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Ausgabe Juni 2018
Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens. ...von Peter Maier


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Seit einiger Zeit werden die Medien und die öffentliche Diskussion von den Mega-Themen „Terrorangst“ und „Flüchtlingskrise“ beherrscht. Dadurch wird ein anderes gesellschaftliches Dauerthema überdeckt, das viele Eltern und ihre Kinder betrifft, beeinflusst und stresst: die Bildungs- und Schulpolitik, die in Deutschland noch immer Sache der einzelnen Bundesländer ist.

Fragwürdige Bildungsreformen
Bereits seit dem Pisa-Schock von 2001 ist die deutsche Bildungslandschaft kräftig in Bewegung geraten. Da der Bildungsvergleich der OECD damals ergab, dass Deutschland in Naturwissenschaften und in Mathematik nur mittelmäßig abschneide, wurden im Bildungsbereich umfangreiche Reformen „von oben her“ in Gang gesetzt: von den Kultusministerien. Dabei spielte der Einfluss von Wirtschaftskreisen, Bildungsinstituten, tatsächlichen und vor allem selbsternannten Bildungsexperten, sowie reißerischen Bildungsjournalisten eine entscheidende Rolle. Nicht gefragt wurden die wirklichen Experten für Pädagogik, Erziehung und Bildung: die Lehrer. Auch nicht gefragt wurden die Schüler, die eigentlich Betroffenen jeder Bildungsreform.

Als Lehrer bekommt man seither den Eindruck, dass im Monats- oder gar Wochentakt eine jeweils neue „bildungspolitische Sau durchs Schuldorf“ getrieben wird. Um Schule und Bildung ist ein richtiger „Hype“ entstanden - immer auf dem Rücken von Lehrern und Schülern ausgetragen. Dabei hat der Neuseeländer Bildungsforscher John Hattie in seiner berühmten Mega-Studie „Visible Learning“ (zu Deutsch etwa: Lernen sichtbar machen) festgestellt, dass der Bildungserfolg der Schüler weder von einzelnen Unterrichtsmethoden wie etwa dem computergestützten Unterricht noch von der Schulstruktur wie dem G8- oder G9-Gmynasium wesentlich abhängt. Entscheidend für einen guten und effizienten Fachunterricht sind vielmehr Faktoren wie die „Lehrer-Schüler-Beziehung“ oder die „Klarheit der Lehrperson“. Wieso wird John Hattie von deutschen Bildungspolitikern und Lehrplanmachern noch immer so wenig beachtet und ernst genommen?

Auf den Lehrer kommt es an
Um der stets neuesten digitalen Reform von Unterrichtsmitteln oder „moderner“ Unterrichtsmethoden willen werden die wahren Bedürfnisse der Schüler immer mehr vergessen oder übersehen. Schüler sind keine Lernmaschinen, Schulen dürfen nicht auf Kosten von Lehrern und Schülern von Bildungsinstituten und Kultusbehörden zu bloßen Versuchslaboratorien etwa im Bereich der Bildungsinhalte, der Schulstruktur oder der an Modellen der Wirtschaft orientierten Schulverwaltung missbraucht werden. Vielmehr wünschen sich die Schüler gerade im Lehrer auch in Zukunft einen „Menschen aus Fleisch und Blut“, mit Herz und Verstand, der ihnen neben der Wissensvermittlung Orientierung und Halt gibt - auf ihrem Weg durch die Pubertät und hin zum Erwachsensein; der ihnen notwendige Grenzen setzt, wenn sie über das Ziel hinausschießen; der Mitgefühl zeigt, wenn sie Probleme haben - etwa weil sich die Eltern gerade trennen oder weil sich ein schulischer Misserfolg eingestellt hat; der sie - einem Magier gleich - immer wieder durch seine Fächer, Themen und Projekte begeistern und aufbauen kann; der empathiefähig ist, einen guten Draht zu ihnen hat und der ihnen in unserer schnelllebigen Zeit ein Anker ist, an dem sie sich immer festhalten können.

In manchen Bundesländern wurde wahlweise wieder das G-9-Gymnasium eingeführt. Denn man hat erkannt, dass das sogenannte G-8-Turbo-Gymnasium viele Kinder und Jugendliche zu sehr stresst. Sie haben im heutigen Schulsystem zu wenig Bewegung, zu wenig Zeit für eine musische oder soziale Betätigung und zu wenig Raum für ihre Persönlichkeitsentwicklung insgesamt. Manche Kinder macht dieses System daher auch krank, weil das Emotionale, das Intuitive und das Magische viel zu kurz kommt.

