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Ausgabe Juni 2018
Hyperaktive Kinder. ...von Dr. Eric Anders


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© Jaimie Duplass - Fotolia.com

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Ursachen für ADHS
ADHS beschreibt in meinen Augen eher eine Symptomatik, vielleicht besser gesagt eine Verhaltensart als eine Krankheit. Eine Blasenentzündung lässt sich medizinisch klar diagnostizieren, indem der Urin untersucht wird. Kinder, denen ADHS zugeschrieben wird, sind in der Regel unruhig, lebhaft, sprunghaft und oft nur in bestimmten Situationen oder einem sozialen Gefüge unkonzentriert. Oftmals wird die Eigenart eines Kindes pathologisiert, weil es gerade nicht in den sozialen Kontext passt und von der Norm abweicht. Wichtig ist die Frage nach dem Leidensdruck des Kindes. Leidet ein Kind darunter, dass es Anforderungen nicht erfüllen kann oder eher daran, dass es von Erziehern und Lehrern ausgegrenzt wird? Lebhafte Kinder,
die querdenken und nicht einfach nur das machen, was ihnen aufgetragen wird, werden häufig als anstrengend und störend empfunden. Sie machen mehr Arbeit und stiften Unruhe. Dieser Sachverhalt ist aus meiner Sicht in keiner Form eine Rechtfertigung für die Diagnose ADHS und erst recht keine Indikation zur medikamentösen Behandlung mit Ritalin.

Die Ursachen für ADHS liegen häufig in unsicheren Bindungen, Konflikten im Elternhaus - häufig liegt ein Paarkonflikt zwischen den Eltern vor - und Über- oder Unterforderung. Ein häufiges Problem ist ebenfalls ein Erziehungsstil, der den Kindern wenig oder keine Grenzen setzt. Mit Grenzen sind Verhaltensmuster bzw. Verhaltensweisen gemeint, die einen respektvollen Umgang mit Mitmenschen erlauben. Es gibt eine Ausspruch der den Nagel auf den Kopf trifft: „Tyrannen werden nicht geboren, sondern erzogen.“ Wenn Eltern im Kleinkind- und Kindergartenalter ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, wie soll ein Erzieher oder Lehrer das dann mit 20 oder mehr Kindern schaffen bzw. nachholen? Es ist wichtig zu schauen, wo die Spannungsfelder bzw. Unruheherde eines zu lebhaften Kindes liegen. Bei Unterforderung gilt es, das betroffene Kind entsprechend seiner Möglichkeiten zu fordern. Leider zeigt sich an dieser Stelle auch die zunehmend schlechter werdende pädagogische Ausbildung von Erziehern
und Lehrern. Dieser Mangel ist symptomatisch für die Häufung der ADHS-Verdachtsfälle.

Bei Überforderung leiden die Kinder massiv und flüchten sich häufig in unsoziales oder depressives Verhalten, um der Überforderung zu entfliehen.
Es entspricht am ehesten einer Konversionsstörung. Eine Konversionsstörung beschreibt zum Beispiel den Fall, dass eine Frau, die von ihren Eltern gegen ihren Willen verheiratet wird, von einem zum anderen Tag nicht mehr laufen kann, um ihrem Schicksal zu entrinnen. Nahezu hundertprozentig verschwinden die entsprechenden Symptome, sobald der Druck bzw. das angstauslösende Moment verschwindet. Die Eltern sind die besten Experten für ihr Kind und sollten die vorgetragenen Probleme der Erzieher und Lehrer kritisch auf ihre Richtigkeit prüfen.

Therapieansätze
Der zentrale Punkt ist, den betroffenen Kindern Sicherheit, Geborgenheit und Liebe zu schenken. Sie bedürfen einer aufrichtigen Suche nach den Spannungsfeldern und diese sind oft eng verknüpft mit den Eltern. Eine medikamentöse Therapie erspart den Eltern diese Suche und ist deshalb für viele der bequemere Weg. „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.“ Dieses Vermeidungsverhalten der Eltern nutzen die Pharmaunternehmen.
Eltern, die diese Herausforderung annehmen, gelingt es häufig, die Spannungen zu minimieren, sie bauen eine nachhaltigere und ehrlichere Beziehung zu ihren Kindern auf und kommen aus meiner Erfahrung meist ohne medikamentöse Unterstützung aus. Bei unsozialem Verhalten, Unruhe und Konzentrationsproblemen eignen sich Brettspiele hervorragend, um die Frustrationstoleranz des Kindes zu testen und diese durch Training entsprechend zu stärken. Bei Überforderung können Eltern durch einfache Maßnahmen im täglichen Leben wie Einkaufslisten schreiben, dem Memory ähnlich beim Einkaufen bestimmte Gegenstände holen bzw. bringen lassen oder durch sinnvolle und praktische Rechenaufgaben zum einen die Sinnhaftigkeit des Lernstoffes unterstreichen bzw. Defizite aufdecken und durch Training abstellen. Decken sich die Beobachtungen von Eltern, Erziehern und Lehrern, sollte der Leistungsdruck auf ein für das Kind gesundes Maß angepasst werden. Bei Unsicherheit gibt es die Möglichkeit, eine Leistungsdiagnostik bzw. einen Intelligenztest durchzuführen. Neben der Intelligenz ist die Mitarbeit ein essentieller Einflussfaktor. So erfordert diese Diagnostik zwingend einen sehr erfahrenen Tester. Leider ist das häufig nicht gegeben. Oft sind die Eltern mit ihrem Bauchgefühl sehr viel näher an ihrem Kind. Ich würde sie ermutigen, sich mehr darauf zu verlassen.

