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Ausgabe Oktober 2014
Im Dienste der Gemeinschaft. von Roland Urban

Die Beziehung des Einzelnen zur Gemeinschaft

Der Begriff Identität ist in unserer Kultur stark psychologisch geprägt. Üblicherweise werden damit, wenn auf Einzelpersonen bezogen, die das Individuum charakterisierenden Eigenschaften verstanden bzw. die subjektive Konstruktion des Ichs. Also primär emotionale, kognitive, mitunter auch soziale Aspekte. Das Spirituelle im Menschen wird – entsprechend dem Zeitgeist einer säkularisierten Gesellschaft – tendenziell ausgeklammert.
Selbsterkenntnis basiert auf diesem Identitätskonzept; betrachtet man die Angebote der letzten 30 Jahre, so sind vor allem die eigenen Gefühle und Beziehungen Gegenstand der jeweiligen Formate. „Selbsterfahrung“ ist das Schlagwort schlechthin. Rahmen und Methode sind flexibel. Es gibt Workshops und Seminare, Retreats und Walks, einschlägige Reisen etc. etc.
Man bekommt den Eindruck, als würde sich der post-moderne Mensch nur selbst erkennen, wenn er dies mit anderen tut und dabei angeleitet wird. An sich kein neuer Gedanke, da Selbsterkenntnis immer in und mit Beziehung und Gemeinschaft stattfand.
Was neu, und mitunter erschreckend ist, ist das Ziel dieses Unterfangens. Natürlich wird angegeben, dass es darum ginge „einE bessereR Mensch/Frau/Mann/Mutter/Vater etc.“ zu werden. Doch mindestens ebenso häufig hört man, dass die sich-selbst-Erfahrenden „sich selbst besser kennen lernen“, „in ihre Mitte kommen“, (wieder) leistungsfähiger, glücklicher, zufriedener sein möchten. Bedeutet dies, dass Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung einem Selbstzweck unterliegt? Dass es mehr um das Ich geht als um das Du, geschweige denn das Wir? Der Verdacht steht zumindest im Raum.
Nicht so im Schamanismus. Im Schamanismus steht die Identität weniger mit einem Konzept des Egos oder der Person in Verbindung, sondern mit jenem der Seele. Die Seele ist die vitale Essenz des Menschen, dessen zentrale Lebenskraft. Sie repräsentiert das geistige Prinzip, welches sich zum Zeitpunkt der Empfängnis mit dem Körper verbindet, für die Dauer des irdischen Lebens eine Einheit bildet, um sich nach dem Tod wieder zu trennen und in dem, was nicht-alltägliche Wirklichkeit genannt wird, weiter zu existieren.
Vermag der Mensch die spezifische Qualität seiner Seele umzusetzen, zu leben, dann ist er „in seiner Kraft“.
Die Seele ist weder genetisch prä-disponiert noch psychologisch oder sozial geformt. Sie ist das grundsätzliche, das spirituelle Prinzip, welches das Wesen des Menschen ausmacht. Dies bedeutet nicht, dass wir schicksalsgläubig und ohne Entscheidungsfähigkeit unser Leben fristen müssen. Ganz im Gegenteil, die Seele befähigt uns dazu, ein gesunder, mündiger und voll leistungs- sowie verantwortungsbereiter Mensch zu sein. Sie ist es, die uns einzigartig macht. Es liegt an uns, dieses Potential auch tatsächlich zu entfalten. Entsprechend zielt Selbsterkenntnis im Schamanismus primar darauf ab, die Kraft seiner Seele direkt zu erfahren, damit kennen zu lernen und wirksam werden zu lassen. Der Schwerpunkt liegt nicht auf dem persönlichen „Gewinn“ (der zweifelsohne auch daraus erwächst), sondern auf der Gemeinschaft. Mit anderen Worten: der Schamane sucht nicht nach Hinweisen, um seine eigene Entwicklung voranzutreiben und etwa erleuchtet zu werden – sondern er arbeitet für das Wohl der Gemeinschaft. Die soziale und ökologische Balance steht im Vordergrund, Selbsterkenntnis im oben erwähnten Sinne ist ein Nebeneffekt.
Um sich selbst besser bzw. wahrhaftig zu erkennen, ist es nötig, dass die Seele möglichst komplett ist. Wir wissen, dass aufgrund unterschiedlichster äußerer Ereignisse (z.B. ungelöste Konflikte, Gewalterfahrungen, Naturkatastrophen, etc.) Teile der Seele abhanden kommen können. Dieser Verlust eines Seelenteils ist ein natürlicher Mechanismus, kann aber – wenn keine spontane Rückkehr erfolgt – zu einem dauerhaften Ungleichgewicht bis hin zu Krankheit führen. Die Betroffenen haben meist ein gutes Gespür dafür, beschreiben oftmals, dass sie sich nicht ganz fühlen. Schamanen und Schamaninnen wissen, dass in einem derartigen Fall eine so genannte Seelenrückholung angezeigt ist. Sie holen den unbeschadeten, aber verloren gegangenen Seelenteil zurück, sie restituieren Seelenkraft. Sind wir im Vollbesitz unserer Kraft, sind wir nicht nur gesund, sondern können auch unseren individuellen und sozialen Aufgaben nachkommen.
Übrigens: Es ist in schamanischen Kulturen nicht die alleinige Verantwortung des Individuums, für sich selbst Sorge zu tragen und sich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Vielmehr ist es Aufgabe der Gemeinschaft, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass der (heranwachsende) Mensch sich entsprechend seiner Qualitäten und Besonderheiten entwickeln kann. Wird jemand krank, dann hat nicht er selbst, sondern die Gemeinschaft versagt.

