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Ausgabe Juni 2018
Vom Baby leiten lassen - beim inneren Kind ankommen. ...von Inga Erchova


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© Oksana Kuzmina - Fotolia.com

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Wir moderne Frauen wissen nicht mehr, wie man ein Kind zur Welt bringt. Die Kaiserschnittraten explodieren und haben mit tatsächlicher Notwendigkeit nichts mehr zu tun. Der Schmerz, das Pressen, das Schreien, das Hocken oder Knien, das Blut und der Schleim einer Geburt erscheinen uns so primitiv, tierisch und dem desinfizierten Leben einer zivilisierten Frau von heute so diametral entgegengesetzt, dass wir am liebsten mit dem Kopf gebären und unseren Intimbereich unversehrt lassen würden. Unser eingefrorener und erstarrter Körper öffnet sich nicht. Er bildet einen krassen Kontrast zum warmen, weichen und nachgiebigen Körper des neugeborenen Babys, das sich an uns schmiegt. Wir wissen mit seiner Bedürftigkeit nichts anzufangen und wollen von vermeintlichen Experten lernen, wie wir unser Baby versorgen sollen. Wir diskutieren eifrig über Richtig oder Falsch und übersehen dabei das reale Kind mit seinem Verlangen nach Nähe, Zuwendung und Liebe.

Die Wahrheit ist: Wir brauchen keine Ratgeber, um unserem Kind gerecht zu werden. Auch wenn der natürliche Mutterinstinkt in uns nicht spontan aufkommt, sagt uns das Baby laut und deutlich, was es braucht. Wir müssen also nur hinsehen und hinhören und das Vertrauen haben, dass es uns nicht auf der Nase herumtanzt oder uns manipulieren will. Diese Gedanken sind nur das Produkt unserer Voreingenommenheit. Wir können dem Baby ruhig vertrauen, denn seine Bedürfnisse sind natürlich, angeboren und objektiv.

Manchmal erzählen mir junge Mütter, sie möchten nicht, dass sich ihr Baby an die Nähe zu ihnen gewöhnt: „Dann hängt es ständig an mir, und ich bin nicht frei“, sagen sie. Das ist ein Denkfehler. Das Baby kommt auf die Welt, nachdem es sein ganzes bisheriges Leben in unserem Bauch verbracht hat. Es hat sich also bereits an uns gewöhnt, oder anders gesagt, es kennt überhaupt keinen anderen Platz zum Leben als den in unserer Nähe. Jedes Kind kommt auf die Welt mit der Erwartung, dass sich an seinen Lebensbedingungen nach der Geburt nichts ändert und dass sie so bleiben wie im Mutterleib, wo die Versorgung, die Berührung und die Präsenz der Mutter permanent waren. Und jedes Kind kommt als liebevolles Wesen auf die Welt. Seine Fähigkeit zu lieben ist enorm, genau wie sein Verlangen, geliebt zu werden. Liebe ist der natürliche Umgang fast aller Lebewesen auf der Welt mit ihrem Nachwuchs und ganz besonders der Säugetiere, zu denen wir Menschen gehören. Das ist bedingt durch die Lebendgeburt aus dem Körper der Mutter und das Saugen an der Brust - beides verursacht viel körperliche Nähe und verlangt von der Mutter, dass sie dem Nachwuchs ihren Körper zur Verfügung stellt. Nur bei uns Menschen versagt diese natürliche Vorprogrammierung auf Liebe, ähnlich wie bei den Tieren, die in Gefangenschaft leben. Wenn man als Mutter überhaupt etwas richtig machen möchte, dann sollte man darauf vertrauen, dass kein neugeborenes Baby der Welt etwas verlangt, was es nicht braucht. Wir können uns getrost von seinen Bedürfnissen leiten lassen. Das klingt einfach. Doch auch dieser einfache Vorsatz scheint in der Realität schwer umzusetzen.

Die Bedürfnisse des Babys

Welche Bedürfnisse hat ein Baby nach der Geburt? Es sind die Bedürfnisse nach Nahrung, Nähe und Kommunikation.

