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Ausgabe Januar 2013
Magie der Karten oder der Luxus, sich auf sich selbst zu besinnen - Von Katja Neumann

Die Feiertage sind kaum verklungen, die Tage sind noch kurz und damit steht die Zeit des Aufbruches in das neue Jahr an. Was tun, dass wir uns nicht wieder fangen lassen von dem, was uns jedes Jahr zu kriegen versucht: Nach der Zeit der Besinnlichkeit sof

Wenn ich nicht weiß, was ich tun soll und auch niemanden anrufen will, in der Hoffnung, dass mir Entscheidungen abgenommen werden, ziehe ich eine Karte. Das hilft nicht immer, eigentlich selten, denn sie nehmen keine Entscheidungen ab - aber ich weiß noch ein bisschen besser, was ich NICHT will. In Anbetracht der Tatasche, dass es keine Zufälle gibt und mir genau die richtigen Karten zufallen - für diesen einen Moment, nehme ich die Karten sehr ernst. Manchmal so ernst, dass ich sie wutentbrannt oder verzweifelt oder den Tränen nahe (je nach Frage, Wichtigkeit und Aussage) in die Ecke pfeffere. Oder mich freue, weil es sooo richtig ist, also genau das, was ich mir als Antwort gewünscht habe. Doch ist es nicht so, dass wir immer sehen, was wir sehen wollen?

Ich arbeite auch in meiner Praxis mit diesen Karten, in zweiter Generation, seit ich 16 bin habe ich sie und so sehen sie aus: Sie haben viel gesehen, sie sind angefasst und im wahrsten Sinne des Wortes abgeliebt, man könnte auch sagen angegrabbelt, aber gerade das macht sie so unvergleichlich lebendig und wertvoll. Es gibt kein Buch dazu, nichts, was nicht auch ohne Fremdmeinung etwas in einem auslöst. Es geht um die eigene Wahrheit, nicht darum, nachzuschlagen, was jemand sich dazu einfallen lassen hat. Ein und dieselbe Karte und der eine sagt beim ersten Anblick „ach je, wie furchtbar“, während ich strahle und denke „oh wie großartig“. Allein das gibt mir als intuitive Vermittlerin zwischen den Welten einen tiefen Einblick in das Seelenmuster meines Gegenübers. Man hat keinen Einfluss auf das, was kommt, es ist jenseits von Kontrolle und Kopf, was man zieht, aber es stimmt immer und die Reaktionen darauf sind so vielfältig wie die Legemöglichkeiten.
Klar wird auch, es ist immer eine Frage der Betrachtung, des Standpunktes, der Lebenseinstellung generell und es gibt IMMER mehr als eine Wahrheit.
Ein “falsch“ z.B. gibt es bei mir generell nicht. Darüber lasse ich mit mir auch nicht diskutieren. Aber Mensch ist so getrimmt und manchen bricht der kalte Schweiß aus, wenn ich ihnen das wegnehme. Alles wird analysiert, ausgewertet, bewertet und meist kommt man selbst dabei am schlechtesten weg.

Seele versteht Bilder als direkte Sprache - es trifft unvermittelt ins Herz, wo Worte nur im Kopf landen.

