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Ausgabe Juli 2016
Das ist doch Wahnsinn! Von Katja Neumann

Sind wir nicht alle ein bisschen…? Ab wann ist man denn wahn-sinnig oder wann nur ein bisschen ver-rückt? Was ist NORMAL? Und wann ist es vielleicht sogar ein Vorteil, nicht ganz normal zu sein? Jeder wird schon Grenzerfahrungen damit gemacht haben, viell

Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob ich noch richtig ticke, ob das, was ich empfinde, normal ist. Meistens finde ich das allerdings ganz in Ordnung, denn das Leben hat mich gelehrt, dass normal sein auch keine Lösung ist. Wenn ich mir Menschen anschaue in der S-Bahn oder auf der Straße, wenn ich sehe, was normal sein bedeutet, fühle ich mich oft nicht dazu gehörig. Ich möchte nicht gleichgültig, wegschauend, blind konsumierend und zugeklebt sein mit „das macht MAN so“.Aber mich haben die „Unnormalen“ auch schon erschreckt. Zum Beispiel die Frau, die, nachdem sie mich mal in meiner Praxis aufgesucht hatte, mit der Axt in unserer Abwesenheit durchs Fenster eingestiegen ist, weil sie einen schizophrenen Schub hatte. Sie kam dann in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie, aus der sie übrigens einen Tag später ausbüchste, um leider wieder vor unserer Tür zu stehen. Man konnte sie dort dann auch nicht viel länger festhalten, nachdem man sie wieder eingesammelt hatte, weil keine Fremd- oder Eigengefährdung vorläge. Da, vor vielen Jahren, habe ich das erste Mal ernsthaft gelernt, wie dehnbar Begriffe sind. Und dass es guten und beängstigenden Wahnsinn gibt.
Ich arbeite seit einem guten Jahrzehnt mit schamanischen Heilweisen, vorwiegend den schamanischen Trommel-Trance-Reisen, in denen es, lapidar gesagt, darum geht, innere Bilder zu gucken oder auch Botschaften zu empfangen. Aus wissenschaftlich schulmedizinischer Sicht grenzt das genau genommen schon an Wahn und da es nicht beweisbar ist, ist es in unserer westlichen verkopften Welt nach wie vor eine Hirnspinnerei. Daran ändert auch nichts, dass die WHO (Weltgesundheitsorganisation) es irgendwann in den 80ern mal als Heilweise anerkannt hat. Den Schamanismus gibt es aber schon ein paar Jahre länger, ungefähr 40-50.000 Jahre sagen die Wissenschaftler, ich würde sagen, schon immer, von Anbeginn an. Und was wissen wir, in welche Welten noch und vor allem schon sehr viel länger es existiert? Was für ein Gedanke! Verrückt, nicht?

Die Geister, die ich rief…
Verrückt ist überhaupt ein gutes Stichwort, der Schamane liebt es. Ver-rückt. Nicht in dieser Welt unterwegs, sondern woanders. Für Schamanen ist verrückt sein Voraussetzung für seine Arbeit, natürlich in einer guten Art und Weise. Manche Menschen wurden erst zum Schamanen berufen, nachdem sie irgend eine Art von Anfall erlitten hatten, oft epileptische, aber so genau weiß man das auch wieder nicht, da die Ureinwohner nicht in psychoanalytischen oder neurologischen Kategorien dachten, die haben wir ja erst erfunden. Sie hatten keine Ahnung von Borderline, bipolaren Störungen etc. Der Anfall oder das Delirium und vor allem das Überleben dessen war für die Menschen ein Zeichen, dass die Geister denjenigen berufen hatten. Schamanen glauben an Geister, nein, genauer - sie wissen darum, denn in diesem ver-rückten Zustand werden sie für sie sichtbar. Von diese Geistern gibt es gute, die, mit denen der Schamane zusammenarbeitet und die, die man besser meidet bzw. die nicht so nett sind, um es vorsichtig zu formulieren. Wenn ein guter Geist in einen gefahren ist, sieht das für die Umstehenden vielleicht auch erst mal erschreckend aus, aber er bringt hilfreiche Visionen mit, Botschaften z.B. von den Ahnen oder helfenden Wesenheiten, bringt Information und Heilung. Der Schamane stellt sich für seine Geister zur Verfügung, er verschmilzt mit ihnen, damit sie durch ihn wirken können, er ist Kanal. Dieser Zustand ist gewollt und initiiert, will sagen, der Schamane weiß, was er tut und WEN er ruft und er weiß es auch zu beenden. Aus schamanischer Sicht als ist das also kein Wahnsinn, aus zivilisierter wissenschaftlicher und ich möchte sagen, damit einhergehender Begrenztheit, schon. Das ist nur mutig, nicht wahnsinnig.
Was ist aber mit den sogenannten schlechten oder bösen Geistern? Schamanen haben ihnen in den tausenden von Jahren viele Namen gegeben und überall hat jeder seine Begrifflichkeiten dafür und hier ist vielleicht nicht der Raum, das genauer zu definieren, denn es sind viele. Wichtig finde ich nur, dass es - WAS immer es sein mag - dort WO es ist, eben nicht immer hingehört. Vergleichbar mit einem Virus. Für sich allein ist ein Virus erstmal einfach da, ganz neutral. Befindet er sich aber im Körper eines Menschen, empfinden wir ihn als schlecht, da er uns schadet und es uns nicht gut geht, dann erst wird er zur Gefahr.
Bei diesen sogenannten bösen Geistern spricht der Schamane von einer Besetzung, die nichts mit dem Schrecken der kirchlichen Benutzung des Wortes gemein hat, die uns aber nichtsdestotrotz nicht unbedingt gut tut und die auch Krankheit, Schmerz und Leid provozieren kann. Auch da ist es oft vergleichbar mit einem Virus: Wir sind ständig umgeben von Bakterien und Viren genauso wie von Fremdenergien und Wesenheiten. Aber wenn unser Seelen-Immunsystem schwächelt, wenn es Seele nicht gut geht, sind wir anfällig dafür und einfach zu haben. Und es gibt, wie bei Krankheiten auch, leichte, kaum spürbare Formen, die kommen und genauso unbemerkt wieder gehen, manche, die uns zu schaffen machen und genauso auch die chronischen, die wir vielleicht ein halbes oder ganzes Leben mit uns rumschleppen, aber an die wir uns irgendwie gewöhnt haben. Und dann gibt es eben, wie bei allem, auch die ganz schlimme Form.