Die Schule muss den ganzen Menschen bilden
Unseren Schülern wird zudem viel kognitives Wissen eingetrichtert, ihre Herzensbildung wird in diesem ganzen Getöse des modernen Schulsystems immer mehr übersehen. Offensichtlich will man fast um jeden Preis die Zahl der Abiturienten in möglichst kurzer Zeit erhöhen, um den Wirtschaftsstandort Deutschland auch in Zukunft zu sichern und global wettbewerbsfähig zu halten. Dagegen ist zumindest grundsätzlich nichts einzuwenden. Wenn dieses Vorhaben aber auf Kosten der Entwicklung von Herz, Charakter, Wertebildung und Sozialkompetenz der Schüler geht, wenn auf Drängen von Wirtschaftskreisen nur mehr eine wirtschaftliche, naturwissenschaftliche und informationstechnische Ausrichtung der Schulen im Vordergrund steht, dann tut sich unsere Bildungsgesellschaft selbst einen Bärendienst. Der ganze Mensch muss angesprochen werden - auch im dritten Jahrtausend. Das sollten uns Verantwortlichen - uns Eltern, Lehrern und Politikern - doch unsere Kinder wert sein. Sie sind unser bestes menschliches Potential und unsere menschliche Zukunft!

Pädagogik des Herzens - drei Prinzipien
Die Schüler brauchen einen menschlichen Ort, wo sie Wärme erfahren, Anerkennung bekommen und wo auch ihre magische und spirituelle Seite berührt werden kann. Dieser Lernort wird aber entscheidend durch den Lehrer beeinflusst und gestaltet. Daher möchte ich zum Schluss drei Prinzipien erläutern, die meiner Erfahrung nach wichtig für eine gute Lernatmosphäre und für eine Herzens-Pädagogik sind.

Prinzip 1:
Liebe zu den Menschen - Liebe zu den Schülern

Wenn man als Lehrer seine Schüler nicht grundsätzlich liebt, sollte man diesen herausfordernden, anstrengenden, aber attraktiven, erfüllenden und lebendigen Beruf sein lassen. Die Schüler haben es verdient, einen Menschen vor sich zu haben, der sie bei ihrer Entwicklung und Persönlichkeitsreifung wohlwollend unterstützt, sie annimmt, wie sie sind, sie wertschätzt und sie ermutigt, ihren Weg zu gehen.

Prinzip 2:
Erziehung durch Beziehung

Der Lehrer muss die Klasse leiten und führen, den Schülern Orientierung geben und ihnen Wissen vermitteln. Fühlen sich Schüler vom Lehrer gesehen, beachtet, wertgeschätzt, anerkannt und geliebt, dann sind sie in den meisten Fällen motiviert, auch schwierige fachliche Themen zu meistern. Eine gelungene Beziehung zwischen Lehrer und Schülern kann Berge versetzen, Begeisterung erzeugen und eine gute Arbeitsatmosphäre schaffen.

Prinzip 3:
Fördern und (heraus-)fordern

Kinder und Jugendliche wollen herausgefordert werden - fachlich, aber auch menschlich. Sie wollen sich engagieren für gesellschaftliche Themen, fachliches Wissen und soziale Fragen. Dazu müssen wir Lehrer und die Schulen ihnen die Gelegenheit bieten, sich zu bewähren: Etwa in der Projektarbeit in Kleingruppen, in der Lösung kniffliger fachlicher Fragen, die dann öffentlich präsentiert werden oder in sozialen Aufgaben wie etwa in der Arbeit als Tutor, der jüngeren Schülern hilft. Entscheidend ist dann immer, dass Schüler für ihre Arbeit gelobt, anerkannt und gewürdigt werden.

Wonach sollte sich also eine Bildungsreform orientieren? Immer an den Bedürfnissen der Schüler und immer aus dem Herzen heraus!


Peter Maier ist Gymnasiallehrer, Initiations-Mentor und Autor.

Nähere Informationen zum Autor und sein Buch
„Schule - Quo Vadis? Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens“
zum Bestellen finden Sie auf www.initiation-erwachsenwerden.de


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