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Ausgabe April 2014
Höhle und Kosmos - ist der Titel des neuen Buches von Michael Harner

In diesem Buch beschreibt er „schamanische Begegnungen mit der verborgenen Wirklichkeit - eine Landkarte jener unsichtbaren Welten, in denen Schamanen aller Kulturen seit Urzeiten unterwegs sind“. Die Berliner Autorin Katja Neumann, die seit gut 10 Jahren

Michael Harner wird dieses Jahr 85 Jahre alt, ist promovierter Anthropologe und bekannt durch sein Buch „ Der Weg des Schamanen“ (erstmals erschienen 1980, Heyne). Er gilt als DER Mensch, der den ganz praktischen Schamanismus wieder unter die Menschen gebracht hat, und zwar nicht nur unter uns unwissende Westler, die vielleicht schon mal Castaneda gelesen haben. Auch die Kinder und Enkel jener vor 30-50 Jahren praktizierenden Schamanen, die Harner lange begleitet und von denen er gelernt hatte, besuchen heute seine Seminare. Er hat die „Foundation for Shamanic Studies“ (FSS) in Kalifornien gegründet und seit Jahrzehnten gibt es auch eine europäische Dependenz – offen für jeden, der Schamanismus erleben und erlernen möchte.
Das „Problem“ bei Michael Harner: Er ist ein wandelnder Wissens- und Erfahrungsschatz, aber tatsächlich existierte vieles nicht schriftlich – oder zumindest nicht von ihm selbst niedergeschrieben. Bisher. Genau betrachtet ist auch sein „Weg des Schamanen“ eher ein dünnes Büchlein, obwohl ich wirklich niemanden kenne, der in so vielen verschiedenen schamanischen Kulturen und über 50 Jahre intensivste Feldforschung betrieben hat. Seine Berichte kommen wirklich noch aus erster Hand.
Wertvoll auch deswegen, weil vieles heute gar nicht mehr existiert.
Dabei versteht er es seit jeher, Urwissen mit Moderne zu verbinden. Ein Schamane z.B. aus dem Amazonas kennt unser Leben im Großstadtdschungel nicht und wir „degenerierten“ Westler sind ihm fremd. Unsere Psyche und auch unsere Krankheiten funktionieren ganz anders. Michael Harner schlägt die Brücke. Er macht den Schamanismus erfahrbar, greifbar, anwendbar und nimmt Berührungsangst, entmystifiziert ihn auch auf eine respektvolle Weise, bringt ihn auf Augenhöhe.
In diesem Buch nun teilt er endlich seine Erfahrungen und sein gesammeltes Wissen und die scheinbar unendlichen Berichte und Beschreibungen seiner Studenten mit dem Rest der Welt.
Eines seiner Hauptinteressen lag dabei auf der Kartographie der nichtalltäglichen Wirklichkeit (NAW).
Alle Studenten aus der ganzen Welt in seinen Dreijahresprogrammen haben als Hausaufgabe aufbekommen, eine Landkarte ihrer NAW anzufertigen. Von grandiosen Kunstwerken auf Tierhäuten, Bleistiftskizzen und schriftlichen Beschreibungen in Diplomarbeitsumfang ist alles dabei.
Michael Harner, eben doch auch leidenschaftlicher Wissenschaftler, hat all die Jahre diese Karten und Schriften gesammelt und ausgewertet, ohne sie jedoch zu bewerten oder zu psychologisieren.
Was dabei auffällt, und das ist Michael Harner ganz wichtig hervorzuheben, ist das Phänomen der erstaunlich vielen Übereinstimmungen. Orte an denen z.B. Verstorbene oft zu finden sind oder Seelenanteile, Wege und Möglichkeiten, in die verschiedenen Welten zu kommen… zu viele um noch Zufall zu sein.
Genauso ist es mit den Berichten schamanischer Reisen, also Erlebnissen in der NAW, von denen er ebenfalls Tausende archiviert hat. In seinem Buch kann man viele persönliche Berichte von Seminarteilnehmern lesen und im Anschluss erklärt er - wieder ganz wertfrei - Zusammenhänge und Überschneidungen, wie sie auch die Urschamanen aus ihren Visionen berichten.
Also auch da immer wieder das Phänomen, dass Menschen, die vielleicht gerade ihre erste schamanische Reise gemacht haben, von Dingen berichten, die sie eigentlich gar nicht wissen könnten – es sei denn, es existieren tatsächlich doch andere Welten, in denen man Antworten von helfenden Wesenheiten bekommt.
Es ist Michael Harner ein Bedürfnis, über diese vielen kleinen Mini-Wunder, wie er es nennt, dem Leser zu beweisen, dass es die nichtalltägliche Wirklichkeit tatsächlich gibt und es sich durchaus lohnt, sich in diese Welten zu begeben und die Weisheit der Spirits zu nutzen. Denn es ist ein Kosmos, in dem sich Wahrheit mitteilt und wir auf ein Wissen zugreifen können, das sich nicht wissenschaftlich erklären lässt.
So darf der Leser teilhaben an Ritualen, wie sie die Schamanen seit Jahrtausenden praktizieren und er wird mitgenommen auf eine Zeitreise in Dschungel, auf Berge und Steppen und ist dann wieder ganz im Hier und Jetzt und wir stellen fest: So anders sind wir gar nicht, wir tun uns nur anfangs schwerer. Vor allem mit dem Vertrauen.
Im Buch wird aus einer Legende der Puyallup-Indianer zitiert:

Schließe die Augendann findest du den Weg

Es hat bisher noch niemand so viel Zeit, Studien (und Liebe!) in die Erforschung der Existenz der nichtalltäglichen Wirklichkeit und ihrer Beschreibung gesteckt wie Michael Harner. Eben mit dieser seiner Gabe, immer einen Bogen zwischen Ur-Schamanen und Erfahrungen westlicher Menschen zu schlagen, aufzuzeigen, dass das, was man beim schamanischen Reisen erfahren kann, wirklich kleine Wunder für jeden erfahrbar sind, egal ob weiß oder rot oder braun. Ihm fehlt dabei völlig jede Überheblichkeit und Arroganz vieler Kollegen, die damals zeitlich mit oder auch vor ihm anfingen, den Schamanismus zu ergründen, die aus ihrer vielleicht christlichen und wissenschaftlichen Sicht, sich nicht einlassen konnten, sondern oft (ab)wertende Beobachter voller Dogmen waren. Michael Harner ist einem immer nah, weder Über-Wissenschaftler noch Über-Schamane.
So ist dieses Buch sowohl eine Aufforderung weiterzumachen als auch ein Schatz für alle Praktizierenden, genauso aber auch eine Ermutigung, sich jetzt auf die erste Reise zu begeben und endlich seine nichtalltägliche Wirklichkeit kennen zu lernen. Michael Harner hat mal gesagt, Schamanismus ist was für Skeptiker. Und er sagte: „Glaub nicht mir, frag deine Spirits.“

Die Autorin Katja Neumann ist Heilpraktikerin und Shamanic Counselor mit eigener Praxis in Berlin, Prenzlauer Berg.

Buchtipp:
Michael Harner, Höhle und Kosmos, gebunden mit Schutzumschlag, Ansata-Verlag


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