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Ausgabe Dezember 2016
Der Traum vom Sterben. Eine therapeutische Geschichte von Steffen Zöhl


Die Nachricht traf Linus wie ein Schlag. Sein bester Freund aus Kindertagen, Rafael, lag im Krankenhaus. Die Diagnose hatte Rafael vor kurzem erhalten und war kurz danach ins Krankenhaus gebracht worden. Nur wenig Zeit - einige Tage, ein paar Wochen, bestenfalls wenige Monate würden ihm bleiben. Auch gab es in seinem Fall keine Hoffnung mehr auf eine Heilung. Rafael war am Boden zerstört, als er es erfahren hatte. Allein die Tatsache, dass er durch die ärztliche Betreuung keine größeren Schmerzen haben würde und nicht ansteckend war - und daher Besuch bekommen durfte - war ein kleiner Trost.
Als Linus sich nach dem ersten Schock ein wenig gefasst hatte, brachen nach und nach Gefühle aus ihm heraus. „Warum Rafael? Es gibt so viele schlechte Menschen auf der Welt - wieso er?“ Er dachte an die gemeinsame Zeit in der Schule, der Jugend, als Heranwachsende - so oft hatten die beiden über ihre Pläne gesprochen. Auch wenn sie sich mal eine Weile nicht gesehen hatten - es war immer so, wenn sie sich trafen, als wären sie gerade erst auseinander gegangen. Sie verstanden sich meist mit wenigen Worten. Und all das sollte nun auf so schmerzliche Weise beendet werden? „Das ist doch unfair!“ Linus wurde wütend, auch wenn er nicht wusste auf wen - das war so ungerecht. „Wieso kann ihm keiner helfen?“ Er war doch noch so jung.
Einige Zeit später machte er sich auf den Weg. Je näher er dem Krankenhaus kam, desto unwohler wurde ihm. Wie Rafael wohl aussehen würde? Was sollte er ihm sagen? Er kann doch vor ihm nicht zeigen, wie traurig er ist. Außerdem würde das Rafael nur noch mehr belasten - und ihm ging es schlecht genug. Soviel hatte er am Telefon erfahren. Wie sollte er nun mit ihm umgehen. Früher, ja früher hatten die beiden immer viel zu lachen, wenn sie sich sahen.
Mit jedem Meter, dem er Rafael näher kam, wurde Linus unsicherer. Nur noch den Gang runter - die zweite Tür links - die Tür ging etwas knatschend auf. Rafael sah nicht so krank oder erschreckend aus, wie Linus befürchtet hatte - fast normal. „Hi, alter Kerl“, begrüßte er ihn, „siehst ja fertig aus.“. Sie hatten sich immer ähnlich „liebevoll“ begrüßt. Aber in der Sekunde, als er es ausgesprochen hatte, blieb es ihm im Halse stecken. Er versuchte es zu verstecken, aber innerlich hätte er sich ohrfeigen können. „Nicht halb so bescheiden wie du.“ Rafael grinste. Linus war einen Moment sprachlos - er schien wie immer, dabei war doch alles so anders.
Die Situation war so skurril und unwirklich für Linus. Sein bester Kumpel lag dort und sollte bald sterben. Auch wenn die beiden sonst sehr offen miteinander sprachen - er nahm sich zusammen - Rafael sollte nichts merken. Für beide war es schwer. Rafael wollte niemandem zum Last fallen - und doch war es seine größte Angst allein zu sein, allein zu sterben und Linus wusste nicht, wie er mit Rafael umgehen sollte. Der Humor, die Leichtigkeit und alles, was die beiden verband, schienen plötzlich wie ausgelöscht.
Linus konnte an dem Abend schlecht einschlafen. Die Gedanken um seinen sterbenden Kumpel kreisten in seinem Kopf. Dann begann er zu träumen. In seinem Traum wachte er in dem Bett im Krankenhaus auf. Er war Rafael und lag dort in dem Bett. Er blickte auf die weiße Zimmertür und aus dem Fenster - und immer wieder auf die Tür. „Ich will in meinen letzten Momenten nicht allein sein“, durchfuhr es ihn. Er träumte von der Angst, der Wut, dem verzweifelten Nicht-Wahr-Haben-Wollen, der Trauer, der Hoffnung auf jeden Tag und der Frage, ob er es irgendwann akzeptieren und Frieden finden könnte. Alles fühlte sich so real an und er wachte mit einem Schrecken auf.
Und doch wusste er plötzlich, wie er Rafael begegnen konnte und wollte - so normal wie möglich. Jedes Mal, wenn er die Tür öffnete, grinsten sich die beiden an. Linus fragte, wie es ihm geht und dann sprachen die beiden miteinander - und manchmal auch nicht, spielten auf den Smartphones mit- und gegeneinander. An schlechten Tagen war Linus auch einfach da und hielt Rafaels Hand. Rafael war so froh über die Besuche oder, wenn Linus nicht kommen konnte, die Telefonate. Es nahm ihm die Angst, allein zu sein, wenn er sterben würde. Auch darüber sprachen die beiden miteinander, ihre Traurigkeit, ihre Ängste und ihre Gedanken. Eines Tages erhielt Linus den Anruf, vor dem er sich immer gefürchtet hatte. „Bitte kommen Sie heute. Ihr Freund liegt im Sterben.“ Plötzlich war alles so schnell gegangen. Die beiden hatten über diesen Moment gesprochen. Nun, wo er da war, dieser grausame Moment des Abschiedes, waren beide ruhig. Die Angst war dem Bedürfnis für Rafael da zu sein gewichen. Linus hielt seine Hand und Rafael schloss mit einem Lächeln seine Augen. „Danke, mein Freund“, waren seine letzten Worte.
Trotz der Trauer, die folgte, und mit den Tränen in seinem Gesicht wusste Linus, dass er sich in seiner letzten Stunde ebenso einen Menschen an seiner Seite wünschte, der seine Hand halten würde ...
Und er wird leben - jeden Tag - für Rafael mitleben, denn man weiß nie, wie viel Zeit einem noch geschenkt ist.

Der Autor Steffen Zöhl ist Heilpraktiker (HPP) mit Schwerpunkt auf Hypnosetherapie und Kinderpsychologie.
Er liebt es, Menschen von sich selbst zu begeistern und ihre Stärken und Potenziale zu finden.
Weitere Infos auf www.derzuhoerer-berlin.de


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