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Ausgabe April 2015
OM. Zufrieden sein mit dem Nichts. Wir dürfen uns ruhig entspannen. Von Katja Neumann



Die Auswahl der Heilweisen nimmt immer mehr zu, die Auswahl ist riesig. Alle versprechen Gutes, Zufriedenheit, Glück, mindestens aber Erleuchtung oder All-Inclusive. Vorsichtshalber macht manch einer einfach alles mit, zumindest was in so eine Woche reinpasst, um sicher zu gehen, alles fürs eigene Seelenheil getan zu haben. Aber müssen wir uns wirklich so bemühen? Katja Neumann, Heilpraktikerin in eigener schamanischer Praxis, beobachtet diesen Trend.

Schon wieder bin ich viel zu schnell, immer in Eile. Der Tag ist so kurz und die Liste so lang, der Weg zur Erleuchtung so weit. Denke ich, hetze weiter, vom Yoga zur Therapie, hier ein bisschen Tango, da ein bisschen Fitnessstudio, schnell ein VeggiBurger, zur Arbeit (muss ja auch sein, wegen der Miete) und abends im Bett kein bisschen erleuchtet, aber so überdreht, dass ich wieder nicht schlafen kann.

Overload - was suchst du denn? Die Qual der Wahl
Mir ist ganz wirr im Kopf. Vor mir sitzt ein junger Mann, gerade 24 Jahre alt, und hat sich mir eben vorgestellt. Hören wollte ich, wie es ihm geht, was ihn zu mir bringt. Erzählt hat er mir, was er schon alles ausprobiert hat. Und welche Ausbildungen in Sachen Ganzheitlich und Spiri er schon gemacht hat. Mich überkam dabei eine gewisse Müdigkeit und ich war froh, wenn ich den Namen schon mal gehört hatte. Das meiste habe ich mit schlauem Gesichtsausdruck abgenickt und mich ungefähr zwei Sekunden doch irgendwie alt gefühlt. Als ich ihn dann frage, was es ihm gebracht hat, stutzt er. Er versteht meine Frage tatsächlich nicht. Ich frage ihn also noch mal, was ihn denn nun zu mir bringt und er antwortet allen Ernstes: „Bei einer Schamanin war ich noch nicht.“
Es scheint eine gewisse Vermischung alter Muster mit neuen Trends zu geben, zumindest beobachte ich das in meiner Praxis häufig – auch oder gerade bei jungen und ganz jungen Menschen. Es gibt ein schönes neues Selbstbewusstsein, eine gewisse Selbstverständlichkeit in Werten und Glauben (oder auch Nicht-Glauben) und viele sind darin ganz klar.
Die jungen Menschen sind in einer Generation aufgewachsen, deren Eltern ihnen Begriffe wie Energie- und Heilarbeit, Familienstellen etc. mitgegeben bzw. sie auch da mit hingeschleppt haben. Sie sind vielleicht nicht geimpft und nicht getauft und wenn sie Schnupfen haben, rufen sie ihre Mutter an und fragen, wie die Globulies noch mal hießen, die da helfen. Aber der Leistungsdruck unserer Eltern- und Großelterngeneration ist noch da. Die Gelassenheit und das Vertrauen, das wir (Entschuldigung, die „alten Hasen“) noch so sehr üben, üben auch sie. Es hat sich nur inhaltlich verschoben.