Was hat der Schamanismus anzubieten?
Die fundamentalen Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind (Klimawandel, soziale Armut und Fragmentierung, großflächige Migrationsbewegungen, kriegerische Auseinandersetzungen, etc.), sind individualistisch und rein mit den Mitteln der Wissenschaften nicht zu lösen. Es bedarf zusätzlicher Informationen und Werkzeuge, die elegantere Lösungen ermöglichen; eine geradezu klassische Aufgabe schamanischer Arbeit. Und wir benötigen einen Fokus auf die Gemeinschaft (statt auf das Individuum). Es gilt, wieder das gemeinsame Wohl über jenes des Einzelnen zu stellen. Jedoch nicht aus Gründen der Ideologie, sondern um zu überleben.
Eine Erweiterung des Begriffs der Selbsterkenntnis scheint in diesem Zusammenhang sinnvoll und angebracht. Das Selbst umfasst aus schamanischer Perspektive neben der eigenen Person und dem unmittelbaren Umfeld auch das Eingebettetsein in die Natur und den gesamten Kosmos. Und zwar nicht nur theoretisch, sondern praktisch, durch direkte Erfahrung des und Partizipation am Numinosen. Durch dieses Teilhaben am großen Ganzen bleibt die Sorge um die Anderen und die Natur nicht ein intellektuelles Konzept, sondern wird zu einem vitalen Bedürfnis.
Schamanismus ist nüchtern, pragmatisch und lösungsorientiert. Er verfolgt keinen Selbstzweck, sondern dient der Gemeinschaft. Er fördert nicht die Erleuchtung des Einzelnen, sondern das Überleben der Gemeinschaft und der Natur. Er fördert den Übergang vom Ich zum Wir.


Der Autor Mag. Roland Urban ist Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies Europa. Umfangreiche Seminar-, und Forschungstätigkeit sowie schamanische Praxis. Zudem bekleidet er als Gesundheits-, Klinischer und Notfallpsychologe eine Fachstelle im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte betreffen u.a. „Schamanismus und Wissenschaft, „Unheilbare Krankheiten“ sowie „Gesundheitsförderung“.
Weitere Informationen unter www.shamanicstudies.net.

Buchtipps:
Harner, Michael: The Jivaro: People of the Sacred Waterfalls. Berkeley, Los Angeles, London 1984
Harner, Michael: Höhle und Kosmos: Schamanische Begegnungen mit der verborgenen Wirklichkeit. München 2013
Kasten, Erich (Hrsg.): Schamanen Sibiriens: Magier, Mittler, Heiler. Berlin, Stuttgart 2009
Meier, Carl A. (Hrsg.): Wolfgang Pauli und C. G. Jung. Ein Briefwechsel 1932-1958. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag
Walsh, Roger: Der Geist des Schamanismus. Olten 2005


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