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Ausgabe September 2015
Innere Stärke. Die Kraft der Zyklen. Von Katja Neumann

Wenn Mann oder Frau (hoch)sensibel sind, wenn man nie einfach sein durfte, wenn dann vielleicht noch Grenzen überschritten wurden, stellt sich ein Zustand ein, den man als innerlich erstarrt beschreiben könnte. Warum sonst lauten die meisten Krankschreibu

Seelen-Herpes
Die Stadt ist so laut, die Menschen zu viel und zu schnell, ein reißender Strom, wir quellen aus den Bahnen, wälzen uns durch die Straßen, halten die Luft an und ziehen den Kopf ein. Ein Lächeln überrascht. Fast wie eine Sinnestäuschung und schon wieder vorbei.
Wir fühlen uns oft degeneriert, gefangen in uns selbst und in äußeren Zwängen, sehr viel Menschen gehen Beschäftigungen nach, die sie nicht mögen oder die sie langweilen.
Liebe ist reduziert auf Freizeit – wenn überhaupt. Der Alltag, die Medien und die herkömmliche Schulerziehung basieren auf Angst. Das bringt uns meist erst mal sehr weit weg von uns selbst, von dem, wie wir gemeint sind.
Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da ist das Maß übervoll. Die Seele sucht sich ein Ventil für das Zuviel an Input, für das Zuviel an Funktionieren müssen, für das zu wenig auf eigene Bedürfnisse, Sehnsüchte und Pausen hören können. Irgendwann klingt sich das Körper-Geist-Seele-System einfach aus. Error.
Eine Klientin beschreibt es so: „Ich spüre, wie die dunkle Wolke Einzug hält, es ist jedes Mal das Gleiche und nichts kann sie aufhalten. Wie Herpesbläßchen – man spürt es schon Stunden, bevor man sie sieht, das Kribbeln in der Lippe und es ist klar, worauf es hinausläuft, unausweichlich. Nur noch stille Ohnmacht und Resignation.
Diese dunkle Wolke nimmt alles Licht und die Luft zum Atem. Ich kann nur noch erstarren und warten, bis es vorbei ist. Manchmal hoffe ich noch, dass die Wolke vielleicht doch weiterzieht, vielleicht gar nicht mich meint, aber sie bleibt immer über meinem Kopf hängen, immer bin ich gemeint und immer wird es schlimm.
Alles wird dunkel und schwer, jede Bewegung zur Qual, den Mund öffnen, etwas sagen, den Arm heben, etwas tun – einfach alles. Der Blick in den Spiegel ist genauso grauenvoll wie in Augen anderer schauen zu müssen. Alles scheint verzerrt, verquollen – unmöglich in irgendetwas das Schöne zu finden – vergiftet, versaut, innerlich zerfressen. Das ganze Leben fühlt sich an wie ein Fingernagel klingt, wenn er über eine Tafel kratzt. Widerlich.
FALSCH, innen wie außen falsch, Dreck, Müll, verachtenswert. Hassenswert.“
Ein trauriger Zustand, der sich regelmäßig einstellt, bei Frauen gerne verknüpft mit dem Zyklus. Das PMS, das prämenstruelle Syndrom, zeigt sich oft in so heftiger Form bei Frauen, die missbräuchliche Erfahrungen gemacht haben, die zu den sogenannten hochsensiblen Menschen gehören, die sehr perfektionistische Ansprüche an sich haben und die sich oft nicht gut abgrenzen können und immer online sind.
Aber natürlich haben auch Männern Zyklen, wenn auch nicht so offensichtlich, und doch lassen sich diese Zustände in Wellen beobachten. Deswegen spricht die Psychologie auch gern von bi-polarer Störung. Es geht mal besser und mal schlechter.

