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Ausgabe November 2014
Vom Glück des Schattens. von Katja Neumann

Dass die sogenannten Schatten aus schamanischer Sicht ein wahrer Segen sein können – darüber weiß die Berliner Heilpraktikerin Katja Neumann einiges zu berichten.

Hart geprüft
In den alten schamanischen Kulturen konnte man auf verschiedenen Wegen zum Schamanen berufen werden. Ein Weg war die Weitergabe von Generation zu Generation, also vom Vater an den Sohn oder von der Mutter an die Tochter. Das klingt erst mal sinnvoll, war aber für die Nachkommen oft eine große Bürde. Denn ähnlich wie bei uns will nicht jedes Kind aus einer Ärztefamilie automatisch Arzt werden und ist dafür vielleicht auch nicht besonders geeignet. Der andere Weg war der des Leids. Zum Schamanen wurde häufig berufen, wer eine schwere Krankheit, einen Unfall oder den Angriff eines wilden Tieres überlebt hat. Demjenigen waren die Geister anscheinend wohlgesonnen, was als Zeichen gedeutet wurde. Verbreitet war auch die Annahme, dass Menschen, die schwere Krankheiten auf sich nehmen wie zum Beispiel Nervenkrankheiten, spastische Lähmungen und allen voran Epilepsie besonders prädestiniert sind, zwischen den Welten zu wandeln. Viele Schamanen berichten von konkreten Visionen, die sie in besinnungslosen Zuständen hatten und in denen sie einer Kooperation mit den Spirits zustimmen mussten, bevor sie wieder ins Alltagsbewusstsein zurückkehren konnten.
Beide Wege waren stark von Leid und Verzicht geprägt, was auch immer das gewollte Anliegen dahinter war. Doch geht es dabei vor allem um Demut. Leiden und Schmerzen ertragen macht demütig. Niemand kann so gut mitfühlen wie jemand, der selber durch die Hölle gegangen ist. Schamanen wissen außerdem, dass die Spirits besonders mitfühlend und hilfsbereit sind, wenn sie sich für den Kranken zur Verfügung stellen, also uneigennützig fremdes Leid auf sich nehmen und auf diese Weise dazu beitragen, die „bösen“ Geister mithilfe der „guten“ zu verscheuchen.
Früher wurde es oft nicht als Ehre empfunden, zum Schamanen berufen zu werden, sondern als Makel – man saß gleichsam in der Falle. Schamane sein bedeutete früher, tagsüber dem normalen Überlebenskampf nachzugehen und abends, wenn andere Feierabend hatten, zu schamanisieren. Manchmal sogar heimlich, denn in vielen Ländern war es lebensgefährlich, so zu praktizieren. In Russland beispielsweise wurden Schamanen immer wieder verfolgt, gefoltert und umgebracht. Entweder war es heidnisch oder entsprach nicht der politischen Ausrichtung wie etwa dem Kommunismus.

Das Ego und der Schamanismus
Heute ist es oft genau anders: Man steckt sich nach einem Schamanismus-Wochenend-Seminar eine Feder ins Haar, trommelt wild, singt laut und nennt sich Schamane. Und ist stolz wie Bolle. Mancherorts kann man sogar ein Diplom erwerben oder eine „Einweihung“ und bekommt vielleicht obendrauf noch den Ritterschlag, sich irgendwie nennen zu dürfen. Das füttert natürlich das Ego, macht stolz und manchmal auch blind. Da ist nichts schamanisch daran, das meiste ist rein menschliche Erfindung. Den Spirits liegt es fern, derartige Eitelkeiten aufzubauen – wodurch die uralte Heiler-Tradition leider häufig verfälscht wird. Ein Schamane ist kein Guru, schafft keine Abhängigkeiten, ernährt sich nicht energetisch von seinen Klienten oder Schülern und verspricht nichts. Sonst hat er entweder noch nicht genug gelitten oder sein Leid nicht reflektiert und in Demut transformiert.

