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Ausgabe Oktober 2015
Löcher in der Seele. Katja Neumann beschreibt ihren eigenen Weg zum Schamanismus und ihre Arbeit aus ihrer schamanischen Praxis.


Der Zustand von Schwäche und Suchtverhalten ist aus schamanischer Sicht ein klares Zeichen für den Verlust von Seelenanteilen. Ein Schamane ist meist ein Mensch, der selbst durch tiefste Täler gegangen ist. Das Leben ist seine härteste Prüfung gewesen. Er hat gelernt, von tief innen zu sehen und beschränkt sich nicht darauf, dass der Patient ihm von seinem Schmerz erzählt und sich selbst verstehen lernt, sondern er hilft der Seele desjenigen, wieder vollständig zu werden, damit der Mensch seine Kraft zurückbekommt.

Einmal Hölle und zurück
Wegen eines Autounfalls acht Wochen zu früh geboren, dadurch ebenso lange in Isolationshaft im Brutkasten, ungestillt natürlich, wie das damals eben war, vor gut 40 Jahren. Eltern, die sich nicht liebten und nichts zu sagen hatten, lieber andere Liebhaber hatten, abgegeben zur Stiefoma und sogenannten Tagesmutter, wo auch immer ein paar vernachlässigte und verhaltensauffällige Heimkinder in Pflege waren – des Geldes wegen. Beide Trinker, die „Tagesmutter“ und ihr Mann.
Struktureller, seelischer und sexueller Missbrauch und keiner weit und breit, dem das aufgefallen und der mich beschützt hätte. Sie waren alle mit sich selbst beschäftigt. Ich dachte, das ist normal. Nur ich bin es nicht. Als meine Eltern sich trennten – da war ich zwischen fünf und sechs Jahre alt – kam ich erst einmal zu meiner Mutter, obwohl ich lieber zu meinem Vater wollte, denn ich hatte große Angst vor ihr. Lieber habe ich mir nachmittags draußen in die Hose gemacht – da musste ich sein, damit sie ihre Ruhe hatte – als zu klingeln und zu fragen, ob ich aufs Klo darf. Wenn ich abends weinte vor Heimweh nach meinem Vater, hörte ich oft den Satz: Stell dich nicht so an. Einen Satz, den ich sehr verinnerlicht habe, um mich später damit selbst zu kasteien. Wie soll ein kleiner Mensch auch lernen, liebevoll mit sich umzugehen, wenn ihm nicht gezeigt wird, wie das geht?
Jahrelang hatte ich jede Nacht den gleichen Traum von Spinnen (ja man könnte jetzt psychologisch werden...), nur dass ich nicht mal wusste, dass es ein Traum war, für mich war das der grauenvolle Abschluss jeden Tages. Natürlich habe ich meiner Mutter nicht davon erzählt – aus lauter Angst. Aber irgendwann konnte ich nicht mehr, habe mich im Kinderzimmer der Tagesmutter am Stuhl festgeklammert, um nicht nach Hause zu müssen. Stell dich nicht so an. Meiner Mutter war das, glaube ich, einfach peinlich. Genauso, dass ich im Kindergarten mal eine Puppe geklaut habe, denn ich durfte keine haben. Ich liebte aber genau diesen Mädchenkram: Puppen mit langen blonden Haaren, die man kämmen und flechten konnte. Nach diesem Vorfall, er war meiner Mutter natürlich auch sehr peinlich, ging sie mit mir in einen Spielzeugladen und kaufte mir eine Puppe: Sie war schwarz und hatte kurzes krauses Haar.

Harte Schule oder von der Pike auf gelernt
Das ist ein kleiner Auszug aus meinen Erinnerungen, denen auch noch eine lange Odyssee folgte. Und ein langer Heil-und Heiler-Weg, der sicher auch nie enden wird. „Nur“ eine kindliche Erinnerung, die aus Erwachsenensicht sicher ganz anders geschildert würde. Und jeder hat so gut gemacht wie er konnte, natürlich.
Anzuerkennen, dass das aber MEINE Wahrheit ist und dass die genauso sein darf wie die der anderen, hat Jahrzehnte gedauert. Mir selbst zu glauben, obwohl meine Familie bis heute den Missbrauch negiert und für meine Erfahrungen auch dankbar zu sein, war einer der wichtigsten Schritte, denn genaugenommen war es die Basisausbildung und das Fundament für das, was ich heute mache. Das kann man nicht studieren. Die Geschichten, die ich in meiner Praxis höre, sind oft weit schlimmer als meine. So schlimm manchmal, dass ich mich leise und ganz demütig frage: Das kann man überleben?
Meine Geschichte darf ich erzählen, denn sie gehört mir, ich muss niemanden fragen, ob ich das darf.
Und wenn sie jemand nicht wissen will, ist mir das inzwischen auch egal. Ich erzähle sie auch nicht, weil sie so unglaublich wichtig und herausragend ist, sondern weil ich fest daran glaube, dass wir einen Auftrag haben: raus zu gehen in die Welt und unsere Geschichten zu erzählen, um anderen Mut zu machen.
Und das ist das, was die Schamanen tun. Sie sind Geschichtenerzähler, Träumer, manchmal Schauspieler, Reisende und auch Heiler. Und sie sind die, die mit dem Herzen sehen – das kann man auch nicht studieren. Nur fühlen.