Ich bin nicht in der Position, jemandem, einem anderen zu sagen, was er ändern soll. Als Vermittler bin ich maximal ein Spiegel, ich habe nichts zu lenken und kein Tempo vorzugeben und da ich die Karten auch nicht ziehe, sondern ziehen lasse, kann mir nicht mal die „Schuld“ gegeben werden, wenn dem andern nicht gefällt, was er sieht. Und wenn ihm nichts einfällt, erzähle ich, was ich sehe und ernte nicht selten erstauntes Kopfschütteln oder noch besser: entsetztes Nicken. Die Magie dabei ist: immer dem ersten Gedanken zu folgen.
Ich spreche oft Sätze aus, bei denen ich selbst denke: Wo kommt das her? Dann sehe ich in Gesichter und Augen, die ich oft kaum kenne und vor 10 Minuten das erste Mal gesehen habe und freue mich. Bingo.
Ein wunderbares Phänomen dabei ist nämlich nebenbei, dass es den Menschen ins Hier und Jetzt holt. Ich sehe dann auf einmal, jetzt ist er da. Nicht mehr mit den Gedanken beim Job, bei der Bahn, die zu spät kam, beim Stress, der ihm das Zuspätkommen bereitet hat, dem Parkplatz, den er nicht gefunden hat oder dem Strafzettel, den er auf jeden Fall hinterher vorfinden wird. Er ist nicht mehr mit einem Ohr beim Handy, weil das Kind anrufen könnte, er ist in meinem Raum, schaut auf die Karten und ist bei sich. Den Luxus, dass es mal nur um ihn, den einen Menschen geht, bringt manche schon spontan zum Weinen. Und Weinen ist auch ein Luxus.
Ich bin wirklich kein Sadist, aber ich mache innerlich Luftsprünge bei den ganz ungemütlichen Karten und mir geht das Herz auf, wenn Tränen laufen. Alles außerhalb der alltäglichen Kontrolle, den Masken, die wir angelegt haben, ist gut und alles, was auf dem Tisch liegt, im wahrsten Sinne des Bildes - eben meine Karten - ist dran. Ich habe das nicht zu entscheiden. Ich habe auch nicht das Tempo vorzugeben, mit dem jemand bereit ist, sich in die Tiefen seiner Seele zu stürzen. Der eine macht den Kopfsprung, ohne Tiefe, Temperatur oder irgendwas zu prüfen, der andere hält erst mal drei Stunden den kleinen Zeh rein, um dann zu beschließen, es ist warm genug für den ganzen Fuß.
In Karten gesprochen heißt das: Der eine zieht das Bild der abgehackten Hand, während der andere die Blumenwiese vorzieht (ganz aus Versehen natürlich). Ich gebe zu, bei den hübschen Karten langweile ich mich ein bisschen, denn dann heißt das, dass das, was ich vielleicht in dem anderen lesen kann an Drama, leider noch nicht dran ist . So hat jeder seine Herausforderung: Die Kunst, die „richtige“ Karte zu finden der eine, der andere, nicht seine eigene Wahrheit dem Kartenzieher überzustülpen. Ich sage: Karte finden ist einfacher.

Regeln, die der Mensch erschuf
Ein paar grundsätzliche Gedanken zu der Sebstkasteiung der Menschheit, die selbst beim Kartenziehen keine Grenzen kennt.
Ich hatte keine Regeln, wie man Karten richtig zu ziehen hat… bis meine Klienten kamen.
Ich habe alles gesehen an mannigfaltigen Möglichkeiten, sich das Leben auch da schwer zu machen, dass, wenn es nicht so sehr ein Spiegel unseres Dilemmas wäre, zum lauten Lachen einladen würde. Techniken mit eine Akribie ausgeführt, dass der, der es sich ausgedacht hat (auch „nur“ ein Mensch!) stolz gewesen wäre. Und so erliegen wir auch da dem nicht hinterfragten Nachmachen, wo wir es doch tun mit dem unbedingten Willen, davon frei zu werden.
Es hat mein volles Mitgefühl, interessiert schaue ich bis heute dabei zu, aber teilweise hat es früher die Zeit der Sitzung so dermaßen gesprengt, dass wir fast das Wesentliche - bei mir in der Praxis die Schamanische Reise zum Lösen eben dieser sogenannten Dramen - nicht mehr geschafft hätten. Und ich habe über die Jahre dazu gelernt: Grenzen zu ziehen, einzuschreiten, liebevoll aber bestimmt meinen Praxisraum als regelfreie Zone für´s Kartenziehen zu erklären.
Denn es ist völlig egal, ob Sie mit der linken oder rechten Hand ziehen, 130 Karten einzeln auspendeln oder mir nebenbei von Ihrem Lieblingsessen erzählen, solange vorher die Frage oder das Anliegen klar formuliert wurde. Wir können davon ausgehen, dass die geistige Welt intelligent ist und vermutlich - und das ist nicht schwer zu toppen - den größeren Humor hat. Sie würden sich WÜNSCHEN, dass wir es einfach mal frei Schnauze tun. Egal was.

