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Ausgabe Februar 2018
Liebst du mich? Von Wolf Sugata Schneider

Das himmlische Mysterium hat eine profane Seite.

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Worte, bei denen man sich, wenn man nachfasst, immer darauf rausreden kann, es anders gemeint zu haben, nennt man Wieselworte (vom Englischen weasel words). Die Verführerischsten unter ihnen sind wohl Liebe und Herz. Sie faszinieren uns und lullen uns ein; wenn wir aber mal konkret wissen wollen, was damit gemeint ist, entwischen sie uns wie ein Wiesel.
Muss das sein? Müssen wir denn bei dem, was uns am allerkostbarsten ist, auf das Konkrete, Fassbare verzichten? Sodass ein Mensch, der mir gestanden hat, mich zu lieben oder mir sagt, er habe mich in sein Herz aufgenommen, sich, wenn der Wind mal anders weht, immer darauf rausreden kann, es nicht so gemeint zu haben?

Die himmlische und die irdische Liebe
Ein bisschen hilft mir dabei die klassische Idee einer Unterscheidung zwischen der irdischen und der himmlischen Liebe. Die eine ist bedingt, die andere bedingungslos. Wenn meine Liebste in der Beziehung zu mir eine rote Linie überschritten hat, oder ich ihr gegenüber, und einer von uns zieht dann die Reißleine, ist das der Beweis, dass es doch keine echte – bedingungslose – Liebe war? Nein, denn die irdische Liebe, die Bedingungen stellt, ist die Schwester der himmlischen, bedingungslosen Liebe. Und die beiden Schwestern können nicht ohne einander: Ohne irdische Konkretisierung wäre die himmlische Liebe in ihrer alles hinnehmenden Weise blass und nichtssagend, und die irdische wäre ohne die Tiefendimension des Absoluten nur ein Kuhhandel.

“Auch das bin ich“
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, heißt es in der jüdisch-christlichen Tradition. Wie mich selbst? Demnach muss ich erstmal mich selbst lieben, um auch andere lieben zu können. Mal angenommen, ich hänge nicht nur an mir, weil „ich“ da, äh, irgendwie reingeraten bin, keine Ahnung wie, sondern liebe mich wirklich, kann ich diese Liebe dann ausdehnen auf jemanden oder etwas anderes „da draußen“ in der Welt? Dieses Draußen wird dann zu einem Drinnen. Ich nehme das geliebte Objekt in mich auf und behandle es wie mich selbst. Ich mache es mir zu eigen, ich nehme es „in mein Herz auf“ – und bin das dann auch. Das heißt, ich identifiziere mich damit. Meine Ich-Identität hat sich ausgeweitet auf ein Wir. Aber auch nach dieser Ausweitung gibt es immer noch Objekte „da draußen“, die ich nicht liebe. Eine vollkommene, grenzenlose Liebe wäre eine, für die es kein Draußen mehr gibt. Alles ist Innenwelt geworden; was ich wahrnehme, das bin ich auch: at tvam asi - auch das bin ich.

Der Profanitätstest
Eine solche Liebe ist himmlisch. Sie besteht den Profanitätstest jedoch erst dann, wenn sie in ihrer allumfassenden Weite auch die Bevorzugung von Liebesobjekten würdigt, die Auswahl und Präferenz, denn das ist die Voraussetzung für die menschlichen Bindungen. Es ist sogar so, dass die Ich-Identität des menschlichen Individuums ein Konstrukt aus seinen Beziehungen ist. Die Ausweitung der Selbstliebe auf andere ist so gesehen also eher eine Entdeckung von schon Vorhandenem als eine Ausweitung auf etwas neu Hinzukommendes: Ich gestehe mir ein, womit ich verbunden bin und liebe damit zugleich mich selbst und das ganze mich tragende Gewebe, inklusive und insbesondere mit den Objekten meiner Wahl.

Ich nehme dich in mein Herz auf
Den Prozess des Sich-Identifizierens und „Ins-Herz-Nehmens“ eines Objektes kann man sich bewusst machen. Er geschieht im Sich-Verlieben, aber auch im Sich-Engagieren für eine Sache oder einen Menschen. In dem Maße, wie uns solche Prozesse bewusst werden, können wir sie steuern. Einerseits können wir uns dann – und vielleicht erst dann – für jemand oder etwas entscheiden und auch dabei bleiben, d.h. treu sein. Andererseits sind wir dann nicht mehr manipulierbar, d.h. durch andere steuerbar. Die Freiheit von solchen durchaus nicht immer willkommenen „Influencern“, wie sie im modernen Management heißen, wäre eigentlich die Voraussetzung für Demokratie, in der ja der Bürger der Souverän sein soll. Sie ist auch die Voraussetzung für gelingende Beziehungen, die mehr sind als nur eine gegenseitige Erlaubnis zur Erpressung.

