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Ausgabe Mai 2018
Das Heilige. ...von Wolf Sugata Schneider


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Das Wort „heilig“ kannte ich als Kind nur im Kontext von Kirche und Religionsunterricht. Später hörte ich auch, wie Menschen es außerhalb des kirchlichen Kontextes verwendeten und sagten: „Das ist mir heilig!“. Damit meinten sie: Es ist mir so wichtig, dass ich es nicht verspottet oder in den Dreck gezogen haben will, es ist für mich sakrosankt, tabu.

In meiner radikalen, alle gesellschaftlichen Konventionen über Bord werfenden Phase galt mir nichts mehr als tabu. Es sei denn ich unterwarf mich einer Konvention – insbesondere, wenn sie religiös begründet wurde – pro forma, um nicht zum Opfer des Zorns irgendwelcher Brahmanen mit ihren heiligen Kühen zu werden, oder gar dem der Muslime mit ihrem Bilderverbot. Auch vielen Christen fällt es nicht leicht, über figürliche Darstellungen des Gekreuzigten zu lachen – in Bayern, wo sie an Wegkreuzungen stehen, heißen sie „Marterln“ – oder über die Jungfräulichkeit seiner Mutter. Genau genommen hat jeder von uns seine heiligen Kühe, um die er einen Schutzzaun aufbaut. Wer den überschreitet, wird bestraft.

Das Heilige ist inszenierbar
Erst später, als ich selbst religiöse Erlebnisse hatte, die ich auch so nennen wollte, zeigte sich mir das Positive an der Verehrung des Heiligen. Zuerst in der Natur, dann in der Liebe und Sexualität, dann auch bei der Bewunderung von durch Menschen geschaffener Schönheit, und schließlich in einer inneren Haltung, die das, was sie wahrnimmt, heiligt. Und ich entdeckte, dass das Gefühl des Heiligen inszenierbar ist.
Wenn uns in der Natur der „heilige Schauder“ den Rücken runterläuft, hat das kein Mensch inszeniert. Es braucht zwar die menschliche Bereitschaft, sowas zu empfinden; was die Szenerie anbelangt war da jedoch kein menschlicher Regisseur am Werk. Beim Aufführen des Schlusschors von Beethovens neunter Sinfonie mit der „Ode an die Freude“ hingegen sind menschliche Macher am Werk; ebenso bei den Wagneropern. Vor allem die Komponisten sind da kreative Regisseure des Heiligen. Das gilt jedoch auch für die Künstler des Alltags, wenn etwa Eltern ihren Kindern einen Weihnachtsbaum herrichten und darunter Geschenke legen, die das Christkind gebracht hat.

Vikram Gandhi als Fake-Guru
Für die meisten Menschen ist die Idee, dass das Heilige inszenierbar sein soll, schwer verkraftbar. Wer daran zweifelt, schaue sich mal den Film Kumaré von dem indisch-stämmigen, US-amerikanischen Regisseur Vikram Gandhi an, in dem er sich selbst in einem Dokumentarfilm zeigt, wie er nach Indien fährt, sich dort im Land seiner Vorfahren von Gurus unterrichten lässt, sie imitiert, sich einen Bart wachsen lässt und sich dann im US-Staat Arizona mit indischem Akzent eine neue Existenz als Guru aufbaut. Allmählich gruppieren sich Schüler um ihn. Sie verehren ihn, lernen dabei viel Wertvolles, haben Einsichten und Durchbrüche, während seine Gewissensbisse zunehmen, dass er sie eigentlich betrügt, denn er ist ja kein echter Guru, er tut nur so als ob. Als er sich ihnen schließlich offenbart, sind die einen enttäuscht und wenden sich erbost von ihm ab; andere wollen mit ihm weitermachen, es hat doch so gut funktioniert; ein dritter Teil will mit dem Gelernten allein weitermachen ohne ihn. Der Film zeigt, dass eine gefakte Inszenierung genauso gut funktionieren kann wie eine sogenannte echte. Für manche braucht es dazu nicht einmal den Glauben, dass die Inszenierung kein Fake ist.