Ganz viel des Lichtes
Es ist nichts Schamanisches daran, sich ein Aushängeschild zu basteln, aber natürlich müssen wir uns heute auch nicht mehr verstecken – den Spirits sei Dank! Wir dürfen diese und andere Heilarbeit tun und es besteht Bedarf. Der Schamanismus ist selbst von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) als Heilweise anerkannt worden – wobei es mich, auch wenn dem nicht so wäre, nicht davon abhalten würde, diese Arbeit zu tun.
Die Kunst ist, sich nicht mehr beeindrucken zu lassen, nicht mehr nur zu funktionieren, sondern auf sein Herz zu hören.
Dazu eine Geschichte aus meiner Praxis: Vor zwei Jahren kam Lisa Bayer (Name geändert) zu mir. Lisa war Profisportlerin, hat Triathlon gemacht und als Kind schon jegliche Förderung – und auch Drill – der DDR-Sportschulen erhalten. Sie war unglaublich konsequent; immer, eine Perfektionistin in allen Lebenslagen! Als sie das erste Mal zu mir kam, ging es um ihren Kinderwunsch, den sie sich mit meiner Unterstützung nun endlich zu erfüllen hoffte. Die offiziellen Wege (Hormone, künstliche Befruchtung etc.) war sie schon gegangen. Es konnte einfach nicht sein, dass in ihrem perfekten Leben so etwas vorkam; dass ihr bisher gehorsames Leben ihr auf einmal nicht mehr gehorchte... Nun wollte sie ein Wunder, ganz gleich, dass sie mit meiner schamanischen Arbeit nicht viel anfangen konnte. Das Wunder bekam sie dann auch, aber nicht von mir und nicht auf dem Wege, den sie sich vorgestellt hatte. Sie hatte einen Unfall wenige Wochen nach ihrem Termin bei mir. Ich vermute, zu diesem Zeitpunkt war sie einigermaßen enttäuscht von mir, da ich ihr kein Kind herzaubern konnte, sondern ihr ein paar Dinge gesagt habe, die sie nicht hören wollte... Monate später rief sie mich wieder an und wollte einen weiteren Termin. Als sie kam, war sie ziemlich schwanger und … auch als Mensch rund und weich.
Beim Unfall wäre sie fast ertrunken, sie war mehrere Minuten klinisch tot. Die Ärzte haben sie wiedergeholt, aber dann lag sie einige Wochen im künstlichen Koma. Als sie wieder ins Leben zurückkam, trennte sie sich als erstes von ihrem Sponsor und als zweites von ihrem Mann. Dann ging auf einmal alles ganz leicht. Heute trainiert sie Kinder – ohne Drill natürlich. Von ihrem neuen Freund war sie nach drei Wochen schwanger. Und nächsten Mai beginnt sie das schamanische Dreijahresprogramm, von dem ich ihr nebenbei erzählt hatte. Sie ist fest entschlossen zu heilen: Vor allem Menschen, die wie sie in ihrer DDR-Kindheit das Kostbarste verloren haben, was sie hatten: Sich selbst.
Immer mehr Menschen kommen auf diesen Weg, erst als Bedürftige – das sind wir alle immer wieder – und manchmal anschließend auch als Heiler. Ich möchte nicht missen, was mich ausmacht. Über den eigenen Weg, Traumata und alte Schatten zu heilen, entsteht das Bedürfnis, das erworbene Wissen weiterzugeben. Und auch heute noch gilt: Wen das Leben mal so richtig am Schlafittchen hat und wer dadurch sein Herz weich werden lässt; wer die Chance wirklich nutzt, daraus zu lernen, der wird auch richtig gut.Und richtig erfolgreich. So gesehen ist nichts so spannend wie die Lichter und Schatten, die das Leben wirft. So wichtig eine fundierte Ausbildung ist, die Schatten sind doch einfach die besten Lehrer. Luzifer ist auch „nur“ ein Engel.

Die Autorin Katja Neumann ist Heilpraktikerin und schamanische Beraterin. www.katja-neumann.de


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