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Ausgabe Mai 2014
Wenn die Wiege leer bleibt. Von Pascale Chartrain

Trauma Fehlgeburt: Die Berliner Heilpraktikerin Pascale Chartrain berichtet aus ihrer Arbeit über den Umgang mit einem extrem belastenden Thema.

Das Telefon klingelt. Am Apparat ist Frau S. Sie spricht leise und mit belegter, zittriger Stimme: „Sie sind mir von meiner Frauenärztin empfohlen worden. Ich möchte gern einen Termin mit Ihnen vereinbaren.“ Als ich sie frage, worum es geht, spüre ich ihre Trauer: „Ich hatte jetzt die dritte Fehlgeburt hintereinander. Ich wünsche mir ein Kind, aber ich habe kaum noch Hoffnung, dass es jemals klappen wird. Ich merke, dass mich selbst die erste Fehlgeburt noch immer schmerzt und dass ich jetzt nicht mehr alleine damit klar komme. Können Sie mir helfen?“ Wir sprechen etwa eine halbe Stunde miteinander. Ich frage sie über die Umstände ihrer Situation und sie spürt, dass sie mit ihren Gefühlen bei mir willkommen ist. Ich erkläre ihr kurz, mit welchen Methoden ich arbeite und wie ich sie darin unterstütze, ihre Emotionen zu bewältigen. „Genau darum geht es mir,“ antwortet Frau S., „ich will endlich meine Gefühle zulassen, aber alleine traue ich mir das nicht zu.“

Alle Gefühle wollen gefühlt werden
Betroffene Mütter wie Frau S. erleben oft, dass sie nach einer Fehlgeburt nur kurz trauern dürfen. Für die Außenwelt war das Baby schließlich noch nicht da. Daher unterdrücken sie lieber ihre Trauer, bevor diese auf Unverständnis trifft. Wenn ich mit Müttern wie Frau S. arbeite, nehmen wir uns soviel Zeit wie nötig, damit alle Gefühle, die gefühlt werden wollen, genügend Aufmerksamkeit bekommen. Während der ersten Sitzung in meiner Praxis erzählt mir Frau S. noch einmal ganz genau, was passiert ist. Dass sie ihr Erlebnis in allen Details einem Menschen erzählen kann, der einfach nur aufmerksam und mitfühlend zuhört, entlastet sie. Und dass sie die dazugehörenden Gefühle ebenfalls zeigen und ausdrücken darf und verständnisvoll damit angenommen wird, erleichtert sie sehr.

Wenn wieder Leben in die Erinnerung kommt
Von einer Fehlgeburt betroffene Frauen erfahren oft zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sie die Situation trotz aller Anstrengungen nicht verändern können. Sie müssen hinnehmen, dass eine Schwangerschaft nichts mit „Leistung“ zu tun hat. Viele von uns haben gelernt: „Du bekommst alles, wenn du dich nur genügend anstrengst“. Doch gerade bei den wichtigsten Anliegen in unserem Leben wie einen Partner zu finden, schwanger zu werden oder ein Kind zur Welt zu bringen, trifft dies nicht zu. Wie bei vielen Frauen nach einer Fehlgeburt kommt auch bei Frau S. die Frage hoch: „Was habe ich falsch gemacht, dass mir so etwas passiert?“ In der folgenden Sitzung wenden wir uns zuerst dem Moment zu, als ihr von ihrer Frauenärztin eröffnet wurde, dass ihr Embryo nicht mehr lebt. Das ist für viele Frauen ein Schock und so tiefgreifend , dass jeder weitere Besuch beim Frauenarzt zum Albtraum werden kann. Manche Frauen gehen bei späteren Schwangerschaften nie wieder zur gleichen Ärztin. Auch für Frau S. sind die Erinnerungen an diesem Moment mit Gefühlen von Leere und Erstarrung verbunden. „Es ist, als wurde mir der Boden unter den Füssen weggezogen, als würde ich in ein unendliches schwarzes Loch fallen. Ich habe das Gefühl, im falschen Film zu sein.“ Für Frau S. ist die innere Welt genau da stehen geblieben, sie ist gleichsam eingefroren. Gemeinsam sorgen wir nun dafür, dass langsam wieder Leben in ihre Erinnerungen kommt. Im geschützten Rahmen der Therapiestunde kann Frau S. ihre Gefühle allmählich zulassen und annehmen. Am Ende der Sitzung ist sie zur Ruhe gekommen. Sie hat ein neues inneres Bild von sich selbst in der extremen Situation, als die Ärztin ihr die schwere Nachricht überbrachte. Frau S. kann die Situation jetzt annehmen. Sie sagt zu mir: „So war es. Es ist einfach passiert.“ Die Trauer ist weiterhin da, aber innerlich fühlt sie sich beim Gedanken an das Erlebte nicht mehr wie eingefroren. Frau S. spürt jetzt, dass sie über das Erlebte hinwegkommen und ihre Trauer gut verarbeiten wird.