Mythos Schicksal
Wir sind unseren Geschichten nicht hilflos ausgeliefert und jeder hat ein Recht auf Wunder. Sie sind immer gleich neben uns. Aber jemand, der daran glaubt, vom Leben bestraft zu sein, der ist es auch. Jemand, der Geld hasst, wird es nicht haben. Wer immer den anderen die Schuld gibt, wird nie aus der Opferrolle rauskommen. Jemand, der der Vergangenheit nachtrauert, wird das Jetzt nicht spüren, nicht lenken, nicht zu schätzen wissen.

„Der Unterschied von einem Menschen und einem Engel ist leicht. Das meiste von einem Engel ist innen und das meiste von einem Menschen ist außen.“ Aus „Hallo Mister Gott, hier spricht Anna“ von Fynn

Das heißt, wir sind eigentlich immer nah dran – am „Innen“ und es ist unsere Natur und unsere freie Wahl, beides zu sein. Das, woran wir feilen und üben, ist das Gleichgewicht von beidem. Nur Mensch, nur außen sein, lässt die Seele verhungern, nur innen, nur Engel sein, macht uns mehr oder weniger inkompatibel mit dem alltäglichen Leben. Und das hinzubekommen ist ebenso heilig wie die ewig gesuchte Erleuchtung schlechthin.
Die ganz tief berührenden Geschichten höre ich, wenn auch ich meine Hüllen fallen lasse, Anteil nehmen lasse an meiner Unperfektheit und meiner Verletzlichkeit. Für sich selbst zu sorgen ist die größte Herausforderung und oft mutiger, als sich permanent um andere zu sorgen. So fällt es mir natürlich wesentlich leichter, die Karten meines Gegenübers wahrzunehmen als meine eigenen und meine Lieblingsbeschäftigung ist auch nicht, die schamanische Reise im Anschluss für mich selbst zu machen, sondern für den anderen. Es guckt sich einfach leichter von außen. Es ist frei von Befindlichkeit, Wunschdenken und Ängsten.

Mit kleinen Fragen anfangen
Nach innen zu gehen fängt man am Besten bei den kleinen alltäglichen Dingen an. Wenn etwas nicht stimmt, gibt es diesen kleinen Widerstand, den wir aber ordentlich zusammengestaucht haben, denn sonst würde das mit dem Funktionieren nicht klappen. Weihnachten zum Beispiel. WOLLEN Sie das ganze Programm wirklich (dann ist alles gut!) oder ist es jedes Jahr die gleiche Qual? Oder haben Sie sich etwa diese Frage noch nie gestellt? Dann wird es Zeit.
Ich zitiere wieder meine kleine Lieblingsheldin „Anna“ (s.o.): „Alle Leute haben verschieden Standpunkte, aber Mister Gott nicht. Mister Gott steht auf allen Punkten.“ Vielleicht halten wir es mal mit Mister/Misses Gott: Wenn man auf allen Punkten steht, lässt sich leichter herausfinden, welcher sich am schönsten anfühlt. Und wenn Sie sich dann immer noch nicht sicher sind, ziehen Sie doch einfach mal eine Karte!


Die Autorin Katja Neumann ist Heilpraktikerin und CSC (Certified Shamanic Counselor nach Michael Harner), Craniosacrale und mediale Ausbildung und spielt Didgeridoo, Berlin-Prenzlauer Berg, Gethsemanestraße 3, Tel.: 030/43734919, www.katja-neumann.de


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