Neue Werte, alter Weg
Es wurde in den letzten Monaten viel darüber geschrieben in den Medien, wie sich Menschen verändern. So geht z.B. der Trend eher weg von möglichst schnell viele Reichtümer oder Titel und Abschlüsse sammeln und eher hin zu Netzwerken wie Carsharing, Bürogemeinschaften, gereist wird gerne und viel und zwar auf private Sofas für wenig Geld („couchsurfing“), d.h. man geht nicht mehr ins Hotel, sondern gern zu fremden Menschen, die privat Schlafmöglichkeiten anbieten. Dank Internet ist das alles möglich.
Auch der Trend zu Online-Ausbildung in Yoga, Meditation, Astrologie usw. nimmt zu. Wir finden alles im Netz und nutzen es. Das ist großartig, aber das Gefühl, noch nicht genug getan zu haben, etwas zu verpassen, sich hier noch engagieren zu müssen, da noch das Wochenende zu verplanen, nimmt zu.
Zufrieden zu sein wird an neue Synonyme geknüpft und an einer neuen To-Do-Liste festgemacht. Gefeiert wird natürlich immer noch viel, aber gern barfuß, vegan und alkoholfrei. Das ist altbewährt, findet aber gerade in Berlin wieder eine neue junge Szene, es boomt.
Es fühlt sich gut an, korrekt zu sein, politisch, ökologisch und mit sich selbst. So macht sich sogar hier und da eine gewisse Überheblichkeit bemerkbar, Menschen gegenüber, die das alles nicht sind, die nicht die Beine hinterm Kopf verknoten können oder ihre Berufung zum WAS-AUCH-IMMER-HEILER noch nicht gefunden haben. Die Armen…! Dann kommt vielleicht noch ein gutgemeinter Ratschlag zu diesem oder jenem Seminar, dass Frau XY leitet, der schon bei Herrn ZX gelernt hat… und das würde sicher weiterhelfen… oder einfach mal wieder barfuß über eine Wiese laufen… hilft auch.

Nichts!
Dem jungen Mann, der schon alles ausprobiert hat (außer mich bzw. den Schamanismus), habe ich eine Hausaufgabe gegeben: zehn Minuten jeden Tag NICHTS zu tun, meinetwegen mit einem Wecker. Prompt kam natürlich die Frage: „Wie - NICHTS?“ Ich: „Heißt: nicht meditieren, nicht Musik hören, keine Verrenkungen, kein Telefon in die Hand nehmen, NUR atmen, nicht mal denken.“ „Oh.“ (Er sagte dann noch, er wisse nicht, ob er DAS hinbekomme… und auch noch jeden Tag!)
Nichts ist auch nicht neu, wird aber oft vor lauter Angebotsflut und nie schweigenden inneren Leistungsprogramm vergessen. Wir neigen dazu, in guter Absicht, immer alles mit etwas zu verbinden, auch spirituell multitaskingfähig zu sein. Wenn man also schon nichts tut, kann man sich ja wenigstens unter einen Baum setzen oder ein paar Oms chanten. Wenigstens!
Komplett offline und sozusagen mal ganz unnütz sein, ist eine unserer größten Herausforderungen. Ganz unspirituell kennen manche vielleicht noch den 10-Minuten Schlaf am Nachmittag, denn tatsächlich schläft man, wenn man sich und dem Hirn das erlaubt, vielleicht auch ein. Ob das nun ein Zeichen für gutes Entspannen-sein-können oder doch eher ein Zeichen für permanente Überreizung und Erschöpfung ist, sei dahingestellt. Eher letzteres.
Natürlich ist es wichtig und gut sich weiterzubilden, weiter zu wachsen, auch sich dazu Lehrer und Begleiter zu suchen und immer gewahr zu sein, wie wenig wir, egal wie sehr wir uns anstrengen(!), letztendlich wissen. Deswegen ist es vielleicht auch egal, ob wir uns sehr anstrengen oder nur ein bisschen und nur hin und wieder.
Dieser junge Mann, der mich belächelte, weil ich manche seiner Ausbildungen nicht mal aussprechen konnte, der hochintelligent und bewundernswert wissbegierig ist, ist genau aus diesem Grund aber nie zufrieden. Es ist nie genug, nie gut genug, nie erleuchtet genug. Rastlose Seele…
Viel hilft aber nicht immer viel. Stimmt. Und manchmal ist weniger mehr. Stimmt auch. Seit ich aufgehört habe mich anzustrengen (und ich habe mich furchtbar angestrengt), kommen die Dinge einfach von selbst zu mir. Auch nicht neu, aber es funktioniert wirklich. DAS macht sehr, sehr zufrieden.
Und ich liebe meine 10 Minuten NICHTS!


Die Autorin Katja Neumann ist Heilpraktikerin und Schamanin im Prenzlauer Berg, gibt Einzelsitzungen und Workshops in eigener Praxis, www.katja-neumann.de


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