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Ausgabe Juli 2014
Wo gehst Du hin? Mensch! Von Katja Neumann

Was lenkt Sie? Warum tun Sie das, was Sie gerade tun? Wie entscheiden Sie sich? Wie sind Sie darauf gekommen, genau diesen Weg zu gehen? Bereuen Sie? Was hat Sie in Ihrer Geschichte am meisten beeinflusst? Sind Sie vernünftig? Woher wissen Sie, was für Si

„Suche Zuflucht in dir selbst, wenn du anderen helfen willst. Alle lebendigen Kräfte des Universums treffen sich im Herzen des Menschen.“ Indianisches Sprichwort

Immer schon haben sich Lebewesen nach etwas ausgerichtet, sich orientiert, an dem, was da ist - wie sich die Pflanzen immer der Sonne zuwenden oder dem Wasser, genauso zieht es auch uns immer irgendwohin. Überleben im weitesten Sinne und das so optimal wie möglich.
Unsere Vorfahren waren hoch intelligente, mathematische Genies und akribische Beobachter. Dem Menschen heute erschließt sich ein Maya-Kalender oder das altägyptische, astrologische und astronomische System nicht mal eben und vieles davon wird auch immer ein Rätsel bleiben.
Wir wissen nicht, wie die Indianer Medizinräder wirklich genutzt haben. Was wir aber verstehen können, ist, dass die Menschen immer Zusammenhänge beobachtet haben – in den Sternbildern und in der Natur. Alles um sie herum war da, um Rückschlüsse für sich selbst zu ziehen, denn sie haben sich als Teil des Ganzen betrachtet. Das ist etwas, was wir verloren haben.

Das Medizinrad - Eine schamanische Geschichte
RunningBear schaute prüfend in den Himmel. Der leichte Wind, die Form der Wolken und das unruhige Rufen der Vögel kündigten ein Unwetter an. Abschätzend schaute er auf die Berggipfel in der Ferne und wusste, es würde knapp werden, rechtzeitig im Lager zu sein. Sein Pferd Thunderbird war nicht mehr das Jüngste, er hatte es als Kind bekommen und sie vertrauten sich gegenseitig blind. Er wollte es nicht unnötig anstrengen. So bereitete er sich vor, sein Nachtlager in einer der Höhlen aufzuschlagen, die die Ahnen schon genutzt hatten.
Steve Miller schaute missmutig auf seine Uhr, fünf Minuten wartete er nun schon auf seinen nächsten Kunden. Er stand vor einem 36stöckigen Luxushochhaus, in dem kein Appartement unter einer Million kostete. Dementsprechend hoch war die Provision und dementsprechend hoch war der Druck. Steve schluckte eine Pille gegen seine Magenbeschwerden. Wahrscheinlich ein Geschwür – er hatte noch keine Zeit gehabt, sich durch checken zu lassen. In dem Moment als er zur Wasserflasche greifen wollte, klingelte sein Handy. Mit zitternden Fingern nahm er das Gespräch an. Sein Chef war am anderen Ende der Leitung.
Als RunningBear am nächsten Morgen aus der Höhle kam, war es noch fast dunkel, aber er sollte sich auf den Weg machen, da er als Leiter der Medizinrad-Zeremonie heute viel zu tun haben würde. Er war auch gleichzeitig der Hüter dieses heiligen Ortes, dem Steinkreis, dessen Deutung und Nutzung seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Er schwang sich auf Thunderbird und machte sich leise singend auf den Weg.
Steve Miller erwachte fluchend. Sein Kopf dröhnte, der Fernseher lief noch und er war mal wieder auf dem Sofa eingeschlafen. Er brauchte eine ganze Weile, um sich zu orientieren, aber dann fiel ihm ein, dass Sonntag war, den er einerseits hasste, weil es der leerste und überflüssigste Tag der Woche war, andererseits entkrampfte sich sein Magen bei der Vorstellung, nicht ins Büro zu müssen. Er warf einen Blick auf die Wodka-Flasche, die gestern noch voll gewesen war und richtete sich stöhnend auf. Wann hatte er das alles getrunken? Er konnte sich nicht erinnern.
RunningBear machte Halt auf einem Hochplateau, von dem aus man einen überwältigenden Blick über die Landschaft hatte. Kondore zogen ihre Kreise am Himmel und um diese Zeit waren die Berge in magisches Rot getaucht. RunningBear neigte den Kopf und bedankte sich bei Vater Sonne und Wabun, der Hüterin der Kraft des Feuers. Im Medizinrad gehört ihr der 10. Stein – damit wird sie dem Osten und dem Morgengrauen/Neuanfang zugeordnet. Seit er denken konnte, hatte sein Vater jeden Morgen mit ihm den neuen Tag willkommen geheißen und so tat er es nun mit seiner kleinen Tochter. Oft ritten sie gemeinsam hier hoch, sie vor ihm auf Thunderbird und erwarteten das erste Tageslicht. Ihre helle Stimme, wenn sie jeden Käfer, jeden Baum, einfach jedes Wesen auf ihrem Weg begrüßte, ließ sein Herz ganz groß und voll werden.
Steve Miller fuhr mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage, entriegelte mit der Fernsteuerung sein Auto und ließ das Verdeck automatisch zusammenklappen, das im Heck verschwand. Das einzige, was er dem guten Wetter abgewinnen konnte, war das Cabriofahren. Mit quietschenden Reifen fuhr er auf die Straße, jagte den Motor hoch, wechselte drei Spuren auf einmal, ohne zu blinken und kehrte dem Zentrum den Rücken. Nach einer halben Stunde war auf dem Highway und weit und breit kein anderer, sonntags um diese Uhrzeit kein Wunder. Er raste dahin und hätte fast den Abzweig verpasst, wie eigentlich jedes Mal. Das Schild war einfach zu klein – oder er zu schnell. „Reservat“ stand da und „zum Hochplateau/ Aussichtspunkt“. Da wollte er hin. Am Parkplatz angekommen, stieg er voll auf die Bremse, dass der Kies spritze und Staubwolken ihm kurz jede Sicht nahmen.
RunningBear umschritt mehrere Male den Kreis aus Menschen, in deren Mitte der Steinkreis lag. Ungefähr 20 Meter Durchmesser hatte dieses jahrhundertealte Medizinrad und bestand aus 36 Steinen – einem Rad mit vier Speichen und einer Nabe. In der Mitte stand der große Stein für die Schöpfung, die Steine direkt drum herum für Mutter Erde, Vater Sonne, Großmutter Mond und die vier Elemente – vertreten durch den Clan der Schildkröten-Erde, Frosch-Wasser, Donnervogel-Feuer und Schmetterlings-Luft. Die Steine der Speichen stehen für Entwicklungspfade wie Weisheit, Reinheit, Erneuerung und einiges mehr. Außen die Steine des Kreises stellten die vier großen Hüter der Himmelsrichtungen und die 12 Tiertotems dar. Jeder im Stamm wusste, welchem Tiertotem er zugeordnet war, kannte damit seine Stärken und Aufgaben, seinen Platz in der Gruppe und war wichtig und unwichtig zugleich. Mit einem lauten Ruf und seiner Rassel eröffnete er die Zeremonie. Sogleich erklang aus bestimmt hundert Kehlen der Einweihungs-Gesang, der die Geister rief und den magischen Kreis entstehen ließ. Das Fest für Mutter Erde hatte begonnen.
Steve Miller klopfte sich den Staub von der Hose, eher mechanisch und ging zum Geländer des Plateaus, das Touristen vor dem Abstürzen bewahren sollte, denn es ging steil mehrere hundert Meter tief. Als Kind war er oft mit seinen Eltern hier gewesen, er hatte diese Sonntagsausflüge geliebt. Aber das war, bevor sie ihn ins Internat gebracht hatten. Da hatte eigentlich sein Leben aufgehört. Steve sah auf die Landschaft, auf die Berge in der Ferne und sah sie doch nicht. Die Augen leer ins Weite gerichtet, hob er erst ein Bein über das Geländer, dann das andere. Und sprang.