UR-Wissen
Was mir immer wieder auffiel in meinen Studien über ganzheitliche oder native Heilweisen, ist die Tatsache, dass Menschen, die in und mit der Natur leben, bestimmte Krankheiten gar nicht kennen. Sie haben keine Depressionen, keine Essstörungen, keine schizoide Persönlichkeit etc. und sie haben meist nicht einmal Worte dafür. Was nicht heißt, dass sie keine Probleme haben oder nur glücklich sind. Im Amazonasgebiet sprechen die Ureinwohner von `Panema`, was so viel bedeutet wie Traurigkeit, Mangel an Glück oder Schatten auf dem Herzen. Es ist dann aber selbstverständlich, dass damit keiner alleine gelassen wird, im Gegenteil, der oder diejenige wird dann in die Mitte genommen und es wird ein Ritual gemacht, an dem sich alle beteiligen. Sie trinken Ayahuasca, nehmen Kambo, ein Froschgift oder andere heilige Medizin, die die Urwald-Apotheke zu bieten hat.
Wir dagegen sind meist sehr allein damit, wir fühlen uns defekt, ziehen uns zurück, bis wir wieder funktionieren, greifen im Zweifelsfall auf Psychopharmaka zurück und meist wissen die Menschen im Außen nicht, wie dunkel es in uns ausschaut. Die Schattenseiten darf es nicht geben, wir müssen gut drauf sein, attraktiv und perfekt.
In einer Welt, in der Frau-Sein an sich jahrhundertelang als Schwäche und als Makel galt, haben sowohl Männer als auch Frauen die Orientierung und ihren Platz verloren. Wir sind aus allen Naturrhythmen gefallen und haben uns ein verkorkstes, mediengeprägtes Bild von der Liebe gemacht. Männer müssen stark sein und Frauen auch. Aber was bleibt denn da noch?

Heimlicher Traum
Alle drei Wochen wünschte ich, sollten wir Frauen uns in eine Frauenhütte zurückziehen dürfen, alle gemeinsam menstruieren (das reguliert sich bei Frauen, die nah beieinander leben tatsächlich so – was für ein Wunderwerk der Natur), Reinigungsrituale durchführen, um dann gestärkt und frisch zu den Männern zurückzukehren. Alle hätten etwas davon und die Energien wären ausgeglichen: Männliche und weibliche sowie Plus- und Minuspole, um deren Ausgleich es letztendlich im Leben und in zwischenmenschlichen Beziehungen geht. Es ist ein beständiges Auf- und Entladen oder sollte es zumindest sein. Aber es ist auch klar, wie weit weg das von unserer westlichen profit-orientierten Leistungsgesellschaft ist, wie unmöglich es einem nur beim Lesen vorkommt. Wie schade.

Gedankenparasiten
Was wir stattdessen tun, ist einen neuen Zyklus zu kreieren, eben weil wir alle anderen Zyklen ignorieren. Wir klappen regelmäßig zusammen. Durchaus auch eine Möglichkeit. Wir zahlen mit unserer Stärke, weil wir die Harten markieren müssen. Das ist zu vergleichen, wie jeden Tag in den Krieg zu ziehen – nur subtiler und ohne Sieg. In diesem Zustand sind wir ferngesteuert und wie gelähmt von unseren Gedanken, besser gesagt von dem, was ich als Gedankenparasiten bezeichne. Degenerierte, angefressene, geklonte Gedankenfetzen, die komische Richtungen einschlagen, sich im Kreis um sich selbst drehen, am besten alle auf einmal und komplett unfruchtbar sind und im dümmsten Fall implodieren. Maximal gut, um sie gegen die Wand zu fahren. Bei einem Computer würde man sagen, er hat sich aufgehängt, den muss man neu starten. Und das ist eine verdammt gute Idee! Denn das können wir auch.

Reset
Bei allen unseren Programmen, die wir so auf unseren Computern und Handys haben, machen wir Updates, löschen volle Speicher und oft sagt das Gerät dann „bitte neu starten“. Bei uns selbst vergessen wir das gern oder wissen vielleicht auch nicht, wo der Knopf ist. Dabei braucht es weder ein Psychologiestudium noch eine langjährige spirituelle Praxis. Innehalten reicht. Wir haben so eine gute Intuition, ein Urwissen, das nie verlorengegangen ist, ganz egal, wie wir die letzten Jahre mit uns umgegangen sind. Alle Heilweisen, die wir zur Verfügung haben, die immer neue Kreationen, Weiterentwicklungen und Namen bekommen haben, beruhen letztendlich auf dem, was unsere Vorfahren schon wussten und darin liegt die Stärke. Es gibt die asiatische Linie und die schamanische, und beide arbeiten mit dem, wonach wir uns innerlich am meisten sehnen, was die Seele so dringend als Nahrung braucht: die Verbindung mit den Elementen, der Natur und den Zyklen.
Niemand käme auf die Idee, einen Baum als schwach zu bezeichnen, nur weil er die Blätter abwirft und sich in die Winterruhe zurückzieht oder würde eine Blume als Versager bezeichnen, weil sie verblüht. Nur der Mensch meint, ewig jung und allzeit bereit sein zu müssen. Aber wir sind auch nur Natur. Hören wir auf zu tun, als stünden wir drüber.
Wir wurden geboren – was wollen wir mehr? Ist das nicht Wunder genug?



Katja Neuman arbeitet mit uralten schamanischen Heilweisen in ihrer Naturheilpraxis. Infos auf www.katja-neumann.de


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