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Ausgabe Juli 2012
Occupy Samsara; von Joachim Wetzky


Unsere Zeit ist eine Zeit des Umbruchs. Egal ob Klimawandel, Wirtschaftskrise oder sozialer Aufruhr: Wir stehen heute vor immensen globalen Herausforderungen. Für David Loy - einen der profiliertesten buddhistischen Denker und Autoren aus den USA - können wir etwas wichtiges von der Occupy-Bewegung lernen: Es ist nicht ausreichend, sich nur auf das individuelle Erwachen zu beschränken. Wir sind dazu aufgerufen, gemeinsam aus einem kollektiven Alptraum aufzuwachen. Es ist an der Zeit, unsere spirituelle Praxis auf die Straße zu bringen.

„Der Buddha erlangte das individuelle Erwachen. Nun brauchen wir ein kollektives Erwachen um diesen Kurs der Zerstörung zu stoppen. Unsere Zivilisation kommt zu einem Ende, wenn wir fortfahren uns im Wettkampf um Macht, Ruhm, Sex und Profit zu ertränken.“ Thich Nhat Hanh
Es geht heute darum, aus unserem globalen Dornröschen-Schlaf zu erwachen. Denn nur wenn wir aufwachen und erkennen, dass jetzt, in diesem Augenblick, eine neue Welt sich gerade durchringt, geboren zu werden, werden wir die notwendige Motivation entwickeln, auf die Straße zu gehen und den kulturellen Wandel zu verlangen.
Was also können wir konkret unternehmen? Welche Möglichkeiten und Ansätze finden sich in unserem alltäglichen Leben? Ein guter Anfang ist gemacht, wenn wir uns innerlich mit der Notwendigkeit einer neuen kulturellen Vision auseinandersetzen. Was aber ist eine tragbare spirituelle Vision, die uns alle erreicht und uns dazu ermutigt, als achtsame Praktizierende den großen Wandel zu unterstützen? Was brauchen wir, um uns zu erheben? Es ist doch auch so - die große Verelendung ist in Deutschland noch nicht angekommen. Uns geht es soweit ganz gut - die globalen Katastrophen spielen sich momentan in weit entfernten Regionen ab. Es fällt uns nicht sonderlich schwer, das kollektive Engagement zu vernachlässigen. Darum sind wir auch nicht auf den hot spots der Occupy-Bewegung zu finden. Solange wir in Ruhe unserer spirituellen Praxis nachkommen können und in Ruhe unser persönliches Erwachen anstreben können, gibt es für viele Menschen keinen triftigen Grund, sich zu engagieren.
In Ländern wie den USA oder Spanien jedoch sieht es schon ganz anders aus. Dort wütet der globale Sturm. Viele Menschen haben ihre Ersparnisse und - was noch tiefgreifender ist - ihre Hoffnung und Zuversicht verloren. Aus diesem Grund ist es in den USA für hunderttausende von Menschen geradezu lebensnotwendig, sich der Bewegung anzuschließen. Spirituelle Zentren öffnen dabei ihre Türen, um sich dieser Bewegung anzuschließen und ihre Vision eines friedvollen Miteinanders zu teilen. Doch muss es in Deutschland auch erst zu dieser inneren und äußeren Not kommen, bevor wir uns erheben?
Wie könnte demnach eine spirituelle Vision aussehen, die uns dabei hilft, unsere Worte in Taten umzuwandeln? Wie kommen wir zusammen? Vielleicht ist ein Anfang gemacht, einige Impulse zu geben, die uns dabei helfen können, den Samen der heilsamen Aktivität in uns zu wässern. In Foren, Blogs oder auf Facebook können diese Impulse verfeinert und ausgeweitet werden:
Lasst uns den Dialog suchen. Wir können die graduellen Unterschiede zwischen den einzelnen spirituellen Schulen überwinden und eine breite Basis für das kollektive Aufwachen finden. Spirituellen Lehrern und Lehrerinnen würde die ehrenvolle Aufgabe zuteil werden, sich traditionsübergreifend zu vernetzen und über die Möglichkeit eines gemeinsamen Vorgehens zu diskutieren.