Das, was wir dann Wahnsinn nennen
Wenn nichts mehr geht, sich die Welten nicht mehr trennen und unterscheiden, die bösen Geister sich nicht mehr ausladen lassen und man es nicht mehr steuern kann; Wahrnehmung und Kontrolle entgleiten und die Sicherung durchbrennt. Manchen Menschen (bestimmt nicht allen!)könnte sicher geholfen werden, wenn sie zu ihrer psychologischen Betreuung auch noch einen guten Schamanen treffen würden, der auf seine Art auch ein Profi ist für menschliche Abgründe. Wo Seele dann festhängt und was mit ihr passiert, ist für uns kaum zu verstehen. Wer könnte sie besser finden oder befreien als jemand, der zwischen den Welten und Realitäten wandern kann. Leider ist es in unserer Welt völlig tabu, auch nur in Erwägung zu ziehen, dass z.B. die Stimmen, die jemand in diesem besetzten Zustand meint zu hören, wirklich da sind. Dass es Wesen sind, die einen dazu treiben, seltsame oder erschreckende Dinge zu tun. Verstehen Sie mich nicht falsch: nicht immer, nicht an jeder schlimmen Tat ist eine Besetzung oder ein Dämon schuld, so einfach ist es definitiv nicht. Wir haben die Verantwortung für uns, immer, aber es KANN sein. Wir klammern das komplett aus, weil es wissenschaftlich nicht sein kann und das ist der Fehler.

Zwischen Wahnsinn und Genialität liegt manchmal ein schmaler Grat, genauso wie zwischen den Grenzen der alltäglichen und nichtalltäglichen Wirklichkeit, Sichtbarem und Unsichtbarem.

Grenzen sind nicht, wie wir das gerne hätten, klar sichtbar. Vielmehr bewegen wir uns ständig in einem fließend ineinander übergehenden Grenzgebiet, sind Mischformen ohne Grenzen. Seele ist grenzenlos und beinhaltet alles. So ist jede Seele genaugenommen genial und wahnsinnig zugleich. Mal mehr das eine, mal mehr das andere. So geht es wieder mal um die richtige Balance.
Menschen, die aus der Ordnung, aus dem Rahmen gefallen sind, brauchen Hilfe, aber brauchen wir, die gar keinen Wahnsinn mehr erlauben, nicht auch Hilfe? Wir maßen uns an, alles einzuteilen und zu kategorisieren, zu klonen oder wegzumachen. Menschen dürfen nicht mehr „behindert“ oder „dumm“ sein, wir sprechen ihnen damit auch ab, dass sie glücklich sein könnten in ihrer Welt, nur weil es für uns vielleicht anstrengender ist, damit umzugehen, weil uns die Schublade fehlt, in die wir sie stecken können.
Der alltägliche Wahnsinn. Was ist bitte normal daran, zu glauben, was in der Zeitung steht? Was ist normal daran, 40 Stunde die Woche und mehr zu arbeiten und das Leben zu verpassen? Und es ist definitiv verrückt zu glauben, dass wir daran nichts ändern können. Aber direkt neben dem Wahnsinn steht der Mut. Mut, aufzufallen, anzuecken und vielleicht auch dafür nicht gemocht zu werden.
Der Dalai Lama hat mal gesagt: „Wenn Sie glauben Sie sind zu klein, etwas zu verändern, dann verbringen Sie die Nacht mit einem Moskito im Zimmer!“ Ja, das kann einen in den buchstäblichen Wahnsinn treiben...es sei denn, man ist der Moskito.

*„Lassen Sie Ihr verrücktes Licht hell leuchten, so dass die anderen Verrückten wissen, wo Sie zu finden sind“



Die Autorin Katja Neumann ist schamanische Heilpraktikerin und gibt Einzelsitzungen, gibt regelmäßige Workshops. www.katja-neumann.de


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