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Ausgabe Juli 2018
Natur - die Göttin der Zivilisierten. ...von Sugata Wolf Schneider


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Ich kenne keinen, der das Unnatürliche dem Natürlichen vorziehen würde. Aber auch hier ist es so, wie bei so vielem, was wir lieben und schätzen: Wir wissen nicht so genau, was wir mit Natur und dem Natürlichen meinen. Wenn der evolutionär entstandene Mensch das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung ist, wie könnte er dann unnatürlich sein? So gesehen müssten wir eigentlich auch alle zivilisatorischen Sünden als natürlich bezeichnen, denn sie wurden von Menschen begangen, von Kindern der Mutter Natur und aus Gründen, die ganz natürlich entstanden sind.

Naturromantik
So logisch denken wir Zivilisierten jedoch nicht, sondern haben offenbar ein romantisches Verhältnis zur Natur. Einen echten, ursprünglichen Wald ziehen wir der Holzplantage vor und in einem Naturschutzgebiet fühlen wir uns viel wohler, als in einer landwirtschaftlichen Monokultur oder einer städtischen Betonwüste. So finden wir auch die natürlichen Bewegungen eines noch nicht durch Scham oder Eitelkeit verklemmten Kindes schöner, als die Show eines gestylten Verkäufers, der uns sein Produkt andrehen will, obwohl es doch nur natürlich ist, einem Menschen etwas verkaufen zu wollen. Ist diese Sehnsucht nach dem Ursprünglichen nicht ein großer Irrtum? Die frühe Vergangenheit unserer Spezies ebenso wie die unseres individuellen Lebens sehen wir gerne durch die rosarote Brille. Wir beschönigen und verklären sie. Tatsache ist jedoch, dass das Leben für unsere Vorfahren, die noch nicht in Hochkulturen und zivilisierten Staaten lebten, in der Regel ziemlich hart und entbehrungsreich war. Unsere Vorfahren erlitten unvergleichlich viel mehr Hunger und Gewalt als wir heute, und sie starben früh. Kaum einer von uns Zivilisierten des 21. Jahrhunderts würde mit ihnen tauschen wollen, erst recht nicht ein Mensch in einem der heutigen Sozialstaaten. Warum verherrlichen wir dennoch das Ursprüngliche, Unschuldige, Unverstellte, Unreife? Für uns Heutige, von der Zivilisation ernüchterte Religionslose, ist »die Natur« so etwas wie die Große Göttin der Moderne.

Kultur als Produkt der Natur
Ein bisschen weniger kontrafaktisch erscheint unser Naturbegriff, wenn wir Natur als Gegensatz zur Kultur definieren. Dann verstehen wir das an uns als natürlich, was uns genetisch vorgegeben ist. Das andere ist dann das kulturell Tradierte, die Gesamtheit unserer Prägungen, die wir durch unsere soziale Umgebung erfahren. Kunst gehört dementsprechend auf die Seite der Kultur: Sie ist das Künstliche gegenüber dem Natürlichen. Wobei wir mit Kunst in der Regel ein positiveres Assoziationsfeld verbinden als mit dem Künstlichen, das für uns zum Unechten hin tendiert. So bezeichnen wir eine Autorität, die wir als solche akzeptieren, als eine »natürliche«, während wir die von uns abgelehnte und als Anmaßung empfundene Autorität als »aufgesetzt« bezeichnen, im Sinne einer willkürlichen, absichtsvollen Täuschung. Dass es in der Natur Mimikry gibt, haben wir dabei vergessen: Um sich zu schützen, täuschen Pflanzen und Tiere millionenfach auf vielfältige Weise durch ihr Aussehen oder auch durch Geräusche oder Gerüche vor giftig zu sein oder ein Fressfeind.

