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Ausgabe November 2013
Wenn die Ängste Ängste haben. Vera Dreher

Wie ein scheinbar harmloser Unfall nachhaltige Folgen für unser seelisches Gleichgewicht haben kann und welche professionellen Ansätze der Traumatherapie dann helfen können, beschreibt die Berliner Heilpraktikerin Vera Dreher

Fröhlich saust Emma R. mit ihrem Fahrrad die Friedrichstraße entlang. Zu spät bemerkt sie die Autotür, die sich in diesem Moment direkt vor ihr öffnet. Sie findet sich auf dem Pflaster wieder und fühlt sich benommen. Der Autofahrer steht neben ihr und telefoniert. Sie will aufstehen, ist aber zu wacklig auf den Füßen und setzt sich wieder hin. Sie hat kein Zeitgefühl und fühlt sich wie in Watte gepackt. Ein Sanitäter sagt: „Frau R., Sie hatten einen Unfall. Können Sie aufstehen?“ Im Krankenhaus ist sie nach langwierigen Untersuchungen sehr erleichtert, als man sie nach Hause gehen lässt. Ein Freund holt sie ab. Er sagt: „Glück gehabt!“
Zu Hause sinkt sie aufs Sofa und betrachtet ihre Blessuren: Verband am Knie, Verband am Ellbogen und Schrammen überall. Der Freund macht ihr einen Tee. Emma will nach dem Tee greifen, doch ihre Hand zittert so stark, dass sie die Tasse abstellen muss. Der Freund sagt: „Du hast einen Schock!“ Durchlebt man Situationen von extremen Gefühlen der Hilflosigkeit und Entsetzen – ohne fliehen oder kämpfen zu können – wird die normale Stressverarbeitung im Gehirn blockiert. Die Folge kann eine vorübergehende oder dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis sein.

Einfache Traumafolgestörungen
Posttraumatische Belastungsstörungen nennt man die Folgen, die diese Erschütterungen bewirken können. Eine Folge ist zum Beispiel das Vermeidungsverhalten. Wir vermeiden Orte, die uns daran erinnern; wir vermeiden Gedanken oder Handlungen, die uns daran erinnern. Wir vermeiden auch Menschen, die ähnliche Merkmale haben, wie diejenigen, mit denen unsere traumatischen Erinnerungen verbunden sind. Emma hat jetzt Schwierigkeiten mit Autotüren. „Das ist doch Blödsinn!“ sagt sie sich. Aber das Fahrrad fährt wie von selbst kleine Ausweichmanöver. Emma lässt daraufhin das Fahrrad stehen und fährt Bus. Das Vermeidungsverhalten dient der Herstellung eines Gefühls innerer Sicherheit. Es kann sich allerdings ausweiten, dann würden sich Emmas Befürchtungen nicht nur auf Autotüren, sondern auch auf den Straßenverkehr im Allgemeinen erstrecken. Vermeidungsverhalten kann dazu führen, dass wir das Haus nicht mehr verlassen.
Es gibt noch andere Traumafolgen. Flashbacks nennt man Intrusionen (ins Bewusstsein eindringende Erinnerungsfragmente), die sich während des traumatisierenden Erlebnisses sozusagen in unsere Sinnesorgane „eingebrannt“ haben und dann in unserem Bewusstsein als Erinnerungsfetzen wieder auftauchen. Das können innere Bilder, Gedanken, Gefühle, Gerüche, Geräusche oder andere Sinneswahrnehmungen sein. Werden sie durch Auslöser aktiviert, dann dringen sie in unser Bewusstsein ein. Emma kann zum Beispiel den Krach des Zusammenpralls innerlich immer noch hören. Sie zuckt bei jedem Geräusch zusammen und erschreckt sich fürchterlich. Bei Emma wirken laute Geräusche als Reizauslöser („Trigger“) und versetzen sie innerlich in Panik. Sie braucht dann eine Weile, um sich zu reorientieren.
Emma hat nach dem Unfall Alpträume, in denen sich die Unfallsituation wiederholt. Sie wacht schweißgebadet auf und macht erstmal das Licht an. Nachdem sie viel darüber gesprochen hat und die Geschichte all ihren Freunden erzählt hat, stellt sie fest, dass sie inzwischen wieder „normal“ Fahrrad fährt und nicht mehr den Autotüren ausweicht. Allerdings ist sie immer noch innerlich auf Alarm, wenn sie parkende Autos sieht und beobachtet hochwachsam deren Insassen und vor allem die Türen. Emma hat die Traumafolgen selbst bewältigt und brauchte keine professionelle Hilfe.

