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Ausgabe Dezember 2015
Das innere Licht entzünden. Wie wir erschütternden Ereignissen konstruktiv begegnen können. Von Jochen Meyer


Freitag, der 13. November 2015. Mit meiner Freundin komme ich von einem Vortragsabend nach Hause und schalte den Fernseher an, weil ich schnell noch erfahren möchte, wie das Fussballspiel Deutschland gegen Frankreich ausgegangen ist. Zwar ist die Partie beendet, doch wir erleben fassungslos, wie die beiden Reporter der Sportschau ebenso erschüttert wie hilflos versuchen, live aus dem Stadion über die gerade in Paris stattfindenden Terroranschläge zu berichten, ohne zu wissen, was wirklich passiert und wie sie selbst aus der vollkommen unübersichtlichen Situation herauskommen werden. Immer mehr Nachrichten aus Paris werden bekannt, und eine Sonderausgabe der Tagesschau macht klar, dass wir es mit einem neuerlichen terroristischen Großereignis zu tun haben, das eine Stadt wie Berlin und damit uns genauso treffen könnte wie Paris. Inzwischen, zwei Tage später, erklären Terrorismusexperten, dass wir mit der Möglichkeit weiterer Anschläge dieser Art leben lernen müssen und manche politische Kommentatoren schreiben, wir befänden uns in einem neuen Weltkrieg.

Was für ein Wahnsinn!
Bei mir wie bei anderen beobachte ich Angst und Verunsicherung als Reaktion auf die Pariser Anschläge. Wenn Berlin ebenfalls gefährdet ist: Wie sicher ist eine Fahrt ins Stadtzentrum? Was könnte beim nächsten Kino- oder Konzertbesuch passieren? Gibt es Bereiche in der Stadt, die ich erst mal besser meide? Was würde mit unserer Gesellschaft passieren, sollte es Selbstmordattentätern tatsächlich gelingen, während der Live-Übertragung eines Fußballspiels im Stadion eine Massenpanik auszulösen? Ich entdecke, wie durch die äußeren Nachrichten – alle bisherigen Informationen habe ich ja ausschließlich durch die Medien – innere Bilder in mir entstehen. Ich registriere, wie aus dem äußeren Terror, von dem ich glücklicherweise nicht persönlich betroffen bin, ein innerer Terror wird, der sich in Angstphantasien, Schreckensbildern und möglichen Horrorszenarien äußert, die mich persönlich sehr wohl ergreifen und meine Stimmung beeinträchtigen. Und mir wird bewusst, dass ich diesem inneren Geschehen jetzt Grenzen setzen muss, dass es jetzt wichtig ist, mich auf mein eigenes Leben hier und jetzt zu besinnen, das sich im übrigen nicht im Geringsten verändert hat.
Als Beziehungscoach interessiert mich besonders die Frage, wie man mit solchen Ereignissen und den damit verbundenen Gedanken und Gefühlen konstruktiv umgehen kann. Was kann man solch schockierenden Ereignissen als Einzelner entgegensetzen? Wie mit den damit verbundenen Gefühlen von Ohnmacht, Angst und Hilflosigkeit zurechtkommen? Wie kann ich mitfühlen mit Menschen, die Unfassbares erlebt haben? Wie den eigenen Schmerz zulassen und trotzdem einen klaren Kopf bewahren? Wie mich nicht vereinnahmen lassen von der kollektiven Hysterie und der künstlich erzeugten Angst-Trance, in die uns Teile von Politik und Medien jetzt versetzen wollen?
Überall rücken die Menschen jetzt zusammen. Die vielen weltweiten Solidaritätsbekundungen beeindrucken mich. Mich berührt, wie viele Menschen Zeichen setzen, sei es durch das Niederlegen von Blumen und Kerzen oder durch Facebook-Postings. All das ist ermutigend und stärkt das Gefühl des Verbundenseins. Und doch wird diese Welle der Solidarität wieder abnehmen und dem gewohnten Alltagstrott weichen. Was also gibt es noch, womit wir uns dauerhaft und nachhaltig stärken können?

