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Ausgabe November 2013
Reden reicht nicht. Steve Hofmann

Körperarbeit bei der Bewältigung von Stress und Trauma

Die Reaktion des Körpers auf Trauma
Lange Zeit wurden Stress und Trauma in Therapie und Coaching als ein rein psychisches Problem betrachtet und behandelt. Dabei kann es kein emotionales Erleben ohne entsprechende Veränderungen in der (Neuro-)Physiologie des Menschen geben. Emotion ist „E-nergy in motion“, ist Energie, die sich durch den Körper bewegt oder irgendwo gestaut ist und deswegen nicht voll gefühlt und zum Ausdruck gebracht werden kann.
Der international anerkannte Trauma-Experte Peter Levine, Erfinder des körperorientierten Verfahrens „Somatic Experiencing“, vergleicht das energetische System unseres Körpers mit einem Slinky: Normalerweise schwingen wir auf einem gleichmäßigen energetischen Niveau, Atmung und Blutdruck sind normal. Wenn wir jedoch unter einer Belastung stehen, etwa eine wichtige Verabredung einhalten müssen oder Sport im Fitness-Studio machen, erhöht sich der Ausschlag, wird unregelmäßiger, die Atemfrequenz steigt, Neurotransmitter wie Adrenalin oder Kortisol werden vermehrt ins Blut ausgeschüttet, unser Energiepegel erhöht sich, wir sind wacher etc.
Im Falle von Trauma ist das energetische Niveau im Körper so hoch, dass der Körper „zumacht“, um uns vor einer Überflutung mit Erregung zu beschützen. Trauma soll hier verstanden werden als jede Art von Erregung, die unsere normalen Bewältigungsstragien und Bewältigungsmechnismen überwältigt. Um ein „Durchbrennen“ infolge der hohen Erregungsenergie zu verhindern, wird diese unterdrückt und in chronische physische Spannung umgewandelt. Die so festgehaltene Energie wird nicht abgebaut und verbleibt in Form chronischer Anspannung im System des betroffenen Menschen. Das Nervensystem bleibt alarmiert, als ob der Körper sich noch in Gefahr befindet.
Von der erhöhten muskulären Spannung ist ein großer Muskel, der eigentlich aus zwei großen Muskeln besteht, besonders betroffen: Der Psoas. Er füllt die Beckenschaufel aus und verbindet die Oberschenkel und das Hüftgelenk mit der Wirbelsäule des unteren Rückens. Da er den Unter- mit dem Oberkörper verbindet, ist er auf das Engste mit dem menschlichen Angriff-oder-Flucht-Reaktionsschema verbunden, nämlich wenn wir auf der Flucht vor einem Angreifer weglaufen oder uns zum Angriff auf ihn hinbewegen wollen. Zudem spielt der Psoas eine wichtige Rolle beim Beugen der Wirbelsäule, was ein weiterer natürlicher Schutzmechanismus ist: Da der Bauchraum offen und ungeschützt ist, kauern wir uns in Gefahrensituationen zusammen, wodurch diese empfindliche Region besser geschützt wird. Rückenschmerzen im Bereich der unteren Wirbelsäule sind häufig das Ergebnis eines angespannten Psoas und können ein Hinweis erhöhten Stress oder eine Reaktion auf ein schwieriges Ereignis sein.

Den Weg in die Freiheit zittern
Mit seinen Tension Releasing Exercises (TRE) hat der Amerikaner Dr. David Berceli eine einfache und praktische Methode entwickelt, mit der sich Stress und Anspannung aus Körper, Geist und Seele schütteln lassen. Dr. David Berceli machte während seiner humanitären Arbeit im Nahen Osten Ende der 1970er Jahre eine aufregende Entdeckung: Die Körper seiner Kollegen aus den internationalen humanitären Hilfsorganisationen reagierten alle in exakt der gleichen Weise, wenn z. B. wieder einmal ein Bombenangriff in vollem Gange war. Wie auf Verabredung zuckten und kauerten sich alle bei einer erneuten Detonation zusammen. Dass die Erwachsenen teilweise viel größere Probleme bei der Bewältigung ihrer Erlebnisse hatten als Kinder, führte Berceli darauf zurück, dass Kinder nach einem belastenden Ereignis am ganzen Leib zitterten und ihren Schock dadurch im wahrsten Sinne des Wortes abschüttelten. Aus bisher ungeklärten Gründen kommt diese natürliche Reaktion des Körpers bei Erwachsenen im Laufe ihres Lebens abhanden oder zumindest lernen sie, ihn zu unterdrücken. Wenn man gestressten oder traumatisierten Menschen also helfen könnte, diesen Zittermechanismus zu aktivieren, könnte der Körper seine Reaktion auf das belastende Ereignis in einem sicheren Rahmen zu Ende führen und sich wieder entspannen.
Im Laufe seiner Forschungen gelangte Berceli immer mehr zu der Überzeugung, dass Trauma und seine Folgen vor allem ein neurophysiologisches und kein psychologisches Problem sind. Außerdem erkannte er den Vorteil eines rein körperorientierten Ansatzes beim Umgang mit Stress und Trauma, da wir Menschen unabhängig von unserer Herkunft über denselben Körper verfügen. TRE kann von jedermann - unabhängig von Kultur, Rasse oder Religion - erlernt und angewendet werden, ohne die Hilfe eines Anleiters oder Therapeuten. Im Gegensatz zu anderen körperorientierten Ansätzen ist ein Durcharbeiten und Wiedererinnern emotional aufgeladener Situationen nicht notwendig und wird auch nicht angestrebt. Durch TRE setzt ein leichtes Zittern der Muskulatur ein, wodurch in der Muskulatur eingefrorene Erregungsenergie schrittweise abgebaut wird. Dies wird immer so dosiert, wie es für den Anwender gut integrierbar ist. Der Klient lernt, wie er in einer für ihn verträglichen Weise seinen Körper (und somit seinen Geist) dazu bringen kann, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
Viele Methoden lehren, dass positives Denken gegen negative Gedankenmuster helfe. Doch diese sind häufig das Ergebnis von Post-Stress/Post-Trauma und der im Körper verbliebenen negativen Ladung. Ist erst einmal genügend Spannung abgebaut, organisieren sich die Gedankenmuster häufig ganz wie von selbst neu. Doch umgekehrt können negative Gedankenmuster, ein schlechtes Selbstbild usw. auch dazu führen, dass ständig wieder neue Spannung im Körper erzeugt wird. Daher ist es häufig sinnvoll, in therapeutischen oder Coaching-Prozessen sowohl auf der Ebene des Körpers als auch auf der mentalen Ebene zu arbeiten. Wenn schließlich genügend Spannung abgebaut ist, kommt es mitunter vor, dass Klienten sich an eine bestimmte verdrängte Situation erinnern. Allerdings ist durch die Durchführung der Spannungsabbau-Übungen die damit verbundene emotionale Ladung bereits abgebaut. In dem Moment, wo die Erinnerung an die auslösende Situation emotional gegen Null tendiert, kann das Unbewusste die verdrängte Erinnerung wieder freigeben. Der Knoten im System ist gelöst und das verdrängte Ereignis wird vollständig integriert.



Der Autor Steve Hofmann praktiziert NLP und körperorientiertes Coaching mit Schwerpunkt Stress und Stressprävention in Berlin.
www.nlp-und-koerperarbeit-berlin.net


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