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Ausgabe Januar 2013
Seelenheiler. Von Kurt Fenkart

Die Kontaktaufnahme mit den Geistern der Anderswelt ist die höchste Kunst der schamanischen Praxis. Kurt Fenkart ist einer der wenigen Europäer, die an den geheimen schamanischen Ritualen verschiedenster Naturvölker teilnehmen durfte. Seine faszinierenden Erfahrungsberichte beweisen: Geister können dem Menschen tatsächlich helfen.


Erste Begegnung
Es war dunkel, nur das Mondlicht schien fahl in die Hütte. Ich lag auf dem Boden und wartete. Wartete darauf, dass die Wirkung des Ayahuascas einsetzte, wie die anderen auch. Miguel, der Schamane, hatte uns zu einer Heilungszeremonie eingeladen. …
Wir lagen auf Matten, hatten leichte Wolldecken über uns gelegt und harrten gespannt, nervös und etwas bang der Dinge, die da auf uns zukommen sollten. Denn niemand wusste, was geschehen würde, sobald die Wirkung des Gebräus einsetzte, das wir zu uns genommen hatten, und der Spirit des Ayahuascas seine Arbeit aufnahm. … In seinem gebrochenen Englisch hatte uns Miguel die Regeln erklärt, anschließend verschloss er die Tür, die nach draußen führte, und verabreichte uns die Mischung aus den Meisterpflanzen. Sie schmeckte ausgesprochen eklig.
Und nun lagen wir also mehr oder weniger ruhig da und versuchten uns zu entspannen. Ich schloss die Augen und muss wohl irgendwann eingeschlafen sein. … Im Traum erschienen mir Dämonen mit Fratzen wie aus einem schlechten Horrorfilm. Völlig verschreckt versuchte ich das Wachbewusstsein wiederzuerlangen.
Jetzt bloß nicht wieder einschlafen, um den Dämonen nicht noch einmal zu begegnen. Darauf hatte uns Miguel nicht vorbereitet. Und es wurde nur schlimmer. Mir war inzwischen leicht übel. Ich schlief nicht, war aber auch nicht wach. Kaum schloss ich die Augen, schossen die Dämonenfratzen wieder auf mich zu. Zombies mit verwesenden Gesichtern, wie Leichen, die zum Leben erwacht waren. Was für ein Horror! Und dazu die Angst, die große Angst, die ich empfand. Meine Übelkeit verstärkte sich. Doch ich konnte mich den Dämonenfratzen nicht entziehen. Zwischendurch zeigten sich auch normale, menschliche Gesichter, die mich verspotteten und auslachten. Andere hatten Masken auf, wie im Fasching. Sie alle stürzten kurz auf mich zu, als wollten sie mir einen Schreck einjagen, dann waren sie wieder verschwunden.
Ein Teil von mir hätte sich gern aufgerichtet, um diesem Schreckensszenario zu entkommen, letztlich aber war mir klar, dass ich dazu nicht imstande sein würde. Also ließ ich mich einfach weiter treiben und überließ mich den Visionen, die mich heimsuchten. Manche davon waren jetzt sogar recht hübsch anzusehen: farbige Lichtmuster in rascher Bewegung. Doch kaum hatte ich mich darauf eingestellt, verwandelten sie sich auch schon wieder in diese abscheulichen Fratzen. Und dann hörte ich eine Stimme. Laut und vernehmlich sagte sie zu mir: „Das sind die Dämonen, die du anziehst.“
Wie bitte? Ich sollte Dämonen anziehen? Für mich war das erst einmal ein Schock. Dann kam eine diffuse Angst hinzu. Und entschiedene Ablehnung. Ich wollte das alles nicht, keine bösartigen Gestalten, keine Dämonen, die mich umgaben und nichts anderes im Sinn zu haben schienen, als mir Schaden zuzufügen. Und ich sollte sie auch noch angezogen haben? Nein!
Und wieder löste sich aus den hübschen farbigen Lichtmustern eine Gruselgestalt, ein Auge halb ausgelaufen, das andere weiß und starr. Sie kam auf mich zu, am liebsten wäre ich davongelaufen, aber das ging natürlich nicht.
In meiner Verzweiflung rollte ich mich auf der Matte zusammen und versuchte mir die Wolldecke über den Kopf zu ziehen. Nur nichts sehen. Nicht diese Fratzen. Nicht diese Dämonen. Doch dann hörte ich wieder die Stimme in meinem Kopf: „Du kannst dich ihnen nicht entziehen, denn sie gehören zu dir. Du selbst bist es, der sie nährt: Mit jedem negativen Gedanken, mit jedem negativen Gefühl – mit Ärger, Zorn, Hass – nährst du sie, rufst du sie herbei.“ …

Die Dämonen, von denen wir verfolgt werden, sind tatsächlich nichts Fremdes, nichts von außen Kommendes, sondern ebendiese negativen Gefühle, die uns immer wieder heimsuchen.

Doch es hilft ja nichts: Wir müssen uns ihnen stellen, wenn wir heil werden wollen.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diesen Konfrontationsprozess in Gang zu setzen, eine davon sind Rituale mit psychoaktiven Substanzen wie dem Ayahusca. Denn der Spirit des Ayahuascas ist ein Heiler: der Heiler, der diese Dämonen freisetzt, ihre Energien in uns löst und lockert. …
Von Minute zu Minute fühlte ich mich schlechter. Ein Brechreiz stieg in mir auf, den ich bald nicht mehr unterdrücken konnte. Mühsam richtete ich mich auf, griff nach dem schwarzen Beutel neben meiner Liege und erbrach mich. Es war, als würden sich Unmengen negativer Energie aus meinem Mund ergießen. Was für eine Erleichterung! …
Als Faustregel könne gelten: Je mehr negative Energie aus einem Menschen austrete, desto besser sei es. (Wobei natürlich nur austreten kann, was vorhanden ist. Wenn ein Mensch von vornherein wenig negative Energien hat: umso besser.) Es hänge alles vom Charakter des Betreffenden und von seinen Erlebnissen und Erfahrungen der Vergangenheit ab.
Eine schamanische Heilzeremonie dient also immer auch der Reinigung. Und die Spirits sind es, die sie auslösen und befördern. Substanzen irgendeiner Art sind dafür nicht unbedingt nötig. Aber ohne die Geister … ohne die Geister geht gar nichts.


Der Autor Kurt J. Fenkart ist einer der profiliertesten Vertreter eines modernen, lebendigen Schamanismus. Seine Forschungsreisen führten ihn u.a. nach Peru, Ladakh, Nepal und Bali, wo er faszinierende Erfahrungen mit den schamanischen Traditionen sammelte. 2005 gründete er zusammen mit seiner Frau die Internationale Akademie für Schamanismus in Ried

Buchtipp: Kurt Fenkart, Die Geister des Schamanen - Unsichtbare Heiler, Helfer und Berater in der schamanischen Praxis, 304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 17,99


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