen - im Gegensatz zu den Gesellschaften der Industrieländer. Für indigene Völker ist alles belebt, die Erde ist ihre große Mutter und der Himmel ihr Vater. Alles steht in verwandtschaftlicher Beziehung zueinander. Die Tiere sind mit dem Menschen verwandt, genauso Steine oder Bäume. Es gibt in dieser Betrachtung keine Wertungen wie besser, wertvoller oder schlechter; alles hat seinen Platz, seine Rolle und birgt eine Medizin in sich. In diesen Kulturen existiert keine Entfremdung von Mensch und Natur. Die Rolle als Naturwesen hat es den indigenen Völkern ermöglicht, sich ihre Lebensweise über Jahrtausende zu bewahren. Mit viel Geschick und Kenntnis pflegen und hegen sie ihr Land, weil es ihnen heilig ist. Für sie gibt es keine Problem-Bären, sondern ein nur Bären, die Teil ihrer Welt sind.
Da der Begriff »Wildnis« kein naturwissenschaftlicher ist, lässt sich seine Bedeutung ausdehnen und individuell interpretieren. Was wir als äußere Wildnis wahrnehmen, findet nicht nur in entlegenen Regionen statt, sondern auch unmittelbar in unseren Städten. Eigentlich erleben wir Wildnis und wildes Leben bei jedem Schritt, den wir vor die Haustürsetzen. Überall nämlich können wir Wildtiere sehen, in der Stadt, am Meer oder auf dem Land. Amseln, Dorsche, Spitzmäuse, Flundern, Zander, Regenwürmer, Eichhörnchen, Schmetterlinge, Möwen, Mücken, Spinnen, Frösche - unzählige weitere Tierarten ließen sich aufzählen, sie alle sind Wildtiere.

Die oftmals so unbeliebte Taube hat die Vorzüge des Stadtlebens entdeckt und vermehrt sich prächtig - und lebt wild. Wer nur Bären, Wölfe und Luchse als Wildtiere definiert, verliert schnell den Blick für alle unzähligen anderen Tierarten. Rehe, Wildschweine und Füchse leben, auch wenn ihr Bestand von Förstern und Jägern gezählt und eingedämmt wird, frei. Wer dem Gesang der Wildgänse im Herbst und Frühling lauscht, bekommt eine Ahnung davon, wie viele Kilometer diese Tiere frei Fliegen können.Wildnis ist somit nichts Exotisches, Wildnis umgibt uns überall.

Wir müssen nur unseren Blick schärfen, um die Fülle der Wildnis um uns herum wahrzunehmen. Und wenn wir das schaffen, lernen wir sie auch zu schätzen und eine Verbindung zu ihr aufzubauen. Es kommt also auf die Perspektive des Betrachters an: Für einen Gärtner mögen Ungeziefer und Unkraut lästige Feinde sein, die er bekämpfen muss, während für einen Kräuterkundigen das Un-Kraut eine wichtige Heilpflanze ist und das Un-Geziefer ein wichtiger Teil des Kreislaufs und des Zusammenlebens von Pflanzen und Insekten.


Buchauszug mit freundlicher Genehmigung des Irisiana Verlags.

Tala Mohajeri ist ausgebildete Heilpraktikerin und Expertin für Pflanzenheilkunde.
Sie lebt in einem Waldhaus südlich von Hamburg und betreibt eine Praxis für schamanische Heilkünste.
Sie bietet Seminare und Workshops vorrangig zu Themen wie Spiritualität und Natur.

Buchtipp:
Tala Mohajeri: Die Wildnis in dir - Entdecke deine Einzigartigkeit, Irisiana Verlag, 2017 erschienen, 192 Seiten, ca. 50 Farbfotos.


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