Nahrung
bedeutet zunächst die permanente Verfügbarkeit der Muttermilch und der Mutterbrust, ähnlich wie die Nabelschnur im Mutterleib die ununterbrochene Nahrungszufuhr lieferte. Wir dürfen nicht in Mahlzeiten denken. Auch wenn der Hunger gestillt ist, bleibt die Brust die wichtigste Verbindung zur Nahrungsquelle. Das Nuckeln an der Brust ist daher keine schlechte Angewohnheit, sondern natürlich und wichtig, weil es eine Verschmelzung mit der Mutter bedeutet. Die Muttermilch ist viel mehr als nur nahrhafte Substanz. Sie ist die Hingabe der Mutter, ihr Altruismus und das Einssein mit dem Kind. Die ständige Verfügbarkeit der Brust bedeutet für das Kind Sicherheit und einen dem Mutterleib ähnlichen Zustand. Nach der Uhr zu stillen oder dem Kind die Brust zu verweigern, weil es satt sein „sollte“, ist daher aus der Sicht des Babys verletzend. Die Stillabstände werden mit der Zeit ganz von alleine länger, wenn das Baby die Symbiose mit der Mutter überwindet und immer mehr im Hier und Jetzt ankommt.
Doch nicht nur die Milch bringt das Kind zum Gedeihen. Die Liebe seiner wichtigsten Bezugsperson nährt das Baby mit Energie und belebt seine Lebenslust. Wir kennen das Sprichwort: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Das gilt für den neugeborenen Menschen in besonderem Maße. Sich geliebt zu fühlen ist ein wichtiges Bedürfnis jedes Menschenwesens. Wenn sich die Mutter und das Baby beim Stillen liebevoll anschauen, dann fließt zusätzlich eine andere Art der Energie zwischen den beiden, jenseits der Nährstoffe der Muttermilch - die Energie der Liebe. Das geschieht nicht, wenn die Mutter „mechanisch“ stillt, ein Buch dabei liest oder das Stillen zähneknirschend über sich ergehen lässt. In diesem Fall wird dem Baby etwas fehlen - das Erleben des Stillens als Akt der Liebe mit der Mutter.

Nähe
bedeutet für das Baby sowohl den permanenten Körperkontakt zu seiner wichtigsten Bezugsperson - meistens der Mutter -, ihre ständige Präsenz und die Verfügbarkeit für die Wunscherfüllung als auch die seelische Verbundenheit mit ihr und ihre geistige Präsenz. Viel zu oft ist die Mutter physisch beim Kind, aber in Gedanken und Gefühlen meilenweit von ihm entfernt - meistens bei ihren eigenen seelischen Verletzungen und Sorgen. In diesem Fall bleibt das Baby auch in der Nähe seiner Mutter allein. Geistige Nähe zum Kind bedeutet ein gemeinsames Schwingen in Gefühlen, Empathie, Anteilnahme, Initimität und liebevolle Zuwendung seiner Bezugsperson. Ihre Nähe stärkt beim Kind das Vertrauen in die Welt und in sich selbst. Sie ist das Sicherheitsnetz, in das es sich fallen lassen kann, wenn es sich in die Welt hinauswagt.

Die Kommunikation
mit einem Baby wird oft unterbewertet, weil wir ihm noch keine Fähigkeit zur Kommunikation zutrauen, nur weil es noch nicht sprechen kann. Ein „versorgtes“ Baby wird oft als befriedigt abgetan, zur Seite gelegt und bleibt allein. Dabei brauchen Babys die Kommunikation mit uns genauso sehr wie Nahrung und Nähe. Sie sind sehr wohl in der Lage, uns zu verstehen. Ein Bay versteht uns nicht verbal, sondern telepathisch. Ein verbundenes Baby fixiert unseren Blick, wenn wir mit ihm sprechen. Es schaut uns direkt in die Augen. Sein Gesichtsausdruck zeigt, dass es uns versteht. Ein Baby, das sich nicht verbindet, keinen Augenkontakt herstellt und nicht auf uns reagiert, gibt Grund zur Sorge.

Sich ganz zum Anfang der Mutterschaft vom Baby leiten zu lassen, verstehe ich übrigens nicht unbedingt so, dass wir seine Bedürfnisse möglichst schnell befriedigen müssen. Besonders mit seinen unliebsamen und störenden Äußerungen kann das Baby für uns auf dem Weg der Selbsterforschung und der Selbsterkenntnis der beste Wegweiser sein. Ändern wir unsere Einstellung von „alles-richtig-machen-wollen“ hin zur Frage: „Warum geschieht mir das gerade jetzt?“ Das bedeutet konret, dass wir Symptome wie Weinen oder Stillprobleme nicht so schnell wie möglich beseitigen müssen, sondern sie eine Weile aushalten, bis wir sie verstanden haben. Wir können uns vom eigenen Kind zu unserem seelischen Schatten führen und es unser inneres Kind enthüllen lassen.

Gekürzter Auszug aus dem Buch:
„Jede Mutter kann glücklich sein.
Unser inneres Kind umarmen, unsere Kinder lieben.“
von Inga Erchova, 384 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-7787-9275-9

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Integral Verlages.


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