Gnade und Souveränität
Sofern wir uns unserer Gedanken und Gefühle bewusst sind, können wir sie steuern oder uns der Steuerung durch Außeneinflüsse („Dein Wille geschehe“) hingeben. In einem solchen Bewusstsein sind wir Schöpfer und Erschaffene zugleich. Jeder Zauberkünstler spielt damit, die Aufmerksamkeit seines Publikums auf verblüffende Weise lenken zu können – wir lassen uns von ihm verzaubern. Auch von meiner Geliebten lasse ich mich gerne verzaubern. Wenn jedoch ein Fundamentalist mich zu seiner Weltanschauung bekehren will, die Zauberquelle also keine gute ist, dann brauche ich Wachheit und Unterscheidungsvermögen, um das zu erkennen, und gebe mich dieser hypnotischen Kraft nicht hin. Wir alle sind beeinflussbar und individuell sowie kollektiv hypnotisierbar. Bewusstwerdung ist jedoch möglich. Wir können achtsam sein, reflektieren und uns bewusst machen, wohin unsere Aufmerksamkeit geht und welche Gedanken und Gefühle dabei aufkommen.

Via Positiva, Via Negativa
Prinzipiell gibt es zwei Arten der mystischen und spirituellen Wege. Der erste ist die via positiva; sie tendiert dazu, sich alles anzueignen: „Nichts Menschliches ist mir fremd“ (Terenz), auch das tat tvam asi aus den Upanishaden gehört hierher. Der zweite ist die via negativa. Das ist der Weg, sich von allem loszusagen, zu verzichten, Abstand zu gewinnen; die in Eso-Kreisen so beliebte Übung des Loslassens gehört hierher und natürlich auch das Nicht-Anhaften der Buddhisten und die Enthaltsamkeit der Mönche und Nonnen. Der Weg der Liebe ist eine via positiva. Zu lieben heißt, nicht wegzugehen, sondern hin. Nahe zu sein, identifiziert zu sein, vereinnahmt, verschmolzen. Mitzufühlen und zu teilen (im Sinne von Sharing). Eins zu werden.

Entscheidungen
Das so oft praktizierte chaotische Hin-und-Her und Nebeneinander der auf Aneignung und der auf Loslassen abzielenden Methoden verhindert die Vertiefung. Beide Wege funktionieren für sich, und beide schlagen am Ziel in ihr Gegenteil um: Der von allem Befreite wird auf einmal zu einem Liebenden und der alles Liebende zu einem Befreiten. Wenn ich mich aber einem Menschen (oder Ding oder Projekt) zuwende, muss ich entweder Ja sagen oder Nein. Beides zugleich verwirrt, spaltet die Seele und macht unglücklich. Der Ochs zwischen den zwei Heuhaufen bekommt dann weder das eine noch das andere. Auch wenn die himmlische Liebe grenzenlos ist, setzt die irdische doch Grenzen und entscheidet sich. Das Sowohl-als-auch der mystischen Umarmung gilt für die via positiva ebenso wie für die via negativa; es ist ein totales Ja oder eben totales Nein zu allem. Auch die choiceless awareness des Befreiten setzt Entscheidungen voraus.

Die Suche nach dem Ich
Muss Liebe auf das Mystische, Poetische beschränkt bleiben, weil sie so „unaussprechlich“ ist? Nein, auch die Wissenschaft sollte sich ihr widmen. Dazu muss sie sich aber mit der Identifizierung beschäftigen und der daraus folgenden Ich-Identität. Es hat zwar noch nie ein Suchender ein Ich gefunden (seufz ….), aber der Suchende wandelt sich dabei, er wird dabei ein anderer. Auch die Wissenschaftler werden kein Ich finden, aber sie können die Folgen der Fixierung in der Illusion eines solchen studieren. Die Ich- und Wir-Identifikationen sind gestaltbare Fiktionen, die sich im Lauf des Lebens ändern. Sie sind die Grundlage jeder Kultur und aller Beziehungen. Wir können und sollten sie lieben „wie uns selbst“ – und im Prozess der „Selbst“-Erkenntnis darüber hinauswachsen.

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52
Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de
Kontakt: schneider@connection.de
www.connection.de


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