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Ausgabe Dezember 2014
Die Skala der Seele. von Wolfgang J. Aurose

Eins und besonders sein - der Weg zum Frieden mit dem eigenen Land und den anderen Nationen.

Eine Art innere Freude und ein Gefühl der Würdigung schien die Hunderttausende zu erfüllen, die sich am 9. November zum lichtkugelerleuchteten Mauerfallgedenken vor dem Brandenburger Tor versammelt hatten. Die Stimmung, so konstatierte der Rezensent der Spiegel Online-Redaktion, erinnerte fast an Christo‘s Reichstagsverhüllung, der im Jahr 1995 Millionen von Besuchern mit kaum erklärbarer Freude beiwohnten. Beide Events haben in der Tat etwas gemeinsam: Sie symbolisieren zum einen mit der kollektiven Entdeckung des demokratisch auferstandenen Reichstags und zum anderen mit der friedlichen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten Meilensteine der jüngeren Landesgeschichte. Könnte es sein, dass die Deutschen anlässlich dieser Veranstaltungen wieder eine Ahnung von ihrer fast schon verloren geglaubten Seele verspürten?Dazu ein kleiner Exkurs. Es gibt heute eine neue, aus verschieden Quellen entstandene Weltsicht, die im Einzelnen und auch in Gemeinschaften und Nationen sich entwickelnde seelische Felder erkennt. Laut dieser integral genannten Betrachtungsweise liegt der Welt und ihrer Entstehung eine - letztlich von diesem Feld ausgehende - Evolution des Bewussteins zugrunde.
Nationen sind demnach mehr als nur weiterentwickelte Stammesgemeinschaften oder interessengebundene Zweckkonstruktionen. Sie sind, gleich Individuen und allen lebendigen Wesen, schon zu Beginn ihres jeweiligen Daseins mit einer seelischen Grundinformation ausgestattet. Dieses verkörpert, so wie es viele Traditionen berichten, die unverbrüchliche Verbundenheit ihres Trägers mit dem allem zugrunde liegenden Sein und Bewusstheit der All-Einheit. Dieses seelische Feld entwickelt jedoch, besonders im Mensch und in menschlichen Gemeinschaften, zugleich auch ein sich individualisierendes Bewusstsein. Es führt den Einzelnen und bis zu einem gewissen Grad auch Gemeinschaften zu jeweils einzigartigen Aufgaben und Erfahrungsfeldern.Doch es gibt auch eine Schattenseite der Seele. Es ist das Ego-Konstrukt, dem ursprünglichen Pionier von Evolution und Individualität. Leidvollerweise ist dieses Ego-Ich ohne Bewusstheit der nur seelisch erfahrbaren All-Einheits-Wirklichkeit. Soweit die integrale Seelenperspektive.
Es waren übrigens vor allem deutsche Philosophen, Dichter und Denker, die als erste eine sich entwickelnde Seele auch in Nationen entdeckten und beschrieben. Dieses Vermächtnis von Herder, Hegel und anderen deutschen Idealisten und Romantikern wurde jedoch später von den Nationalsozialisten fürchterlich entstellt. Sie verkehrten das Bild der seelischen Lern- und Wertegemeinschaft, die eine Nation im Tiefsten darstellt, in ihr krasses Gegenteil, in ein Blut- und Boden-Kollektiv auf pseudo-mythischer Grundlage.Die Deutschen jedoch durchschauten die Täuschung ihres eigenen Erbes nicht und wurden willige Helfer von Holocaust und Totalem Krieg. Die schattenhafte Vision der Nazi-Ideologie konnte genau deshalb ihre ungeheure Wucht entfalten, weil sie in verzerrter Form und perfekter Perfidie einer tiefen und legitimen Sehnsucht der Deutschen entsprach. Die Nazis vermochten es, den Deutschen scheinbar aus der Seele zu sprechen.
Eine Interpretation dieser Art offenbart das “Dritte Reich” als völlig entgleistes, kollektiv-seelisches Selbstverwirklichungsprojekt der Deutschen. Trotz der großen Seelen-Philosophien der deutschen Geistesgeschichte war die Masse der “Volksgenossen” für eine authentische Unterscheidung zwischen Seele und Schatten nicht vorbereitet. Sie jubelten ihrem Führerhelden angesichts dessen scheinbar heroischen Entschlossenheit zur Verwirklichung des Schicksals ihres Landes und ihres Deutschseins begeistert zu. Diese Mobilisierung tiefer seelischer Kräfte und Bestrebungen der Deutschen hilft auch zu erklären, warum es den Nazis darüber hinaus gelang, zumindest anfänglich einen Teil der geistigen Elite des deutschen Volkes – Künstler, Wissenschaftler, Denker – für ihre Sache zu werben.
