aktuelle Seite: Artikel   
Ausgabe Februar 2014
Die Gnade der Illusion. Von Katja Neumann

Wir sind so eingewoben und verstrickt in unseren Alltag, in unsere Gewohnheiten, in das, was wir glauben, was normal ist, dass wir manchmal den Überblick verlieren, worum es wirklich geht und wer wir sind – hinter alldem. Die Welt verdoppeln, sagt Katja N

Der alltägliche Wahnsinn
Gestern lief ich mit meinem Hund an einem Supermarkt vorbei, vor dem sich zwei junge Männer unterhielten, dass man hier einen gaaaanzen Einkaufswagen voll bekäme für 80 Euro und gegenüber in einem biologischen Laden für das gleiche Geld nicht mal den halben. Damit haben sie Recht, ganz unter den Tisch gefallen ist allerdings, wie viel „Schrott“ sie in ihrem Einkaufswagen hatten, ich kann es nicht anders nennen. Da war nichts dabei, was ein menschlicher Körper zum Überleben braucht. Nichts, was ich geschenkt, geschweige denn für 80 Euro erworben haben wollte. So unterschiedlich ist Wahrnehmung. Immerhin, sie haben sich wirklich gefreut. Mich hat es ein wenig nachdenklich gestimmt in Anbetracht der vielen Wodkaflaschen, die dabei waren. Auch die Definitionen von Spaß haben und Abendgestaltung trennen manchmal Welten.
Und so ist es, wo man hinschaut. Wir leben in derselben Stadt, im selben Kiez, manchmal dichter aufeinander als uns lieb ist und doch liegen oft Universen dazwischen.
Wer sind wir, woran halten wir uns fest, woran glauben wir und wofür stehen wir jeden Morgen auf? Da wird jeder, wenn er denn eine hat, seine eigene Antwort geben. Und doch werden wir auch alle von etwas gesteuert, das man Massenbewusstsein oder Volksgewohnheit nennen kann. Wir nutzen Strom, Internet, W-Lan, Handys usw. und glauben, wir würden ohne das nicht überleben. Wir geben sehr viel Geld aus für Dinge, von denen wir meinen, dass wir sie brauchen. Oder noch besser – dass sie uns gut tun und gesund sind. Vieles davon gab es vor sehr kurzer Zeit noch gar nicht.
Wenn wir etwas wissen wollen, dann haben wir jede Menge Möglichkeiten, uns zu informieren. Wir gehen davon aus, dass das, was wir dann finden, stimmt. Wir übernehmen es.

Das Spiel
Wir folgen Spielregeln, die irgendwann einmal Menschen erfunden haben und behandeln sie aber, als wären es Naturgesetze – unverrückbar und unveränderbar. Alles, was irgendwo geschrieben steht, wurde von einem Mensch erdacht, produziert, reproduziert und noch mal bearbeitet, immer mehr eingefärbt von eigenen Interpretationen. Selbst die Buchstaben, die er dazu nutzt, hat er sich irgendwann mal ausgedacht. Auch die Bibel ist heute nicht mehr genau die, die sie ursprünglich einmal war.
Wir sind voll mit Dingen, Meinungen und Programmen, die wir einfach übernommen haben. Wer überprüft denn heute noch, ob das, was wir bei Google, Wikipedia und Co als Fakten lesen, wirklich so der Wahrheit entspricht?

Kleine Beispiele:
Wir glaubten, wenn wir Zahnpasta mit Fluor kaufen, ist das gut für unsere Zähne. Es ist ein Nervengift und Abfallprodukt aus der Industrie.
Wir trinken Milch, weil es in der westlichen Welt alle tun. Es ist aber die Nahrung für kleine Kälber, um schnell groß zu werden.
Dass es einen direkten Zusammenhang zwischen unseren exorbitanten Krebs-, Asthma- und Diabetes- Statistiken und unserer Ernährung gibt, sollen wir gar nicht wissen. Die Pharmaindustrie dankt.
Wir glauben, dass sogenannte Nutztiere weniger wert sind als unsere Haustiere, vielleicht glauben wir sogar, sie sind dümmer. Wenn wir darüber anfangen, nachzudenken, wissen wir, dass das nicht stimmt.
Wir glauben, wenn wir etwas aus unserem Körper schneiden, was da ungefragt gewachsen ist, sind wir wieder gesund. Und wundern uns, wenn es wieder wächst, oft an gleicher Stelle.

Es ist eine fast unendliche Liste. Von Menschen gemachte Wirklichkeiten. Sich das bewusst zu machen, bedeutet, viele Fragen zu stellen. Das ist ungemütlich für alle Beteiligten, aber es geht nur so, wenn sich was verändern soll. Es ist ungewohnt (aber gesund) zu fragen: Will ich das wirklich? Tut mir das gut? Oder ist vielleicht das Gegenteil der Fall?
Wir können in diesem riesen Angebot an Wahrheiten immer das finden, was wir gerne lesen, hören und glauben möchten, denn wir sind ja doch bequem. Das ist das Spiel, das wir jeden Tag spielen, im Kleinen wie im Großen. Wir programmieren Absichten und Begehrlichkeiten. Verdrängen und verdrehen – Puh, Gott sei Dank, passt wieder. Glück gehabt.