Lasst uns engagierter an der Occupy-Bewegung teilhaben. Sie ist eine kostbare Manifestation, die die Möglichkeit eines grundlegenden kulturellen Wandels in sich birgt. Viele spirituell Praktizierende zweifeln jedoch an der Richtigkeit eines sozialen Engagements und fragen sich, ob das mit der Lehre des Buddha oder des Yoga konform geht. Doch tausende buddhistische, spirituelle und Yoga-Lehrer und -Lehrerinnen wie Sharon Salzberg, Stephen Batchelor, Anne Cushmen, David & Ethan Nitchern, Robert Thurman, Roshi Joan Halifax oder Jack Kornfield sind der Ansicht, dass individuelles Erwachen und kollektive Transformation nicht zu trennen sind. In einem offen Brief schreiben sie: „Die Occupy-Bewegung hat uns den Glauben wieder gebracht, dass es möglich ist, eine Kultur der Gewaltlosigkeit, Aufrichtigkeit und des Respekts allen fühlenden Wesen gegenüber zu erschaffen. Wir erkennen unsere menschlichen Versäumnisse an und wissen, dass wir tausende Male bei dem Versuch zu erwachen gescheitert sind. Wir geloben nun, unsere Praxis und unsere Lehrmethoden in eine bessere Übereinstimmung mit unseren tiefsten Werten zu bringen.“
Lasst uns in Kontakt mit anderen Institutionen und Systemen kommen. Projekte wie zum Beispiel das „Netzwerk Achtsame Wirtschaft“ setzen schon heute erste Signale, die Kraft der Achtsamkeit und des Mitgefühls in die Gesellschaft zu bringen. Viele Menschen sind bereit, sich einer kraftvollen Vision anzuschließen, um heilsame Impulse in die Gesellschaft zu geben. Wer spürt die Vision in sich, ein kreatives Netzwerk zu gründen? Wer möchte und kann kollektive Energien bündeln und organisieren?
Diese Punkte dienen dazu, einen Geschmack zu geben, in welche Richtung wir uns als spirituell Praktizierende entwickeln können. Die nächsten Schritte bestehen darin, an kollektiven Visionen und Zielen teilzuhaben, damit diese sich auch in der Welt manifestieren können.
Wir leben in einer entscheidenden Phase der menschlichen Entwicklung, die darüber entscheidet, ob unsere Nachkommen ein menschenwürdiges Leben auf diesem Planeten führen können oder nicht. Es ist eine Zeit des Wandels und der Erneuerung. Es ist eine Zeit, in der wir alle dazu aufgerufen sind, uns ernsthaft und entschlossen zu engagieren. In meinem Buch „iBuddhismus. Kreative Bodhisattvas zwischen Facebook und Hingabe“ versuche ich daher die Brücke zu schlagen zwischen individueller spiritueller Praxis und kollektivem Engagement. Ich zeige darin auf, wie heilsam es ist, wenn wir beginnen, eine ganzheitliche Perspektive einzunehmen, die innere Entwicklung genauso umfasst, wie äußeres Engagement in unserer Kultur. Denn wenn es uns gelingt, das Wechselspiel der individuellen und der kollektiven Dimensionen zu durchleuchten, werden wir zu verstehen beginnen, wo und wie wir mit unserem gesellschaftlichen Engagement beginnen können.


Joachim Wetzky ist Diplom-Psychologe, Integraler Coach und Autor. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Berlin. Seit seiner Jugend ist er auf der Suche nach Möglichkeiten, kreative Impulse in die Gesellschaft zu geben. Als engagierter Blogger ist es ihm ein Anliegen, in einen vielschichtigen Dialog zu kommen, um gemeinsam wirksame Veränderungen in der Gesellschaft zu erzielen. Gerade ist sein Buch „iBuddhismus. Kreative Bodhisattvas zwischen Facebook und Hingabe“ erschienen. Informationen und eine Leseprobe findet man unter: www.joachim-wetzky.de

Buchtipp: Joachim Wetzky. iBuddhismus. Kreative Bodhisattvas zwischen Facebook und Hingabe. 240 Seiten, gebunden,
edition steinrich, 2012, 19,95 Euro


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