Hingabe
Sind die katholischen Messen echt? Und was, wenn der Priester, der sie aufführt, nicht mehr daran glaubt? Auch Priester zweifeln. Müssen wenigs-tens die Teilnehmer der Messe daran glauben? Muss die Inszenierung eine sehr alte sein, damit wir leichter daran glauben können? Ich habe Geistliche mehrerer großer Religionen getroffen, die ihre Aufführungen auch dann noch fortsetzten, als sie den Glauben verloren hatten, weil das Ritual so schön ist und den Gläubigen eine geistige Heimat gibt.
Die geistige Heimat kann aber auch ein psychosomatisches und soziales Gefängnis sein, deshalb sind die religiösen Rituale unserer Ahnen zwar großteils ein wertvolles kulturelles Erbe (nicht alle sind das, es gibt auch grausame Rituale unter ihnen). Ein größerer Schritt und eine Vertiefung der Religiosität ist jedoch die Selbstermächtigung als Schöpfer von Ritualen. Erst ein solcher Schritt kann Kants Definition der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ auch im religiösen Bereich verwirklichen. Dann können wir das Heilige noch viel tiefer verehren, denn dann kommt es nicht bloß aus der Außenwelt zu uns als bereitwillig manipulierbare Empfänger, sondern wir ermächtigen uns, dass diese gestaltende Kraft auch von uns selbst ausgehen darf, von unserer Fähigkeit zum Staunen, Verehren und Sich-Hingeben.

Vor dem heiligen Raum stehen bleiben
Das Gegenteil von heilig ist profan. Das Wort kommt aus dem Lateinischen, von pro fanum und bezeichnete einst den Raum vor pro dem Heiligen (fanum), also das Weltliche. Wer sich in diesen heiligen Raum der Hingabe nicht hineintraut, um sich immer gut unter Kontrolle zu behalten und vor nichts und niemandem zum Fan (von fanum) zu werden, der hat ein ziemlich dröges Leben, fürchte ich. Das ist nichts für mich. Ich mag das Loslassen, mich Hingeben und mich in den Strudel des prallen Lebens hineinstürzen. Bewusst und achtsam, aber nicht mit einem Fuß auf der Bremse.

Sich des Kitschs entledigen
Zerstören Witz, Spott und Satire das Heilige? Nein, das Gegenteil ist wahr. Das Verspotten, durch den Kakao ziehen und auf die Schippe nehmen reinigt die Objekte der Verehrung von überflüssigen Schlacken, Unglaubwürdigem, Überholtem und Kitsch. Solche Entschlackung macht frei für das wirklich tiefe Heilige, Echte. Das Heilige kann sich durch Spott des Kitschs entledigen, der Gefühlsduselei, der Sentimentalitäten, das Echte bleibt. Man kann den Spott sogar einladen und willkommen heißen, damit sich solche Schlacken gar nicht erst ansammeln. Das wäre ein Zeichen von reifer Spiritualität. Sehr weit geht dabei der legendäre Gründer der ostasiatischen Zen-Linien, der sogenannte „erste Patriarch“ Bodhi-dharma, mit seinem Slogan: „Offene Weite, nichts von heilig“. Er negiert das Heilige nicht. Sein ganzes Leben beweist, dass er sich zwar außerhalb aller Konventionen bewegte, aber im Bewusstsein, ein lebender Teil der Natur zu sein. Die Legenden beschreiben ihn als so unbestechlich, dass er auch vom Kaiser von China keine Gefälligkeit entgegennahm.

Das Zyklische
Wenn wir heute unser Inneres vor den Illusionen und tausend falschen Versprechungen der Moderne retten und zugleich der Natur eine Chance zum Überleben geben wollen, müssen wir so radikal wie Bodhidharma werden. Sich mit hübschen Affirmationen über gruselige Fakten hinwegzutrösten, hilft auf Dauer nicht. Erst wenn wir die Natur als Wegweiser anerkennen und nicht mehr einen einzelnen Menschen oder ein Ritual, an das man glauben muss, damit es wirkt, können wir das Leben wirklich feiern, mit allen seinen funkelnden Facetten, auch den traurigen und dem, was wütend macht. Das Leben ist heilig, dazu gehört auch der Tod in seiner Unbestechlichkeit und gnadenlosen Schönheit. Erst wenn wir das Werden und Vergehen akzeptieren, auch in dem, wo es uns selbst trifft, haben wir das Heilige in seiner Ganzheit erfasst.

Wolf Sugata Schneider
Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
www.connection.de


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