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Ausgabe April 2014
Innere Schätze. Von Wolf Schneider


Wenn man das, was die Naturwissenschaften über die Welt wissen, zur »Weltanschauung« macht – und das tun die meisten der heute in der Welt politisch Tätigen – dann werden unsere inneren Schätze nicht wirklich gewürdigt. Und mit „inneren Schätzen“ meine ich hier natürlich nicht Leber, Herz und Nieren und auch nicht das Gehirn mit seinen 100 Milliarden Neuronen und noch viel mehr Synapsen, sondern das, was wir vorfinden, wenn wir die Augen schließen und „nach innen gehen“. Also unsere Träume, Sehnsüchte und Befürchtungen, unsere Gefühle und Gedanken und auch all die körperlichen Empfindungen, auf die wir dabei treffen, die dann wieder Assoziationen wecken, innere Bilder und ganze Ketten aufeinander folgender Gedanken.
Sind das wirklich Schätze? Oder stört das alles uns leistungsorientierte Menschen nur, die wir doch in der Außenwelt etwas erreichen wollen? Sogar die Meditierer scheint es zu stören, dass sie Gedanken haben und Gefühle und dass der Rücken schmerzt, während sie doch eigentlich nur das Rein- und Rausfließen ihres Atems beobachten wollen. Schätze??? Wir wollen doch lieber klar fokussiert sein auf unsere Lebensziele. Und wenn wir uns schon mal hinsetzen zum Meditieren, dann sollte unser Geist doch, verdammt noch mal, sich endlich entspannen und innerlich leer werden.

Traum und Wirklichkeit
Dabei sind unsere Innenwelten gewissermaßen „die halbe Welt“. Aber nicht so, wie man die Welt in Ost und West, Süd und Nord oder Frauen und Männer einteilt, sondern noch viel enger miteinander verbunden. Auch wenn wir als Realisten die Außenwelt mit unseren Sinnen wahrnehmen, ohne große Wahnvorstellungen und allzu viel an Befürchtung oder Hoffnung, nehmen wir von ihr nur ein Bild, Geräusch, einen Geschmack oder Geruch wahr. Der Duft, der von einem Essen zu uns herüber weht ist nicht das Essen, und ebenso ist das, was ich von einem Stück Brot auf meinem Teller sehe, nicht das Brot, sondern es ist nur ein visueller Eindruck – die Photonen, die da vom Brot zu meinem Auge rüberfliegen oder elektromagnetische Wellen, die meine Netzhaust berühren – für Bienen sehen dieselben Dinge ganz anders aus und Fledermäuse hören denselben Vorgang ganz anders.
Und wenn schon diese Bilder von der Welt, die wir gegenwärtig sehen, nur Bilder sind und nicht die Welt, wie viel mehr gilt das von unseren in der Erinnerung gespeicherten Bildern oder denen, die wir als Hoffnung oder Befürchtung in uns tragen und glauben in Zukunft in der Realität sehen zu können? Den Unterschied zwischen beidem zu kennen erspart uns die Einlieferung in die Klapse, und doch ist beides in gewisser Hinsicht irreal: die tatsächlich erlebte Wirklichkeit und der Traum. Oder auch: Beides ist real! Denn wir erleben es ja.

Die Einzigartigkeit des Inneren
Aufgrund der phänomenalen Erfolge der Naturwissenschaften hat unsere Kultur – die westliche, die nun weitgehend Weltkultur geworden ist – die Schätze der Außenwelt gegenüber denen der Innenwelten überbewertet. Die Erfolge der Naturwissenschaften im Verständnis der Außenwelt lassen sich jedoch nicht auf die Innenwelten übertragen, denn sie basieren auf Vergleichen und der Wiederholbarkeit von Experimenten, während das innere Erleben sich nicht wirklich vergleichen lässt. Oder kannst du meinen Traum wiederholen, so dass du mir glaubst, dass ich ihn hatte?
Keine zwei Träume sind einander gleich und auch keine zwei Empfindungen, Erinnerungen, Sehnsüchte. Jede Hoffnung und jede Melancholie ist eigen und unvergleichlich und das Einander-Verstehen gelingt nicht, indem man zwei Träumen nebeneinander legt und misst, welcher von beiden der Breitere ist, sondern indem man sie erzählt, aufzeichnet oder ein Lied dazu komponiert. Dann ahnt der andere vielleicht: Ah, solche Träume habe ich auch! Und ist beglückt. Aber eine Ahnung ist kein Beweis. Meine Empathie beweist nicht, dass ich so fühle wie du. Aber sie lässt mich (mit)fühlen, verstehen und handeln, und dieses Handeln geschieht in der wirklichsten aller Welten, der Außenwelt.

