aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Oktober 2015
Der Hauch des Lebendigen. Über Schamanismus und Seele. Von Roland Urban


Schamanismus ist Seelenarbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Doch was bedeutet das eigentlich?
Zu den herausragenden Eigenschaften des Core-Schamanismus – maßgeblich herausgearbeitet und formuliert von Michael Harner – gehört es, den Dingen auf den Grund zu gehen, um sie differenziert zu verstehen und, angepasst an die aktuellen Gegebenheiten und Herausforderungen, praxistauglich und effizient umsetzen zu können.
Entsprechend gilt es, einige zentrale Fragen zu beantworten: Was ist die Seele? Wie gestaltet sich ihr Entwicklungsweg? Und was sind die Aufgaben der schamanisch Praktizierenden in Bezug zur Seele?

Seele – der Atem des Lebendigen
Die Etymologie, der Wortstamm des Begriffs ´Seele´ lässt auf deren wichtigstes Charakteristikum schließen: der ´Atem´ bzw. ´Hauch´ steht in unmittelbarer Verbindung mit dem Lebendigen an sich. ´Seele´ (vom altgriechischen psyche) meint den Atem, die Eigenart, das Kostbarste des Menschen. Im Core-Schamanismus verstehen wir darunter das geistige Prinzip, die zentrale Lebensessenz, jene Kraft, die den Menschen wesensmäßig ausmacht.
Befindet sich eben diese Seele in einem Zustand der Komplettheit, dann ist der betreffende Mensch in der Lage, seine Qualitäten konsequent zu entwickeln und in die Gemeinschaft einzubringen. Er ist resistent, flexibel und gesund.
Dieses Ganz-sein kann durch kontinuierliche schamanische Arbeit erreicht werden – sowohl im prophylaktischen wie im kurativen Sinne. Regelmäßige schamanische Arbeit wirkt präventiv, indem man sich stetig mit spiritueller Kraft auffüllt. Besteht ein Ungleichgewicht, so kann dies mittels gezielter Interventionen behoben werden. Das dies nicht immer funktioniert und insgesamt zutiefst individuellen Entwicklungswegen unterworfen ist, erscheint selbstredend; es gilt aber, den grundsätzlichen Wirkmechanismus zu verstehen. „Kraft ist für das Wohlergehen des Menschen bedeutsam; hat er keine, wird er krank. Und da Heilen eine der wichtigsten schamanischen Aufgaben ist, stehen das Umsetzen und das Herbeiholen von Kraft nicht nur am Beginn des schamanischen Wirkens, sondern bedürfen darüber hinaus ständiger Pflege und Erneuerung.“ (Uccusic)

Der Weg der Seele
Vorab: Es gibt keinen pauschalen oder strikt vorgezeichneten Weg der Seele. Jede Existenz ist einzigartig, nicht wiederholbar, besonders – in einem gewissen Sinne ´heilig´. Gleichzeitig haben letztlich alle Kulturen Ideen über Konstitution und Entwicklung der Seele gesammelt und formuliert, ob explizit (wie in den meisten schamanischen Traditionen) oder implizit (wie in unseren postmodernen, quasi-säkularisierten Gesellschaften).
Auf Grundlage der core-schamanischen Forschung und Praxis lässt sich folgendes Bild skizzieren: Der schamanische Kosmos ist in seiner Grobstruktur in Untere, Mittlere und Obere Welt unterteilbar. Die Mittlere Welt, jene Welt in der wir leben, verfügt über einen alltäglichen, materiellen und über einen nicht-alltäglichen, geistig-spirituellen Aspekt. Alltägliche und nicht-alltägliche Wirklichkeit sind als kommunizierende Gefäße, wie zwei Seiten der gleichen Medaille zu verstehen. Die Mittlere Welt ist ein Ort der Vielfalt und Fülle, der Liebe und Freude, aber auch ein Ort von Krankheit und Leid. Und sie unterliegt der Zeit.
Die Obere und die Untere Welt hingegen befinden sich jenseits bzw. außerhalb der Zeit. In diesen Dimensionen der ´Außerzeitlichkeit´ herrscht kein Leid und keine Krankheit vor, zumindest nicht in der Form, wie wir sie von unserem irdischen Leben her kennen.
Tritt ein Mensch ins Leben ein, so vollzieht er – bzw. seine Seele, seine zentrale Essenz – einen signifikanten Übergang: den Wechsel von der Außerzeitlichkeit in die Zeitlichkeit.
Geist und Körper vereinen sich zu einem unverwechselbaren Organismus, der Mensch beginnt sein Leben in der Mittleren Welt. Die darauf folgende irdische Existenz ist gekennzeichnet von weiteren Übergängen – etwa von Kindheit/Jugend ins Erwachsenenalter, von Lehrling zu Geselle/in zu Meister/in, von Frau zu Mutter bzw. Großmutter, von Mann zu Vater bzw. Großvater, bis zum letzten Übergang: dem Tod. Übergänge sind in diesem Zusammenhang vor allem als Entwicklungsschritte zu begreifen, mit dem Ziel, die dem Wesen inhärente Kraft noch stärker hervortreten zu lassen, an die jeweiligen Gegebenheiten anzupassen und die Voraussetzungen zu schaffen, um die bevorstehenden Aufgaben bestmöglich zu meistern.
Mit dem Tod löst sich die Seele vom Körper. Der Körper stirbt, die Seele zieht weiter. In der Regel findet sie ihren Weg selbst und tritt zu gegebenem Zeitpunkt über in die Obere oder Untere Welt, sie transzendiert und kehrt zurück in die Zeitlosigkeit.

