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Ausgabe September 2014
Entschieden glücklicher. Über die Kunst, gute Entscheidungen zu treffen. Von Wolf Schneider


Vor vielen Jahren fragte ich mich einmal, was es eigentlich ist, was ich so tagaus tagein tue. Was ist es, im tiefsten wesentlichen Kern? Meine Antwort war: Entscheidungen zu treffen. Ich war damals zusammen mit meiner Freundin Leiter eines kleinen Sannyas-Ashrams in Mittelfranken, den ich zusammen mit ihr gegründet hatte. Dort lebten ungefähr zwölf Erwachsene und ein paar Kinder. Ich war sowohl wirtschaftlich wie spirituell für unsere kleine Gemeinschaft verantwortlich. Es war für mich die bis dato größte Herausforderung im Leben und jeden Tag stellte ich mir neu die Frage, ob ich ihr gewachsen war. So viel Verantwortung!!! Ich war doch erst 28 Jahre alt. Einige von denen, die sich mir anvertraut hatten, waren wesentlich älter, und ich hatte nicht nur zu entscheiden, wo sie innerhalb unseres Ashrams täglich zu arbeiten hatten, sondern auch, welche Meditation sie praktizieren sollten (es sei denn, ich wollte sie das selbst entscheiden lassen).
Nach einer gründlichen Untersuchung dessen, was ich hier eigentlich tat, kam ich zu dem Schluss, dass das Wesentliche meines Tuns ein Treffen von Entscheidungen war. Und nicht etwa in dem Sinne: Für mich ist das so, für die anderen nicht, sondern: Für mich ist das so, für alle anderen auch! Und wenn sie drauf kommen, dass das auch für sie so ist, dann – gratuliere! Mir selbst und ihnen. Dann würden wir uns jedenfalls viel besser verstehen.

Du kommst nicht drumrum
Das Leben ist eine Folge von Entscheidungen. Für alle Menschen ist das so, sogar für alle Tiere, die sich bewegen können, die sich also entscheiden können, ob sie ihren Körper hierhin oder dorthin bewegen, und sei es auch nur, dass sie ihre Nase auf einen Duft hin ausrichten. Das zu können, dazu sind wir von Natur her ausgestattet. Im Falle von uns Menschen mit einem großen, leistungsfähigen Gehirn, das locker zwei oder zwölf Optionen miteinander vergleichen kann und sich dann für die beste entscheidet. Was von uns als beste Option betrachtet wird, auch das ist weitgehend biologisch vorgegeben durch unsere Bedürfnisse: Essen & Trinken, Schutz, Kontakt, Sex, Anerkennung und Sinnfindung in dem sozialen Kontext, in dem wir beheimatet sind. Ob hierbei mehr unser Reptilienhirn entscheidet und unseren Bewegungapparat steuert, bevor die Entscheidung unsere Bewusstsein erlangt, oder ob es unsere Großhirnrinde tut, ist hierbei im Prinzip egal.
So entscheiden wir nun, Minute für Minute, Sekunde für Sekunde, je nach Informiertheit und sozialer Prägung. Wir wählen die uns als optimal erscheinende Variante und erschaffen so unseren Lebensweg. Sogar dann, wenn wir uns entscheiden, uns nicht zu entscheiden, so wie die Hikikomori in Japan oder die spirituellen Sucher, die Ramesh Balsekar falsch verstanden haben – auch dann ist das eine Entscheidung, die Konsequenzen hat.

Entscheidungen verbessern
Ja, es gibt Schicksalsschläge. Aber sie lassen uns Freiräume. Innerhalb dieser Freiräume bestimmen unsere Entscheidungen unseren Lebensweg. Was wir erleben, brauchen wir nicht hinzunehmen, weil »es ist, wie es ist«. Weil wir eben nur diese und nicht jene Talente haben und die meisten von uns nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurden (wobei auch das ein Fluch sein kann). Sondern wir können unsere Entscheidungsprozesse verbessern. Wir können lernen, uns besser zu entscheiden, zum Beispiel nach der WRAP-Methode, die von Chip und Stan Heath an den US-Universitäten Standford und Duke entwickelt wurde. Gemäß den Brüdern Heath verlaufen gute Entscheidungen in den folgenden vier Schritten ab.

