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Ausgabe September 2014
Entscheidung für das Leben. Von Katja Neumann


Wenn wir morgens aufstehen, tun wir das mit den unterschiedlichsten Motiven und nicht jeder mit der gleichen Begeisterung. Manchmal tun wir es, weil wir müssen und sind dann froh, wenn der Tag um ist. Gefangen im Funktionieren und der Alltagsmühle, den Kopf voller Sorgen, fällt uns gar nicht mehr auf, wie sehr alles, was um uns geschieht, mit uns zu tun hat, dass wir es selbst entschieden haben.
Setzen wir die schamanische Geschichte des letzten Heftes fort (siehe KGS Juli/August):
Steve Miller drehte sich in seinem Rollstuhl um die eigene Achse, um an die Fernbedienung des Fernsehers zu kommen. Das klappte inzwischen ganz gut. Erst vor drei Wochen war er aus dem Koma erwacht und die letzten Tage hatte er begriffen, was aus ihm geworden war. Er dachte, er hätte sich vom Leben verabschiedet, damals als er von der Klippe gesprungen war, aber das Leben hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht und ihn nicht gehen lassen. Ein Felsvorsprung hatte seinen Körper nach vier Metern jäh abgebremst und aufgefangen. Sein Gehirn war intakt, er konnte sich an alles erinnern, leider. Nur seine Beine, die gehorchten ihm nun nicht mehr.
Running Bear betrachtet ernst sein Pferd Thunderbird, er lahmte hinten rechts und ließ den Kopf hängen. Es schien, als wenn das Licht in seinen schönen Augen erloschen war und Running Bear wusste, was das bedeutete. Leise sprach er Gebete zur großen Mutter und schien damit sowohl sich selbst als auch das Pferd zu beruhigen. Er dachte nicht darüber nach, was zu tun war, er wusste es und er wusste auch, dass es gut war. Wenn es Zeit war zu gehen, war es Zeit zu gehen. Als Leiter der Medizinrad-Zeremonien hatte er schon viele Seelen über die Schwelle begleitet. Viele seiner Ahnen, auch seinen Vater waren nun dort und doch immer bei ihm.
Steve wurde von einem Krankentransport zur Physio-therapie abgeholt (die seiner Meinung überflüssig und sinnlos war), nur um dort die junge hübsche Therapeutin zu terrorisieren. Er war zutiefst verbittert, er fühlte sich von Schicksal bestraft und alle um ihn rum bekamen das zu spüren. „Alle um ihn rum“ belief sich sowieso nur noch auf Fachpersonal, das ihn Dank seiner guten Krankenversicherung versorgte. Freunde hatte er nur auf den ausschweifenden Partys gehabt, davon war natürlich weit und breit keiner mehr zu sehen.
Running Bear ging zu der Frau, die für uns übersetzt „Die, die die Götter ansingt“ hieß und erzählte ihr, wie es um Thunderbird stand. Viel erklären musste er nicht und auch sie sagte nicht viel, außer „Wann?“, worauf er einen Moment in den Himmel schaute und aussah, als würde er lauschen, dann sagte er: „Morgen, wenn der volle Mond aufgeht.“ Sie lächelte und nickte. Zum Abschied neigte er den Kopf und legte seine Stirn an ihre. Er wurde ganz ruhig.
Steve hatte es mal wieder geschafft, dass die Physiotherapeutin mit hochrotem Kopf und Tränen in den Augen, teils aus Wut, teils aus tiefer Verletzung, den Raum verlassen hatte. Steve schnaubte verächtlich, ließ sich wortlos nach Hause karren und von einem Pfleger, der aussah wie ein Schrank, aufs Sofa legen. Er konnte kaum zugeben, wie anstrengend sein neues Leben, das er nicht wollte, für ihn war. Er schlief fast sofort ein. Und hatte einen Traum. Ein Gesicht sah ihn lange unverwandt an und sagte dann: „Entscheide dich!“ Entsetzt fuhr er hoch.
Running Bear und die Frau, die die Götter ansingt, hatten alles vorbereitet und alle waren da. Alle Menschen seines Stammes hatten sich um das Medizinrad versammelt, summten einen bestimmten Ton und die Luft schien zu vibrieren. Es schaffte die Einheit und öffnete die Tore, durch die Thunderbird gleich gehen durfte. Das Pferd selbst stand im Kreis an einem bestimmten Stein, der ihm zugeordnet war. Nach wenigen Momenten des Summens knickte es die Knie ein und legte sich mit einem großen Seufzer hin, so als schien eine große Erleichterung durch den ganzen großen Körper zu gehen. Er war bereit, er wollte gehen.
Steve hatte nun öfter diesen Traum, immer den gleichen. Leider schlief er auch sehr viel, mehrere Male am Tag für ein bis zwei Stunden und jedes Mal passierte „es“: Ein Indianer sah ihn durchdringend an und sagte: „Entscheide dich!“ und er fuhr schweißgebadet und entsetzt hoch. Er war schon ganz erschöpft davon und es machte ihn mürbe. Immerhin führte es dazu, dass er zu müde war, den Pfleger zu beschimpfen und manchmal sagte er sogar Bitte. Oder Danke. Einmal ging sein Traum sogar weiter. Steve fragte den Indianer wütend, wer er sei und er antwortet wieder nach einem langen unbehaglichen Blick: „Das spielt keine Rolle. Vielleicht bin ich du, manche nennen mich Running Bear, aber das ist auch nur ein Name.“
Running Bear kniete neben seinem Gefährten Thunderbird und als dieser langsam zur Seite rollte, kam der Kopf des Pferdes auf seinen Knien zum liegen und Running Bear umfasste ihn mit beiden Händen. Das Summen war inzwischen in ein hundertfaches Murmeln angeschwollen und Trommeln klangen leise im Hintergrund, als die Frau, die die Götter ansingt, zu singen begann. Erst leise, dann immer lauter klang ihre wunderbare helle Stimme in die sternenklare Nacht. Es öffnete die Herzen aller und auch der Himmel tat sich auf. Thunderbird atmete noch einmal tief durch und ein Beben ging durch das ganze Pferd, dann war es still. Und es war gut.

„Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“(Oscar Wilde)

Wir haben die Wahl. Wir haben vergessen, dass sich Mensch und Tier einst sogar zum Sterben entscheiden konnten. Wir haben vergessen, wie man Seelen geleitet. Und wir haben vergessen, uns für das Leben zu entscheiden. So sterben manche von uns schon lange vor ihrem Tod. Aber wir können das ändern.

Die Autorin Katja Neumann ist Heilpraktikerin und Schamanische Beraterin in eigener Praxis, Gethsemanestr. 3, 10437 Berlin, www.katja-neumann.de


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