Wenn es draußen dunkel wird
Meine Erfahrung ist, dass mir hier letztlich nur der spirituelle Pfad weiterhilft. Nur meine spirituelle Praxis verhilft mir dazu, den „Terror in mir“ zu erkennen und ihn wieder loszulassen. Nur meine Meditationspraxis ermöglicht mir, mich ins Auge des Orkans zu begeben und Momente von Stille und Frieden in mir zu finden, während es in meinen Gedanken und in der äußeren Welt stürmt und tost. Und nur von diesen Momenten der Stille und des Friedens her kann ich spüren, dass ich dem ganzen Wahnsinn da draußen nicht wehrlos ausgeliefert bin, sondern ihm etwas entgegensetzen kann. Gerade an Tagen wie diesen bin ich dankbar, dass ich diesen Weg nach Innen gefunden habe (oder dass er mich gefunden hat). Ich frage mich, wie es mir ergehen würde, wenn ich diesen Zugang nicht entdeckt hätte und nur im Außen leben würde. Ich wüsste dann nichts vom Licht in mir und würde mir nicht überlegen, wie ich dieses Licht immer wieder neu entzünden und zu anderen Menschen bringen kann. Wahrscheinlich würde ich dann auf Trost und Zuspruch warten anstatt ihn einfach anderen zu geben. Wahrscheinlich würde ich mich klein und unbedeutend fühlen und mir nicht bewusst machen, für wen in meinem Wirkungsbereich ich wichtig bin und wie viel Gutes ich durch mein Hiersein jeden Tag bewirke. Und wahrscheinlich würde ich nicht sehen, dass meine Art und Weise, im Privaten wie Beruflichen Gutes zu bewirken und andere Menschen zu unterstützen, meine Weise ist, dem Frieden in der Welt zu dienen und dass ich im Kleinen nur das tue, was schon ganz viele andere machen, die ebenfalls diesen Weg gehen, anderen Licht bringen und damit etwas unfassbar Großes tun.

Das eigene Energiefeld spüren und stärken
Wenn mich die medialen und emotionalen Druckwellen eines solchen Ereignisses wie der Pariser Anschläge erreichen, versuche ich immer wieder, mein eigenes Energiefeld zu spüren. Ich versuche zu spüren, dass auch von mir und meinem Körper Energiewellen ausstrahlen, mit denen ich andere positiv berühre und durch die ich etwas Lebensbejahendes in die Welt bringe. Meine Freundlichkeit anderen gegenüber, mein (manchmal sarkastischer) Humor, meine Bereitschaft, andere gelten zu lassen und ihnen unterstützend zu begegnen, soweit es mir möglich ist. Sogar meine persönlichen Baustellen und meine Schattenseiten gehören zu diesem Energiefeld, das von mir ausgeht und mit dem ich andere berühre. Wann immer ich mich ohnmächtig oder hilflos fühle, versuche ich mir zu vergegenwärtigen, was ich anderen Gutes tue, was ich meinen Freunden und meiner Familie bedeute und worin sie das Positive in mir sehen würden, das ich bewirke. Ich liebe die Beschäftigung mit den Fragen der Naikan-Übungen wie „Was ist heute Gutes von mir ausgegangen?“ Dabei wird mir allerdings auch bewusst, dass es im normalen, täglichen Leben nicht darum geht, dass ich heldenhaft fanatische Terroristen von irgendwelchen Gewalttaten abhalte, sondern dass ich mehr Harmonie und Frieden in die eigenen Beziehungen bringe. Dass ich dort aktiv bin, wo ich Menschen in meinem eigenem Leben direkt und unmittelbar begegne. Schaffe ich es, wirklich allen konstruktiv zu begegnen, egal wie sie auf mich zugehen – oder lasse ich an anderen meinen Frust aus? Kann ich nicht nur meiner Liebsten, sondern auch dem Busfahrer, der Verkäuferin oder dem Nachbarn gegenüber aufmerksam und zugewandt sein? Verschönere ich anderen den Tag oder ziehe ich sie herunter? Habe ich meine Beziehungsfähigkeit soweit entwickelt, dass ich mit meiner Partnerin, meiner Familie und meinen Freunden und Kollegen gut verbunden sein kann oder trage ich immer wieder ungelöste Konflikte in meine Beziehungen? Lebe ich mit bestimmten Personen oder Themen noch im „Kriegszustand“ oder gelingt es mir, meine Beziehungen immer weiter zu befrieden? Was trage ich von mir aus dazu bei, dass das bevorstehende Weihnachtsfest gelingt?

Ich glaube, dass wir in diesen unruhiger werdenden Zeiten der spirituellen Praxis immer dringender bedürfen.

Was sonst könnte uns den inneren Halt geben, den wir brauchen, wenn wir von unerwarteten Ereignissen getroffen werden? Wie wollen wir von anderen Gutes erwarten, wenn wir das Licht in uns und anderen nicht sehen können? Wie soll die Welt friedvoller werden, wenn wir nicht bereit sind, in unseren eigenen Beziehungen für ein gutes Miteinander zu sorgen und den Geist der Trennung zu überwinden? Die Pariser haben jetzt eine starke, ermutigende Antwort darauf gegeben: Wir sind verbunden – nous sommes unis.



Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.
Weitere Infos auf www.jochen-meyer-coaching.de


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