Wie Faust auf Auge
Es gibt nicht viele Heilweisen und Therapien, die ich auf meinem Weg nicht ausprobiert habe, immer mit dem Gefühl, ich bin nicht richtig, etwas stimmt ganz gravierend nicht mit mir. Immer auf der Suche, ohne zu wissen, wonach eigentlich genau. Der Missbrauch und vieles andere waren bestens weggeschlossen vor mir und dem Rest der Welt. Nach außen habe ich perfekt funktioniert. Aufgrund meiner gut geschulten Antennen war ich leider sehr fähig, den Therapeuten zu erzählen, was sie hören wollten. Ich hatte früh gelernt mich anzupassen und alles „richtig“ zu machen, das vermeintlich Richtige zu sagen. So kam da natürlich nie wirklich was bei raus, außer vielleicht, dass sich der jeweilige Therapeut für einen guten Therapeuten halten konnte, denn es schien ja voran zu gehen mit mir. Ging es aber nicht.
Dann kam der Schamanismus ins Spiel. Es war, als gingen mir Kronleuchter auf damals, als ich das erste Mal vom Verlust von Seelenanteilen hörte. Ohne zu wissen, was genau das bedeutet, war klar, ich war am Ziel meiner Suche angelangt und fing an, alles aufzusaugen, was ich zu fassen bekam, denn es war für mich das logischste, was ich je gelesen habe, was sich komplett mit meinem Gefühl deckte – ich fühlte mich unvollständig, nicht bei mir. Und wer war ich überhaupt? Es war die klare Gewissheit: Hier finde ich nach Hause.

Die (schamanische) Reise
Menschen, die gern träumen, vor allem am Tag, haben es oft leichter, sich auf die schamanische Reise zu begeben, denn es entspricht quasi ihrer Lieblingsbeschäftigung. Für mich war es ein Geschenk und ein Leichtes. Als Kind hat mir das Wegträumen meine Seele gerettet, rückblickend würde ich sagen, ich war eigentlich nie „da“. Heute ist es mein Beruf und immer noch meine Lieblingsbeschäftigung, aber auch meine Verabredung mit mir selbst, die restliche Zeit, die ich nicht schamanisch reise, ganz da zu sein. Das war für mich der weitaus größere Herausforderung – zu lernen, dass hier sein gar nicht mal so schlecht ist.
Das schamanische Reisen ist ein Eintauchen in eigene Bilder, in die eigene Geschichte, in letzte Winkel, von denen man nicht mehr wusste, dass sie existieren. Das ermöglicht eben auch das Integrieren alter Traumata. Es ist ein Trancezustand, meist begleitet durch monotones Trommeln. Immer wieder begegnet man dabei sich selbst in diesen Bildern, in früheren Jahren, Szenen aus der Vergangenheit – das sind die Seelenanteile, die endlich gesehen und gehört, in den Arm und vor allem mitgenommen werden wollen. Das Mitnehmen bzw. Integrieren dieser verletzten Seelen-Anteile füllt die innere Leere, die wohl die meisten von uns kennen. Das wiederum lässt den Drang schwinden, diese inneren „Löcher“ mit irgendwas zu füllen. Nichts anderes ist Sucht aus Sicht der Schamanen.
Ich habe viele Formen der Sucht durchlaufen, mich nie so ganz festgelegt, dadurch fiel es nicht so auf und Drogen gehörten nie dazu. Meine Sucht war die „Stell-dich-nicht-so-an-Sucht“: gnadenlos und unerbittlich immer wieder die eigenen Grenzen niederreißen. Durch die schamanischen Reisen und die vielen, vielen Seelenanteile, die über die Jahre heim gefunden haben zu mir, habe ich überhaupt gelernt, wo ich anfange und wo ich aufhöre, wen ich da rein lasse und wen nicht. Und jeden, der zu mir kommt, kann ich nur ermuntern: Trau dich, stell dich mal so richtig an, Seele dankt.

Katja Neumann arbeitet mit uralten schamanischen Heilweisen in ihrer Naturheilpraxis Berlin, Prenzlauer Berg, www.katja-neumann.de


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