Heilsame Rituale versöhnen
Seit 2010 biete ich Patientinnen wie Frau S. ein Ritual an, bei dem ich EMDR in Kombi-nation mit einem „Dialog mit inneren Bildern“ einsetze. Diese Vorgehensweise ermöglicht die behutsa-me Bearbeitung der belastenden Ereignisse, die zur Fehlge-burt gehören, die Integration des Ungeborenen in die „innere“ Familie sowie einen mitfühlenden und versöhnenden Kontakt zur eigenen Gebärmutter.
Auch Frau S. verspürte den Wunsch, das Ritual für ihr ungeborenes Baby durchzuführen. Ganz bewusst und im inneren Kontakt mit ihrem Baby werden alle aufkommenden Gefühle wie Trauer, Verzweiflung, Unzulänglichkeit („Ich konnte meinem Mann kein Kind schenken“), Ohnmacht, Versagen („Ich konnte mein Kind nicht vor dem Tod schützen“), Schuldgefühle („Ich habe vielleicht doch etwas falsch gemacht?“), die Sehnsucht, die Trauer über das, was sie mit dem Kind nicht erleben wird, und am Ende die Verbundenheit und die Liebe zum Baby nacheinander zugelassen und angenommen. Ich begleite Frau S. dabei und unterstütze sie darin, alle auftauchenden Gefühle zu bejahen; insbesondere die Gefühle und Gedanken, die von ihr zensiert werden. Indem sich Frau S. die Erlaubnis gibt, diese unerwünschten Gefühle zu fühlen, beginnen sie an Intensität zu verlieren. Und genau das bringt ihr die größte Erleichterung. Frau S. lässt ihre Tränen zu und die innere Spannung baut sich ab. Die Gefühle verlieren ihre Macht. Die immer wiederkehrenden Fragen hören auf. Sie erschafft in ihrer Innenwelt die in der Außenwelt fehlende Erinnerung einer Begegnung mit ihrem Baby zusammen mit ihrer Familie: tröstende Bilder, die sie später bei Bedarf wieder aufrufen kann.
In einem weiteren Schritt übergibt Frau S. ihr Kind ihrer bereits verstorbenen Oma. Frau S. spürt noch die restliche Trauer, aber die inzwischen von Liebe getragene Verbindung zu ihrem Kind hilft ihr, diesen Schritt zu gehen. Vor der Übergabe fragt sie im inneren Dialog, was ihr ungeborenes Kind ihr wohl für ihr weiteres Leben mitgeben und ihr Gutes wünschen würde, wenn es dies könnte. „Ich wünsche dir, dass du dir mehr Zeit für dein Wohlbefinden nimmst und dass du glücklich bist, Mama“. So würdigt sie seine Existenz und ihre Liebe zu ihm, wenn sie seinen Wunsch in ihrem Alltag mehr Platz gibt. Frau S. schaut mich an und sagt mit leiser Stimme: „Ich spüre, dass für mein Kind alles gut ist und dass es bei Oma gut aufgehoben ist.“
Was Frau S. erlebt, begegnet mir immer wieder: Kann die Mutter die schweren Gefühle zulassen, dann wird die gegenseitige Liebe zu ihrem ungeborenen Baby viel größer und als kraftspendend und tröstend erlebt. Es hat seinen Platz in ihrer inneren Familie gefunden. Die Mutter spürt, dass es sich freuen könnte, wenn es ein Geschwisterchen bekommen würde, das zur Welt kommt und weiterlebt. Nach einem versöhnenden inneren Gespräch mit der Gebärmutter sagt Frau S. mir in der letzten Sitzung, dass sie der Anblick von schwangeren Frauen und Babies nicht mehr schmerzt und sie ihre schwangere beste Freundin wieder besuchen kann. Sie spürt Frieden mit sich und mit dem, was geschehen ist.


Pascale Chartrain ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, wingwave® Coach, Kinderwunschberaterin und Trauerbegleiterin. Sie ist Französin und lebt seit 1984 in Berlin. Sie begleitet Paare in der Kinderwunschzeit, oft in Zusammenarbeit mit Kinderwunschkliniken, und unterstützt Frauen nach Abbrüchen, Fehlgeburten und plötzlichem Kindstod oder wenn das Wunschkind auf sich warten lässt.
www.kinderwunschzeit.de


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