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Ausgabe Juli 2013
Eine Reise zu Mutter Ayahuasca. Von Katja Neumann

Reisen in die Tiefen der Seele…denn es geht immer noch tiefer. Katja Neumann, selbst seit vielen Jahren in eigener schamanischen Heilpraxis im Prenzlauer Berg tätig, erzählt von ihrer ersten Begegnung mit einer der ältesten schamanischen Heilpflanzen.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich in Trancezustände zu versetzen, etwa durch die Alltags-Trance „Gewohnheit“ („Hab ich den Herd jetzt ausgemacht oder nicht?“) durch Tanzen, wie es die Sufis praktizieren, mit Hilfe der entspannter Stille oder auch durch monotone Klänge. Es kann das Zugrattern oder die vorbeirauschende Landschaft genauso sein wie z.B. Klangschalen oder schamanisches Trommeln, wie ich es nutze.
Und dann gibt es noch Pflanzen, die Trancezustände und Visionen auslösen. Auch bei uns gibt es die, aber wir haben viele unserer alten Traditionen/Rituale vergessen. In anderen Regionen wie Afrika oder Südamerika ist das noch sehr lebendig und immer mehr Europäer machen sich auf ihrer Suche nach Heilung und Sinn auf den Weg dorthin. Die Geschichten, die man hört, machen einfach Hoffnung, gerade Menschen, die in der Schulmedizin als austherapiert gelten.
Eine von diesen Pflanzen - genaugenommen sind es zwei, die zusammen wirken - ist Ayahusca.

Die Medizin und die Wesenheit
Ayahuasca ist eine Medizin des Amazonas, die über viele Stunden oder Tage aus zwei Pflanzen gekocht wird: Das eine ist die Liane und zum anderen gibt es die Blätter des Chakruna-Strauchs. Die Schamanen selbst nutzen Ayahuasca, um über Visionen zu erfragen, wie sie Hilfesuchende heilen können. Was chemisch im Körper abläuft, können Ihnen großartige Fachmenschen besser erklären als ich.
Interessant zu erwähnen ist, dass die Stoffe, die die bewusstseinserweiternde und heilende Wirkung von Ayahuasca ausmachen - MAO-Hemmer (Monoaminooxidase) und DMT (Dimethyltryptamin) - in unserem Körper selbst auch gebildet werden. Es ist also nichts Fremdes (wie vieles andere, was wir uns tagtäglich zuführen) und der Körper kann es hervorragend verstoffwechseln. Vor der Geburt und beim Sterben kennt der Körper den Zustand in dieser konzentrierten Form (deswegen nennt man es auch gerne „den kleinen Tod“) und in wesentlich schwächerer Form beim Träumen und geübten und intensiven Meditieren und Trommelreisen. Weder gibt es eine Gefahr der Abhängigkeit noch unangenehme Neben- oder Nachwirkungen.
Das noch Wichtigere aus schamanischer Sicht aber ist die Energie, die Wesenheit dahinter, der Geist der Pflanze, mit dem man es zu tun bekommt, wenn man sich darauf einlässt. Aufgrund der mitfühlenden und liebevoll strengen, aber immer heilsamen Energie, wird sie als weiblich - als Mutter empfunden und geehrt.

Die Reise dahin
Schon als wir aus dem Taxi stiegen, war die Aufregung zu spüren. Seit Tagen hatten wir uns penibel an die vorgegebene Diät gehalten und fühlten uns abgesehen von der leichten Nervosität etwas schwach und unausgeglichen, dünnhäutig.
Diese Diät ist wichtig zur physischen Reinigung, genauso wie zur energetischen Einladung der Wesenheit. Man hungert das Ego aus und begibt sich auf eine reinere und leichtere Schwingungsebene, die es der wesentlich ätherischeren Pflanzenfrequenz ermöglicht, überhaupt Kontakt mit uns aufzunehmen.
Mehr als ein Jahr hatte ein Freund mich gefragt, ihn zu begleiten auf diese Reise. Zu Mutter Ayahuasca. Als ich dann auf einmal ja sagte, sah er mich ganz überrascht an und auch ich traute meinen Ohren kaum.
Aber es war so weit. Ich habe das nie vorgehabt, nie angestrebt, schon meiner Angst vor (gepanschten) Drogen und dem Kontrollverlust wegen. Aber noch größer war vermutlich meine Angst, dass alles, woran ich bisher geglaubt hatte, wofür ich gearbeitet habe, hinfällig werden könnte. Dass es mein Weltbild erschüttern und ich mir im schlimmsten Falle einen neuen Job suchen müsste.
Denn immerhin arbeite ich selbst seit inzwischen 12 Jahren mit schamanischen Heilweisen in meiner Praxis. Ich mache Trommelreisen, ich hole Krafttiere und Seelenanteile zurück und ich bringe es anderen Menschen auch bei, es selbst zu tun. Eine jahrelange Ausbildung liegt hinter - und vor mir.
Da nur 10% (!) der Schamanen weltweit mit bewusstseinserweiternden Pflanzen arbeiten, stand es für mich nie im Vordergrund, denn ich konnte auch so schon immer gut „Bilder gucken“. Darauf habe ich mich bezogen und es war gut so. Die Erfahrungen und Einblicke, die auch ohne diese Helfer, nur über den leichten Trance-Zustand des Trommelns möglich sind, lassen ahnen, wie multidimensional wir sind.
Aber nun war es anscheinend Zeit, den nächsten Schritt zu tun. Den Horizont zu erweitern im wahrsten Sinne des Wortes. Und es kommen doch wirklich immer die richtigen Hinweise, „zufällig“ die richtigen Bücher oder eben Freunde mit den richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt vorbei und dann ist es gut, dem Impuls zu folgen.
Es war also soweit. Dass ich großes Vertrauen in den Freund und damit auch zu den Schamanen, in deren Obhut wir uns begeben würden, hatte, half natürlich sehr. Ich wusste, er würde mich nicht an einen ungeborgenen, unseriösen Ort schleppen, da er selbst eher ein vorsichtiger Mensch ist.
Auf die Wesenheit der Pflanze war ich inzwischen richtig neugierig, immer mit diesem Bild im Kopf, dass ich mich mit „der großen Mutter“, wie Ayahuasca auch genannt wird, an der Hand, einfach noch weiter hinauslehnen kann ins Universum. Noch mehr sehen und vielleicht auch verstehen...?