Die WRAP-Methode
W wie das Weiten der Wahrnehmung von Alternativen. Die meisten von uns erkennen bei wichtigen Lebensentscheidungen nur zwei Alternativen (oder empfinden ihre Entscheidung sogar als alternativlos). Wer seine Wahrnehmung weitet, sieht jedoch immer viel mehr Optionen als nur zwei.
R wie Realitätsprüfung. Wir alle fixieren uns gerne auf eine favorisierte Sichtweise (und folglich Entscheidungsoption). Für die haben wir uns dann innerlich schon vorab entschieden, haben also ein »Vorurteil« getroffen. Besonders den im positiven Denken geübten Spiris ist diese Prüfung zu empfehlen, denn besonders sie neigen dazu, das auszublenden, was der von ihnen erwählten »positiven« Option widerspricht. Das nennt die Wissenschaft confirmation bias (Selbstbestätigung). Kurzfristig fühlt man sich damit gut, weil bestätigt. Die Ausblendung wichtiger Tatsachen führt jedoch zu schlechteren Entscheidungen als sie nicht positiv affirmierende Menschen treffen.
A wie Abstand gewinnen: Lasse die Entscheidung eine Weile ruhen. Überschlafe sie. Frag dich nach der 10/10/10 Regel, wo du mit dieser Entscheidung in 10 Minuten, 10 Monaten und 10 Jahren stehen wirst. (Das gilt für große Entscheidungen. Ob ich jetzt als Vorspeise eingelegte Oliven oder Artischockenherzen bestelle, hat nach 10 Monaten keine feststellbare Wirkung mehr. Aber das Prinzip ist bei kleinen Entscheidungen dasselbe.)
P wie Problemvorsorge. »Ja, mach nur einen Plan… «, schrieb Bert Brecht in der Dreigroschenoper, aber der preußische General Moltke wusste: »Kein Plan überlebt die erste Feindberührung.« Auch optimal Durchdachtes kann schiefgehen, und was dann? Wir können uns innerlich auf das Scheitern vorbereiten, ohne es damit »herbeizurufen«. Sogar auf den Super-GAU, das schlimmstmögliche Ergebnis, können wir uns innerlich vorbereiten und erlangen damit eine gewisse outcome independence – emotionale Unabhängigkeit gegenüber dem Ergebnis unserer Entscheidung. Was ebenfalls unsere Entscheidungen verbessert im Vergleich mit denen, die im Affekt oder spontan getroffen werden.

Kopf oder Bauch?
Und was ist mit der Intuition und den Bauchentscheidungen? Die sind nur dann besser als die Kopfentscheidungen, wenn man das Gebiet, für das die Entscheidung getroffen wird, so gut kennt, dass die vorhandene, entscheidungsrelevante Datenmenge so groß ist, dass der Kopf den Fall in der dafür verfügbaren Zeit nicht durchdenken kann. Klar, das wusstest du schon, und nun ist es auch wissenschaftlich bestätigt worden (von Daniel Kahnemann und Gary Klein, 2009).
Für vieles, was du »schon weißt«, gilt allerdings das Gegenteil: Hat dein Astrotyp einen Einfluss auf deinen Lebensweg? Nur in dem Maße wie du und deine soziale Umgebung das glauben, und selbst dann ist der Einfluss minimal. Sagt die Wissenschaft. Bei der Frage, ob Kopf oder Bauch, weiß die Wissenschaft jedoch, dass im Falle von sachlich geringer Kenntnis der Kopf (das lineare Denken) besser entscheidet, ab einer gewissen entscheidungsrelevanten Datenmenge der Bauch (die Intuition).

Quellen: u.a. Andreas Huber und Axel Wolf in Psychologie Heute 9/2014.

Der Autor Wolf Schneider, Jg. 1952, ist freier Autor, Redakteur und Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: www.connection.de


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