Vater und Mutter
Trotz Vulkanausbrüchen, Erdbeben und giftiger Schlangen lieben wir »die Natur«, denn sie ist unser Ursprung. Zwar haben wir uns von diesem Ursprung entfernt, aber ohne ihn hätten wir keine Kunst, Kultur und Zivilisation. Ohne Natur hätten wir auch keine unser Leben in so vieler Hinsicht bereichernde und schützende Technik und könnten unser Leben nicht so frei gestalten wie das noch nie zuvor einem Tier möglich war. Unsere Sehnsucht nach der Natur ist deshalb ein Ausdruck des Respekts vor unserer Herkunft und auch von Mutterliebe - aus der Mutter kommen wir, nicht aus dem Vater. Es ist ein Nachhause-kommen-wollen und zugleich die Ahnung, dass wir dort schon sind: zu Hause, bei uns selbst und ins uns selbst beheimatet. Wenn wir es denn nur wüssten und nicht in unserer Ignoranz unser Zuhause so krass beschmutzen, ja zerstören würden. In unserem Symbolempfinden entsprechen Kultur, Geist und Zukunft dem Vater. Urgrund, Wurzeln, Erde und Vergangenheit hingegen entsprechen der Mutter. Die Verehrung der Natur als etwas überwiegend positiv zu Bewertendes bis hin zu all ihren kitschigen Auswüchsen ist ein Kennzeichen des Industriezeitalters und der Verstädterung: Wir verehren in ihr das uns Fehlende, weil wir es vermissen. Mit der Entfremdung von der Natur nimmt die Angst vor ihr ab, oft auch die Kenntnis von ihr - für viele Kinder sind Kühe lila, weil sie sie nur noch von der Schokoladenpackung her kennen, gemolken werden sie sowieso schon von Maschinen. Die Verkitschung des Vermissten, Unbekannten nimmt zu.

Das »Mutter unser« beten
Viele von uns haben heutzutage eher in der Natur mystische Erfahrungen als in einer Kathedrale oder einem Tempel. Gut möglich, dass das mit unserer Mutterbeziehung zu tun hat. Vielleicht ist es auch ein Zeichen davon, dass das Patriarchat allmählich zu Ende geht und wir das Sakrale endlich immer mehr auch im Irdischen erkennen, nicht mehr nur im Himmlischen. Auch im Mütterlichen, nicht mehr nur im Väterlichen. Unser zentrales Gebet könnte dann statt »Vater unser, der du bist im Himmel« lauten »Mutter unser, die du bist in der Erde«. Oder wir haben für diese beiden so wichtigen Beziehungen je ein essentielles Gebet.

Auch eine Statue, die Vater und Mutter in Vereinigung zeigt, wie die tibetischen Yab-Yum-Figuren, könnte das symbolisieren. Warum auch sollte Gott nur über den Wolken zu finden sein, im Himmel? Oder im Feuer, wo die Parsen Gott feiern, und einige Hindu-Traditionen »ihn« verehren im Agnihotra-Ritual. Ist die Göttin nicht viel mehr in der Erde zu finden und im Wasser? Jedenfalls brauchen wir die weiblichen Elemente Erde und Wasser als Gegengewicht und Ergänzung zu einer Welt, die Jahrtausende lang zu sehr von Luft und Feuer geprägt war.

Wir sind Teil der Natur
Wir Menschen sind ein Teil der Natur, deshalb ist die Beziehung zu ihr für uns etwas Magisches, Heiliges und Heilsames. Sie zu erhalten ist für uns eine Überlebensfrage. Eine Bewegung, die individuell, aber auch kollektiv-zivilisatorisch zurück zum Natürlichen führt, back to our roots, ist deshalb nicht Rückschritt, sondern Fortschritt.

In fast allen Bereichen des Lebens könnten wir natürlicher sein, einfacher, schlichter, weniger kompliziert und so unseren Ursprung feiern. Wir könnten es – und wir müssen es tun. Jeder von uns kann es individuell tun und so zum Hüter des Biotops werden, ohne den kein menschliches Leben möglich ist. Wenn es viele von uns tun und wir damit eine kritische Masse erreichen, wird es eine kollektive Bewegung, die die ganze Gesellschaft verändert – also das Ganze in der Natur enthaltene und von ihr getragene Künstliche. Nur wenn wir das schaffen, werden wir als Zivilisation und als Menschheit überleben.

Wolf Sugata Schneider Jg. 52. Autor,
Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de
Kontakt: schneider@connection.de


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