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Ausgabe April 2016
Tu was! Oder sei still! Müssen wir etwas tun, um zu lernen einfach zu sein? Von Wolf Schneider


Seit Jahrtausenden bewegt Philosophen und tiefsinnige spirituelle Sucher diese Frage. Die einen sagen: Jedes Tun, das nicht wie von selbst passiert, ist ein das-Leben-anders-haben-wollen, als es ist und insofern eine Auflehnung gegen Gott, das Schicksal, die Natur. Die anderen sagen: Du musst etwas tun, um gesund, schlank, fit, klug, marktgerecht oder gottgefällig zu sein. Diese beiden Pole menschlichen Weltbezugs stehen sich auch heute noch gegenüber, in unserer modernen Gesellschaft, im Mainstream ebenso wie in den spirituellen Subkulturen.

Der Igel ist schon da
Mach erstmal ein bisschen Yoga, mach’ Oshos Dynamische Meditation oder geh ins Fitness-Center, ehe du es mit einer stillen Meditation versuchst. Sonst wirst du beim Versuch zu meditieren zu verspannt sein, um zur Ruhe zu kommen. Aber dann setzt du vielleicht nur das Hamsterrad fort, aus dem du doch austreten wolltest!? Dem Höher-schneller-weiter kann man ja auch im Fitnessstudio und beim Yoga huldigen. Man kann sich dabei auspowern und in der körperlichen Erschöpfung eine gewisse Entspannung erleben. Gut so. Aber ist das schon die Stille, von der die Meister sprachen? Eher nicht. Diese Heilige Stille sollte doch immer da sein, sogar inmitten des Lärm unseres geschäftigen Treibens. Sie sollte nicht erst erstrebt oder gar erkämpft werden müssen. Sie sollte schon da sein und auf uns warten, wie der Igel im Wettrennen mit dem Hasen in Grimm’s Märchen vom Hasen und dem Igel.

Dröhnende Stille
Ich bin sehr dafür gesund zu leben. Ich achte auf meine Ernährung, ich bewege mich gerne geistig ebenso wie körperlich, weil beides so enorm lustvoll ist, aber auch, damit ich nicht einroste. Ich mache jeden Tag mehrfach ein bisschen Yoga, aber nicht nach irgendeiner Vorschrift, sondern so, so wie es mir gut tut. Ich praktiziere das wie ein ausgedehntes Räkeln, das auch anstrengend sein darf, weil Anstrengung in Maßen so gut tut. Bewegung tut gut, und das Stillsein dazwischen ebenso. Keins von beidem möchte ich missen. Bewegung und Stille (auch Stillstand), beides muss sein. In der Bewegung um die Stille zu wissen, das Ungerührte, das ist Ganzheit, Wachheit, Vollständigkeit, ein Dasein ohne Mangel. Und auch das Wissen – nein: das spürende Gewahrsein – dass sich in der dröhnenden Stille des Universums alles bewegt, dass es da vor Lebendigkeit nur so quirlt.

Übe und verhindere nichts
Sollten wir meditieren? Im Buddhismus wird das ja sehr konsequent empfohlen, von Taoisten eher nicht. In meinen Kreisen scheiden sich bei dieser Frage die Geister. Die Taoisten sagen: Unsinn! Du kannst es nicht erreichen, denn was du suchst, das ist schon da; deine Suche verscheucht es eher als das sie es herbeiführt! Wenn du es suchst, trägst du dein weltliches Strebertum nur in die Heiligen Hallen der Spiritualität hinüber und beschmutzt sie damit. Die Buddhisten hingegen sagen: Übe, übe, übe! Übung macht den Meister. Wenn du in der Meditation noch nicht absichtslos bist, dann musst du das eben üben. Die Absichtlosigkeit üben? Das hieße doch, die Absicht haben, absichtslos zu sein? Ja, genau! Das musst du üben.
Ich mag mich in dieser Debatte auf keine der beiden Seiten schlagen. Aber ich sitze gerne still und finde, dass mir das guttut. Früher mal habe ich mir dafür eine feste tägliche Zeit eingerichtet, heute nicht mehr. Jetzt versuche ich nur noch, in den Bewegungen in mir und um mich die Erinnerung wach zu halten, dass es eigentlich still ist. Alles quirlt, und dabei ist es still. Dazu brauche ich nichts zu tun, und »nichts bleibt dabei ungetan«, wie die Taoisten sagen. Kein Tun ist dabei verboten oder müsste verhindert werden, um still zu sein. Auch das Üben muss nicht verhindert werden.