Doch der schreckliche Bann ist gebrochen, wir schreiben 2014 und glücklicherweise gelang es den Deutschen mittlerweile, mit Hilfe und aus eigener Kraft, einige Lehren aus ihrer katastrophalen Fehlentscheidung zu ziehen.
Es geht jedoch natürlich nicht nur um die Deutschen. Wenn wir uns in Europa und in anderen Teilen der Welt friedens-, ökologie- und solidaritätsorientiert vereinigen wollen - und das ist der einzige Weg zum nachhaltigen Überleben - gilt es ein neues Nationenverständnis zu finden. Es kann uns die evolutionär neue Möglichkeit bieten, die seelische Wirklichkeit der All-Einheit von Mensch und Welt zu erfahren und zugleich die jeweiligen Besonderheiten unserer Heimatländer zu leben. Wie könnte also solch ein neues und integrales Verständnis aussehen?
Nationen ließen sich in dieser - jetzt anbrechenden - Zukunft beschreiben als unterschiedliche Menschengruppen, die sich über zuvor geteilte oder auch nicht geteilte Mythen, Sprache, Rasse, Geschichte und Geografie hinaus zu Gemeinschaften entwickelt haben, der Menschen unterschiedlichster Abstammung, Sprache, Religion und Hautfarbe angehören können.
Was sie im Tiefsten verbindet, ist der Wille, an der Erfahrung, den Aufgaben und der Entwicklung dieser bestimmten Gruppe teilzuhaben, die durch ihr Schicksal und durch ihre Seelengeschichte einzigartige Grundwerte, Einsichten und Lebensweisen errungen hat und weiter entwickelt - gewissermassen ein „seelischer Verfassungspatriotismus.“
Diese Seelengeschichte kann 20 oder 2000 Jahre alt sein. Die Nation ist eine sich ihres seelischen Zentrums bewusst gewordene oder werdende Wertegemeinschaft. Das bedeutet, sie hat die innere Einheit aller Nationen erfahren, und sie kennt zugleich die besondere Mission ihres Landes in deren jeweiliger zeitlicher Anpassung. Sie weiß von der unumgänglichen Schattenarbeit am nationalen Ego, und sie trägt der Tatsache Rechnung, dass es zunächst dem Individuum, dem auch von nationaler Seele und Schatten geprägten Einzelnen obliegt, diese seelische Integration und Heilungsarbeit bei sich vorwegzunehmen. Das Kollektiv und der Einzelne wissen, dass dieser Prozess über die persönliche Heilung und Realisierung des Individuums hinaus entscheidend zur Vorbereitung der Nation für den anstehenden Weg in eine multinationale Weltgesellschaft beiträgt.
Es wäre gleichsam das Bild einer Fußballnationalmannschaft von elf starken Individualisten aller Hautfarben und mit unterschiedlichen persönlichen Träumen, die, geeint durch einen spezifischen und nationaltypischen Spielgeist und einer daraus in langer Erfahrung abgeleiteten Strategie, ihre höchsten Ziele erreicht.Die ihrer seelischen Qualitäten bewusst gewordene Nation kann ihre in die Wiege gelegte Mission entwickeln und erfüllen und ihre Schatten klären. Sie wird reif für den transnationalen Zusammenschluss mit anderen Nationen, für den Beitritt und den Übergang in eine vielgestaltige Weltgesellschaft.


Der Autor Wolfgang J. Aurose, Autor und Workshopleiter, arbeitete lange für das internationale Auroville-Stadtprojekt in Südindien. Er lebt in Ashland/Oregon und ist Autor des im März dieses Jahres erschienenen Buches „Die Seele der Nationen. Evolution und Heilung“. Am 9. März stellt er im Rahmen des Integralen Salons Berlin sein Buch vor. Weitere Lesungen und Workshoptermine auf www.sunwolfcreations.com

Buchtipp: Wolfgang J. Aurose, Die Seele der Nationen. Evolution und Heilung, 206 S., geb. mit Schutzumschlag, 18,99 €, Europa Verlag Berlin 2014, Auszüge auf www.facebook.com/nationenseele


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