Man kann einfach nicht heil werden über den Kopf, über die Vernunft.

Seele wächst nicht daran, dass man Formeln auswendig lernt, sondern dann, wenn man es schafft, sie ganz tief zu berühren.

Die Reise nach innen
Als es dann so weit war, war ich ganz ruhig. Die Anwesenheit der Gruppe, der Schamanen, die Geräusche um uns, mein Freund neben mir…es war einfach alles ganz richtig und ich war froh, dass es losging.
Es schmeckt wirklich nicht gut, ist sehr bitter und manche bekommen dann schon den ersten Würgereiz. So wie ich es erlebt habe, findet es im Stillen und nachts, also im Dunklen statt, worüber ich sehr dankbar war, denn so konnte ich mich nach innen richten. Aus Berichten unseres Schamanen weiß ich aber auch, dass das in anderen Regionen laut, mit Singen, Rasseln und Tanzen begleitet wird.
Wir in unserer Runde haben also meditiert und gewartet, vielleicht eine Stunde. Meine Sinne wurden immer geschärfter, ich hatte regelrecht Wolfsohren und dann konnte ich sie - Mutter Ayahuasca - körperlich spüren. Sie tastete sich durch den Körper, an manchen Stellen blieb sie lange, was sich anfühlte, als wenn eine Hand mit bestimmendem Druck aufliegt, nur eben unter der Haut oder sogar auf Organen. Heilsam.

Bilder aus der Kindheit tauchten genauso auf wie große universelle Einblicke, ich bin viele Tode gestorben, ich habe viele Fragen stellen dürfen und viele Antworten bekommen. Und auch wenn ich mich im Detail nicht an alles erinnere, ist bis heute ein Gefühl von Gewissheit, Sinn und Verbundenheit in mir.

Nichts, was man mit dem Kopf erklären kann. Ein Urvertrauen, eine Gelassenheit, alles ist ein bisschen weniger wichtig. Meistens jedenfalls.
Es ist jedes Mal eine andere Erfahrung, wenn man Ayahuasca trinkt und auch bei jedem Menschen anders. Es ist maßgeschneidert auf Körper, Geist und Seele. Deswegen ist kein Erfahrungsbericht allgemeingültig.
SIE entscheiden, was dran ist. Manchmal übergibt man sich nur oder bekommt Durchfall und es ist „Großreinemachen“ angesagt. Manchmal ist sie streng und konfrontiert mit Unliebsamem, manchmal ist es Liebe pur. Manchmal von allem ein bisschen. Es war mir alles in allem sehr vertraut. Ich hatte zu jedem Zeitpunkt das Gefühl, es hat was mit mir zu tun, es ist authentisch, es ist ehrlich, genau das, was ich gerade brauchte. Und nie zu viel.
Zwar bin ich beim Rauslehnen ins Universum auch mal gefallen, aber sie hat mich jedes Mal wieder aufgefangen, die Mutter Ayahuasca. Es hat mich größer gemacht, oder nein, genauer, sie hat mir gezeigt, wie groß ich immer war - wir alle sind - und das hat meine eigenen Trommelreisen reicher gemacht. Denn einmal getroffen, kann ich sie nun auch so kontaktieren, wann ich will, sie ist nie wieder ganz gegangen. Und ich weiß jetzt, Seele kann sehr gut mit, aber auch ohne Hilfe fliegen.

Hinweis: DTM fällt in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz und dieser Bericht ist mit Sicherheit kein Aufruf, Drogen aus Spaß und Entertainment zu konsumieren. Diese Pflanzen sind heilige Geschenke von Mutter Erde an uns. Die Anwesenheit eines erfahren Schamanen möchte ich unbedingt an- und von lapidar angebotenem Ayahuasca-Tourismus/Sessions abraten. Deswegen gibt es an dieser Stelle auch keine Liste von Adressen, wo man schnell so was buchen kann. Es ist sinnvoll, sich zu informieren, das Gespräch mit erfahrenen Menschen zu suchen und es nur zu tun, wenn es einen ruft. Es ist kein Allheilwundermittel und glauben Sie mir, es ist auch nicht immer witzig. Das muss man wollen.



weitergehende Infos: www.katja-neumann.de


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