Mittler zwischen den Welten
Was sind angesichts dieser Zusammenhänge nun die Aufgaben der Schamanen und Schamaninnen?
Sie sind die Mittler zwischen den Welten, haben die Aufgabe, im Dienste ihrer Gemeinschaft für die Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung eines Gleichgewichtszustandes zu arbeiten.
Auf individueller Ebene kann dies bedeuten, dass sie Kraft, die nicht zum Individuum gehört, entfernen, bzw. verlorengegangene Kraft zurückholen, restituieren. Oder dass sie, sofern notwendig, die klassische Aufgabe des psychopompos übernehmen, des Seelengeleiters, der die Seelen auf ihrem Weg begleitet, sollte sie diesen nach dem physischen Tod nicht alleine finden. Auf gemeinschaftlich-kollektiver Ebene kann dies bedeuten, dass Sicherheit, Unterhalt und Fortbestand gewährleistet werden müssen oder soziale Konflikte einer Lösung bedürfen. In schamanischen Kulturen gilt es als selbstverständlich, dass in derartigen Fällen die Geister zu konsultieren sind. Womit „die Schamanin bzw. der Schamane aufgerufen sind, aktiv zu werden, da sie es sind, die die verborgenen Informationen“ beschaffen sollen, welche Veränderung ermöglichen bzw. befördern.
Letztlich, auf ökologischer Ebene kann dies bedeuten, dass Schamaninnen und Schamanen versuchen, mit den Geistern in Kontakt zu treten, wenn größere Umwälzungen herannahen bzw. eintreten (etwa im Sinne von Kriegen oder so genannten Naturkatastrophen). Nicht um diese per se zu verhindern, sondern um einen konstruktiven Umgang damit, die Bewältigung zu ermöglichen.
Schamanismus ist nicht dazu da, das Geschehen zu manipulieren, sondern die betreffende Gemeinschaft in die Lage zu versetzen, das alltägliche Leben und Überleben bestmöglich zu meistern.
So wie schamanisch Praktizierende nicht dazu da sind, den natürlichen Lauf der Dinge zu verändern, sondern vielmehr diesen zu unterstützen bzw. zu befördern. Sie wissen, dass es nicht ihre persönliche Kraft ist, die Veränderung oder Heilung bringt, sondern jene der Geister. Sie fungieren als Repräsentanten ihrer Gemeinschaft, als Botschafter und Vermittler.

Im Hier und Heute
In Zeiten des Konflikts und der Not bedarf es Menschen, die einen Schritt zurücktreten, um einen anderen Blick auf das große Ganze zu bekommen; um Informationen in Erfahrung zu bringen, die Angst nehmen und Sicherheit, Zuversicht und Hoffnung erzeugen. Und um Kraft zu holen. Schamanisch Praktizierende sind prädestiniert dazu.


Der Autor Roland Urban ist Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies Europa. Umfangreiche Seminar- und Forschungstätigkeit sowie schamanische Praxis. Zudem Gesundheits-, Klinischer und Notfallpsychologe. Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte betreffen u.a. ´Schamanismus und Wissenschaft´, ´Unheilbare Krankheiten´ sowie ´Gesundheitsförderung´. Weitere Informationen unter www.shamanicstudies.net.

Buchtipps:
Harner, Michael: The Way of the Shaman. 3rd ed. New York: Harper One, 1990
Harner, Michael: Höhle und Kosmos: Schamanische Begegnungen mit der verborgenen Wirklichkeit. München: Ansata, 2013
Uccusic, Paul: Der Schamane in uns: Schamanismus als neue Selbsterfahrung, Hilfe und Heilung. 4. Aufl. Kreuzlingen, München: Hugendubel, 2001
Urban, Roland: Über Kraft. In: Picard, Winfried, Wohlfarter


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.