Komplexe Traumafolgestörungen
Wenn wir im Laufe unseres Lebens wiederholt traumatische Erfahrungen machen mussten, sind auch die Trauma-Folgestörungen komplex. Es kann zum Beispiel geschehen, dass wir versuchen, nähere Bindungen zu anderen Menschen zu vermeiden, weil wir als Kinder die Erfahrung machen mussten, dass unsere Bezugspersonen für uns eine Gefahr darstellten. Wir sind innerlich „auf der Hut“, wenn wir dann als Erwachsene Bindungen eingehen wollen. Entwicklungstraumata sind komplexe Traumafolgestörungen. Komplex bedeutet, dass die traumatischen Erinnerungen nicht auf ein einmaliges Erlebnis beschränkt sind, sondern häufig und wiederholt erlebt wurden.
Hätte Emma also vor ihrem Fahrradunfall bereits an komplexen Traumafolgestörungen gelitten, dann wäre sie womöglich gar nicht auf die Idee gekommen, sich von einem Freund aus dem Krankenhaus abholen zu lassen und hätte gedacht: „Ich komme alleine klar.“ Vielleicht hätte der Fahrradunfall tiefer liegende Traumaschichten getriggert und Emma wäre retraumatisiert worden.

Ressourcenorientierte Therapieverfahren zur Behandlung von Traumafolgestörungen
Ressourcenorientierte Therapieverfahren fokussieren nicht auf die Schwächen - also nicht auf das, was wir nicht gut können -, sondern zielen auf unsere Stärken und Kompetenzen. Ziel ist es, eine Balance zwischen dem Schönen und dem „Schlimmen“ herzustellen. Traumatisierte Menschen haben häufig viel Leid und Schmerz in ihrem Leben erfahren und nur wenige Kapazitäten für positive Erfahrungen aufbauen können. Sie können jedoch lernen, die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten vermehrt einzusetzen, auszubauen und das eigene Potential zu nutzen.
Es gibt viele unterschiedliche ressourcenorientierte traumatherapeutische Behandlungsansätze, zum Beispiel das von Prof. Dr. Luise Reddemann begründete Therapieverfahren: Psychodynamisch-Imaginative-Traumatherapie (PITT). Dieser Ansatz beruht vor allem auf Imaginationsübungen, Distanzierungstechniken und Achtsamkeitstraining. Emma könnte am Anfang der Therapie lernen, wie sie sich selbst reorientieren kann, wenn sie unter Intrusionen leidet. Sie könnte üben, vermehrt präsent zu sein. Sie würde die Übung 5-4-3-2-1 lernen, in der es darum geht, möglichst viele Sinneswahrnehmungen im gegenwärtigen Augenblick zu benennen. Sie würde auch üben, ihre Gedanken und Gefühle zu beobachten und zu benennen. Vielleicht hätte Emma Schwierigkeiten damit, sich selbst zu fühlen oder sich an bestimmte Zeiten ihres Lebens zu erinnern (Amnesie). Vielleicht hätte sie sogar das Gefühl, dass sie selbst den Unfall gar nicht erlebt hätte.

Dissoziierte Anteile der Persönlichkeit
Von der Alltagspersönlichkeit abgespaltene Selbstgefühle und Reaktionsmuster werden in der Behandlung chronischer Traumafolgestörungen als dissoziierte Persönlichkeitsanteile bezeichnet. Diese Anteile sind nicht gut mit den Anteilen, die für die Bewältigung des Alltagsgeschehens zuständig sind, verbunden. Dissoziationen beruhen auf einer Störung der Integrationsfähigkeit. Das kann unser Selbstgefühl sehr verändern. Ein wesentlicher Beitrag zur Diagnostik und Behandlung chronischer Traumafolgestörungen stammt von Dr. Ellert Nijenhuis (Westerbork, Niederlande). Er ist wegweisend auf dem Gebiet der Diagnostik und Behandlung dissoziativer Traumafolgestörungen.


Die Autorin Vera Dreher ist Heilpraktikerin und Dozentin für ressourcenorientierte Traumatherapie an der Arche Medica Berlin.
Infos zur Ausbildung in ressourcenorientierter Traumatherapie für Heilpraktiker und HP-Psych an der Arche Medica Berlin unter: www.heilpraktiker-werden.de.
Siehe auch www.naturheilpraxis-vera-dreher.de


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