Bei Unterforderung sollten Eltern und Pädagogen ebenfalls eng zusammenarbeiten. Hier erscheint es mir am Wichtigsten, dass die Eltern strikt ein sozial verantwortbares Verhalten von ihrem Kind einfordern, welches den Pädagogen die Ausübung ihres Berufs ermöglicht. Kindern mit einem starken Bewegungsdrang helfen oft regelmäßige sportliche Betätigungen in einem Verein wie Fußball, Kampfsport, Leichtathletik. Pädagogen haben auch die Möglichkeit, ein betroffenes Kind eine Runde auf dem Schulhof rennen zu lassen, wenn es ihm hilft, sich danach besser zu konzentrieren.
ADHS ist meist nur ein Symptom oder anders formuliert ein Schrei nach Aufmerksamkeit, Liebe, Anerkennung oder Ausdruck von Angst. Ich wünsche allen Kindern starke Eltern, die bereit sind, sich auf die Suche nach den Ursachen für das Verhalten ihres Kindes zu machen. Ausgeglichenen und glücklichen Eltern gelingt es aus meiner Erfahrung einfacher. Ein anderer Aspekt der ADHS-Symptomatik zeigt sich im natürlichen Verhalten von Kindern, Grenzen auszutesten. Hier schaffen sinnvolle und konsistente Grenzen der Eltern Sicherheit und Geborgenheit und wirken Angst und Unsicherheit suffizient entgegen.

Medikamentöse Therapie
Alle Eltern deren Kinder schon einmal Ritalin oder ein ähnliches Präparat erhalten haben, können bestätigen, dass vor dem Therapiebeginn viele Zusatzuntersuchungen wie z.B. EEG, EKG, Blutentnahme, Vorstellung beim HNO- und Augenarzt notwendig sind. Diese Zusatzuntersuchungen bzw. die viertel- bis halbjährlichen Blutwertkontrollen zeigen direkt das potentielle Gefährdungspotential durch die medikamentöse Therapie. Glücklicherweise sind die gefürchteten Nebenwirkungen wie Leberversagen unter Ritalin selten. Die Kinder leiden häufig an Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Oberbauchbeschwerden und Kopfschmerzen. Nicht selten stellen sich psychische Nebenwirkungen wie Traurigkeit und Ängstlichkeit ein.
Kinder, die Tabletten einnehmen, geraten in eine Abhängigkeit und erleben einen sekundären bzw. kreierten Kontrollverlust. „Meine Eltern glauben, ich schaffe es nicht allein. Ohne die Tabletten kann ich mich nicht konzentrieren. Sie sagen, Max braucht seine Tabletten.“ Der Motor bei vielen psychosomatischen Krankheitsbildern ist erlebte Selbstwirksamkeit, interne Kontrollüberzeugung und gesehen zu werden. Kinder, die sich verstecken, wollen gefunden werden.

Vor dem Beginn einer medikamentösen Therapie sollte die Notwendigkeit akribisch untersucht werden und sämtliche Nachteile sorgfältig gegenüber dem Benefit, den positiven Wirkungen, abgewogen werden. Eine medikamentöse Therapie sollte im besten Fall eine vorübergehende Krücke für Kinder sein, um möglichst schnell wieder allein zu laufen. Der Königsweg bleibt meiner Meinung nach jedoch, die Ursachen aufzuspüren und dem Kind zu ermöglichen, aus eigener Kraft ohne eine medikamentöse Therapie mit Freude und Erfolg am sozialen Leben teilzunehmen.

Generelle Überlegung
ADHS zeigt sich ebenfalls als ein gesellschaftliches Phänomen. Eine Gesellschaft, die sich zunehmend mit Leistungsdruck selbst geißelt, führt dazu, dass immer weniger Zeit bleibt für die wichtigen Dinge. Immer weniger Menschen sollen mehr schaffen. Das gilt in der Kinderarztpraxis genauso wie im Kindergarten und in der Schule. Wärme, Liebe, Zwischenmenschlichkeit und die Minute Zeit, die es manchmal braucht, gehen verloren. Gewinner sind Pharmaindustrie und Co., weil jetzt Ärzte, Lehrer und Erzieher Kunden kreieren und selber werden. Eine solide Erziehung, Schulausbildung und medizinische Betreuung bedarf Zeit für die Kinder und Eltern. Hier sind wir alle aufgerufen, uns zu Menschlichkeit und Nachhaltigkeit zu bekennen und unsere Steuergelder lieber in Bildung, eine menschzentrierte medizinische Versorgung, nachhaltige ökologische Ernährung und soziale Projekte zu investieren als in Krieg, Pharmaindustrie und Banken.

Der Gastbeitrag von Dr. Eric Anders ist erschienen in dem Buch:
„Hyperaktivität und ADS“ von Barbara Simonsohn im Humble Verlag
erhältlich auf www.jimhumbleverlag.com


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