Fakt gilt mehr als Fiktion
So wie die Wissenschaften sich mit der Beschaffenheit und Erklärung des Äußeren beschäftigen, so beschäftigen sich die Künste mit dem Ausdruck und der Vermittlung des Inneren. Deshalb haben wir neben den Sachbüchern die Belletristik und neben den Dokumentarfilmen die Spielfilme und das Theater. In den Worten der heutigen Weltsprache: Neben fact gibt es auch fiction. Unsere Literaturen und Filmkünste bewerten den Bereich der Fakten nicht höher als den der Fiktion, dazu braucht man sich nur mal das TV-Programm und die Verkaufszahlen der Bücher anzusehen. Aber unsere diversen Alltagsphilosophien, unser common sense und entsprechend die uns beherrschenden Institutionen in Politik und Wirtschaft, bewerten das Faktische gegenüber dem Fiktiven viel höher. Und das hat Folgen. Eine davon ist unsere unablässig wachsende Konsumwirtschaft mit ihrer unverminderten Naturzerstörung.
Eine Welt, in der das Fiktive gegenüber dem Faktischen so hoch bewertet wird wie Künstler es tun, wäre milder, freundlicher, und sie bräuchte dabei die Unterscheidung zwischen beidem nicht zu verwässern. Auch wenn das Innere mit dem Äußern unablässig interagiert, so dass man oft nicht weiß, wo das eine anfängt und das andere beginnt, ist es sehr, sehr nützlich, Fakten von Fiktion unterscheiden zu können. Zwischen Lüge oder Illusion und Wahrheit ist der Unterschied riesengroß! Und doch sind auch die Wahrheiten Erfindungen.

Der verwilderte Garten des Inneren
Das Innere ist wichtig, es ist die Quelle der Motivation unserer das Äußere gestaltenden Handlungen, und das Äußere wirkt wieder ein auf das, was wir fühlen, denken, hoffen und befürchten. Aber ist das Innere wirklich eine Schatzkammer? Liegt dort nicht neben all den Schätzen auch viel Müll herum? Ist es nicht eher so wie ein verwilderter Garten, voller Kraut, aber auch Unkraut? Was wir in der Außenwelt als richtig und was als falsch (oder so wie beim Müll: am falschen Platz) bezeichnen, so ähnlich ist es wohl auch in den Innenwelten: Jener Gedanke oder dieses Gefühl, das ich das jetzt gerade habe, ist ja nicht grundsätzlich schlecht, aber muss ich es gerade jetzt haben? Aufräumen zu können ist ein Anspruch, den wir an unsere Innenwelten kaum weniger stellen als an die Außenwelten. Und was ein Schatz ist und was stört, ist in beiden Fällen eine Sache der Bewertung.

Schätze inmitten von Müll
Ich denke, dass wir uns in den Außen- wie den Innenwelten auf die Schätze fokussieren sollten, nicht auf den Müll. Es wird ja erst aus der Sicht der Schätze etwas als Müll definiert. Und da beides miteinander zusammenhängt, wie alles in der Welt, geht man als Verehrer und Betreuer von Schätzen anders mit dem Müll um. Dann wird der Meditierer sich nicht mehr so sehr von störenden Gedanken befreien wollen, woraufhin sie ja meist noch mehr stören. Und der Gärtner wird zwar die Blumen und das Gemüse pflegen, dabei aber nicht mehr einen unkrautfreien Garten beanspruchen. Und der Therapeut wird neben den Störungen und Blockaden auch das Fließen, die Freude und das Glück sehen und die Ärztin oder Heilerin neben dem, was krank ist, auch in schweren Fällen die gesunden Teile des Körpers und der Psyche im Blick behalten.

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett.


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