Bedingt sein und wirken
In letzter Zeit ist wieder sehr viel vom Gutmenschentum die Rede, andererseits auch von Ethik, und es kommt mir vor, als seien die zeitgenössischen Philosophen und politischen Visionäre in den gut vier Jahrzehnten, in denen ich dies und das dazu gelesen habe, damit nicht so recht voran gekommen. Wenn jemand Gutes tut, wird er von denen als Gutmensch verspottet, die bei ihrem egoistischen Tun ein gutes Gewissens haben wollen. Die anderen predigen Ethik, wo man früher von Moral sprach und wollen damit für gut gefunden und geliebt werden. Beides sind nachvollziehbare Strategien, um mit dem Gefühl unterwegs zu sein, es richtig zu machen, finde ich, aber keine von beiden trägt zum Verständnis bei. In den Motiven unseres Handels sind wir Menschen nicht so verschieden, im Verständnis der Zusammenhänge schon sehr viel mehr. Der Knackpunkt scheint mir im Verständnis von dem zu liegen, in wie weit das, was »ich für mich tue«, mit anderen Menschen und der Umwelt zusammen hängt. Wie das miteinander verwoben ist. Wie ich bedingt bin und wie ich wirke.

Das Ende ist nah!
Ich bin kein Apokalyptiker. Zu oft schon haben sich Ankündigungen von »Das Ende ist nah« als falsche Prophezeiungen erwiesen. Auch zu Jesu’ Zeiten war die Endzeiterwartung eher Ausdruck eines Charaktertyps als eine ernst zu nehmende Prognose. Und doch, bei einiger Kenntnis der Abläufe biologischer Evolution – Politik und Demografie lassen wir jetzt mal weg – kann man heute zu dem Schluss kommen, dass nicht nur unter den menschlichen Erdbewohnern eine gewisse Endzeitstimmung herrscht, sondern auch, dass wir eine Menge gute Gründe haben, uns wie die Tanzenden auf der Titanic zu fühlen. Oder wie die anderen, denen unter diesen Umständen die Lust aufs Tanzen vergangen ist.

Rettende Entzweiung
Deshalb jetzt nochmal zurück zur Eingangs gestellten Frage: Sollten wir etwas tun, um uns selbst und die Welt zu retten, oder einfach still sein und in uns hineinhorchen. Sollten wir lieber zuhören als selbst reden und am besten nur in die Stille lauschen, die immer schon da ist? Mit oder ohne Yoga, Fitness und täglicher Zen-Praxis. Um dann mit dem Igel triumphieren zu können, der, als der Hase außer Atem angerannt kam, ihm schlicht sagte: Ich bin schon da! Allerdings musste er sich dazu zweiteilen in eine männliche und eine weibliche Seite: Mal war es die Igelfrau, die dem Hasen sagte »Ich bin schon da!«, mal ihr Mann. Womit wir wieder bei der Frage wären, ob ‚der kleine Unterschied‘ uns retten kann. Die Aufteilung der Spezies in zwei gegenpolige Geschlechter ist ja in der Evolution des Lebens auf der Erde seit 400 Millionen Jahren das Top Erfolgsprinzip! Entzweiung als Rettung? Wo doch der Dualismus grad so gescholten wird!?

Aufklärung
Die Kriegsflüchtlinge aus Syrien, mit denen ich dieser Tage im Connectionhaus zusammenlebe, urteilen schnell und entschieden. Sie sagen nicht nur, was sie gut und schlecht finden, sondern auch, wer ein guter und wer ein schlechter Mensch ist. Dabei kennen sie durchaus Schattenseiten und »das Dunkle« im Menschen. Ich empfinde das als Wohltat gegenüber der Verdrängung der Urteilsfähigkeit, die ich aus spirituellen Kreisen gewohnt bin. Urteilen, ja, aber richtig! Entzweien, ja, aber bitte sinnvoll! Polarität ist spannend, und Friede ist mir ganz entschieden lieber als Krieg, davon bringen mich auch Heilige Bücher wie die Gita, die Bibel und der Koran nicht ab.
Ich sagte es schon: Wir brauchen eine neue Aufklärung! Diesmal aber eine, die vor den Religionen nicht halt macht.


Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. 2016 - Leben mit Flüchtlingen.


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