Epilog
Wann hatte das begonnen? Wann ist RunningBear zu Steve Miller geworden? Was, wenn RunningBear gleich(zeitig) Steve Miller ist? Wann war der Moment, als er angefangen hatte zu vergessen? Die Orientierung zu verlieren? Die Verbindung zu sich und allem was ist?
So sehr RunningBear unser Herz berührt, so sehr erschreckt uns Steve Miller... – und doch ist uns Steve näher und vertrauter als uns lieb ist. Aber vielleicht ist RunningBear auch die „Zukunft“ von Steve Miller. Dann schließt sich der Kreis wieder und die Geschichte liest sich ganz anders. Vielleicht gibt es ein Happy End. Lassen wir das Medizinrad sich wieder drehen!


Das Medizinrad: Was wir darüber wissen
Das Medizinrad, dargestellt durch einen bestimmt angeordneten Steinkreis, wurde seit Jahrtausenden von den Indianern Nordamerikas und Kanadas als Ort des Gebets, der Zeremonien und der Selbsterkenntnis genutzt. Auch wenn die 12 Tiertotems unseren Sternzeichen zugeordnet werden können wie z.B. Lachs/Stör= Löwe oder Hirsch=Zwilling usw., so orientiert sich das Medizinrad nicht an den Planeten wie die Astrologie, sondern an der Beziehung Mensch zur Erde und zu allem, was dazu gehört: Pflanzen, Mineralien, Elemente... und Menschen untereinander. Es symbolisiert die Verbundenheit mit allem. Durch das Betreten bestimmter Plätze des Kreises lassen sich Felder klären, Veränderungen herbeiführen, wie wir es vielleicht aus den Systemischen Familienauftstellungen kennen. Heil-arbeit für Mutter Erde oder einen einzelnen Menschen wurde genauso durchgeführt wie Hochzeitszeremonien oder die Verehrung der Schöpfung. Am Bekanntesten ist das Medizinrad-System des indianischen Medizinmannes Sun Bear (bürgerlich Vincent LaDuke, 1929-1992), der es gegen den Wiederstand vieler amerikanischer Schamanen auch für die Weißen zugänglich machte.



Die Autorin Katja Neumann ist Heilpraktikerin und Shamanic Counselor in eigener Praxis am Prenzlauerberg, weitere Infos zur Arbeit der Autorin auf www.katja-neumann.de


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