Zurück zu den Wurzeln
Was hält uns denn dann hier? Warum geben wir nicht auf, resignieren vor diesem Berg an unüberschaubaren Regeln, Verblendungen und Versprechungen? Vielleicht weil wir jeden Tag ein bisschen schlauer werden, weil das Schlauer werden neugierig macht und Lust auf mehr?
Wir alle sind Suchende, jeder ist nach seinen Möglichkeiten auf der Suche nach seiner Wahrheit, nach sich selbst, nach seinem Platz. Das, was uns antreibt, ist genauso unsichtbar wie Strom oder wie W-Lan und doch zweifeln wir jeden Tag und können doch nicht aufhören damit. Was ist das also?
Viele Schamanen sagen: Die Nicht-alltägliche Wirklichkeit ist die wahre Welt und die alltägliche Wirklichkeit ist nur Einbildung. Für diese Sichtweise kann ich mich begeistern.
Wir haben Wurzeln. Wir erinnern uns vielleicht nicht so genau, aber etwas in uns kennt den Weg und genau auf den wollen wir wieder. Zurück zu uns selbst. Unsere Traditionen und Rituale sind Großteils verloren gegangen, aber die Seele weiß tief drinnen um den Sinn, um das, was übrig bleibt, wenn man drunter guckt unter die ganzen Schichten aus Glaubenssätzen, Gewohnheiten und Bequemlichkeiten. Und kennt den Weg.
Viele Menschen sind mir inzwischen begegnet, die ähnlich empfunden haben wie ich damals. Die das Gefühl hatten und haben, sie finden ihren Platz nicht, sie leiden unter dem, was das Leben ihnen abverlangt, sie zerbrechen fast daran, weil es zu laut, zu grobstofflich, so anstrengend und unfair ist - so als wäre es irgendwie ein dummes Versehen gewesen, dass sie hier gelandet sind und eigentlich gehören sie gar nicht hierher. Es war natürlich kein Versehen.
Angekommen und nach Hause finden können wir nur, wenn wir die Augen zumachen und nach innen gucken. Genau aus diesem Grund bin ich vor vielen Jahren dem Schamanismus verfallen:
Dort unterteilt man die Welt oder unsere Realität. Es gibt neben dem Alltag, der alltäglichen Wirklichkeit, ganz schlicht beschrieben, noch die NICHT-alltägliche Wirklichkeit.
Es ist letztendlich egal, wie wir es nennen oder auf welche kulturellen Begrifflichkeiten wir uns stützen – was es einfach sagt: da gibt es noch mehr zwischen Himmel und Erde, das man nicht sehen kann, es ist genauso wichtig und genauso „wirklich“. Es macht die bis dahin begrenzte Welt auf einmal doppelt so groß.
Die Feststellung, dass es zu dem Bild, dem Positiv, auch noch ein Negativ gibt und dass das irgendwie genauso und doch ganz anders aussieht und dass es das eine ohne das andere gar nicht geben würde, ist wie das Gefühl, wenn man bei einer Kamera auf einmal feststellt, dass das Ding auch einen Weitwinkel hat und was man auf einmal alles aufs Bild bekommt.
Genau beschrieben ist die nichtalltägliche Wirklichkeit immer gleich daneben, eng verwoben mit der alltäglichen Welt, es braucht nur einen Schritt zur Seite und schon ist man drin. Es ist nur eine Veränderung der Wahrnehmung und ein Bremsen des Tempos. Sie kennen sicher diese graphischen Bilder, in denen Sie nur etwas erkennen, wenn Sie sich ruhig hinsetzen und den Blick weit stellen? Dann bekommen simple Strichzeichnungen auf einmal Tiefe und werden zu plastischen Würfeln, Spiralen beginnen sich zu drehen etc. Wir treten aus unserer alltäglichen Begrenzung raus.
So ist das mit der nichtalltäglichen Wirklichkeit. Und zwar jeden Tag, jeden Moment. Das eröffnet neue Perspektiven, Standpunkte und Möglichkeiten und fordert auf zum Wählen, zum Entscheiden, zum Verantwortung übernehmen und auch zum Spaß haben. Sie dürfen wählen zwischen dem vollen Einkaufswagen mit den vielen Wodkaflaschen und dem teuren Bioladen gegenüber.
Der Schamanismus ist da nur einer von vielen alten Pfaden, die wir wieder entdecken, um zu uns zurück zu finden. Hauptsache das, was andere vorschreiben oder meinen zu wissen, ist nur noch halb so gültig. Oder überhaupt nicht Ihre Wahrheit! Dass es diese Möglichkeit gibt, das ist Freiheit. Wir dürfen aus dem Opfer-Dasein raus. Wir dürfen aber auch drin bleiben.
Viele Schamanen sagen: Die Nicht-alltägliche Wirklichkeit ist die wahre Welt und die alltägliche Wirklichkeit ist nur Einbildung. Für diese Sichtweise kann ich mich begeistern.


Die Autorin Katja Neumann ist Heilpraktikerin und Shamanic Counselor in eigener Praxis. www.katja-neumann.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.