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Ausgabe Dezember 2012
Loslassen, Achtsamkeit und Selbstverantwortung. Interview mit Hermann Ricker

Hermann Ricker oder Meister Han Shan antwortet auf die Fragen von Christian Salvesen

Der erfolgreiche deutsche Unternehmer Hermann -Ricker beschloss aufgrund eines Autounfalls, buddhistischer Mönch zu werden. Seine Bücher sind Bestseller, seine Vorträge und Meditationsretreats sehr gefragt. Im Gepräch mit Christian Salvesen spricht er über seine Lebenseinstellung und Lehre.


Meister Han Shan, was verstehen Sie unter Loslassen?
Wirkliches Loslassen findet im mentalen Bereich statt. Etwa das Loslassen unserer mentalen Anhaftung zu den materiellen Gütern, von denen wir glauben, dass sie uns glücklich machen und ihnen deshalb große Bedeutung beimessen. Doch auch sie sind vergänglich und mit ihnen unser Glück, das wir an ihnen festmachen. Zum anderen, und das ist das Wichtigste, das Loslassen der Anhaftung an unsere eigenen Vorstellungen. Wir haben eine Vorstellung davon, wie andere Menschen und die Dinge um uns und in der Welt sein sollten. Das Anhaften an unsere Gedanken und Gefühle, die sich laufend ändern und uns im täglichen Leben doch sehr zu schaffen machen. Durch gestärkte Achtsamkeit können wir unsere mentalen Vorgänge beobachten. Wir lernen diese Vorgänge zu verstehen und versetzen uns dadurch in eine Position, die uns erlaubt damit angemessen umzugehen. Wir erkennen den mentalen Prozess realistisch, so wie er sich gerade entfaltet und lassen uns davon nicht hinweg tragen oder hineinziehen. Wir lassen los und bewahren uns dadurch unsere eigene Mitte, die uns stark bleiben lässt.


Können Sie Ihre Methode der Achtsamkeit beschreiben? Wie vermitteln Sie Achtsamkeit?
Die Methode der Achtsamkeit basiert auf den vier Punkten der Achtsamkeit, die alles beinhalten, was unser menschliches Sein ausmacht.
- Achtsamkeit auf den Körper
- Achtsamkeit auf die Grundstimmung (der unterliegende Gemütszustand)
- Achtsamkeit auf die Gefühle
- Achtsamkeit auf die Gedanken und Sinneswahrnehmungen
Ich nenne diese Methode des Achtsamkeitstrainings „Insight mind focusing“: Praktizierung der momentanen Achtsamkeit. Es bedeutet, die Achtsamkeit auf das zu richten, was uns jetzt gerade im Moment bewegt.


Welche Verbindung besteht zwischen Achtsamkeit und Loslassen?
Wenn man etwas loslassen möchte, muss man zuerst erkennen, dass man sich festhält. Dazu braucht es die Achtsamkeit. Durch unser Sicherheitsbedürfnis sind wir uns des Festhaltens nicht bewusst und berauben uns somit der Freiheit, unser Leben neu zu gestalten.


Sie waren ein erfolgreicher Unternehmer und sind – auch nach Ihrer Wendung zum buddhistischen Bettelmönch – wieder sehr erfolgreich als Buchautor und spiritueller Lehrer. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sich der Erfolg so durchgehalten hat?
Es ist wichtig, was immer man tut, es mit ganzem Herzen zu tun. Seine ganze Energie einzubringen. Dann wird auch das Resultat dementsprechend sein. Wenn man dazu noch Freude mit sich bringt, dann schafft man in sich selbst die beste Voraussetzung dafür, erfolgreich zu sein, was immer Erfolg für den einzelnen von uns bedeuten mag. Viele Male hält uns unsere eigene Vorstellung von dem, was passieren könnte, davon ab, unser Leben in der richtigen Art und Weise zu managen, obwohl wir eigentlich nicht wissen, ob sich unsere Vorstellungen jemals bewahrheiten. Mangelndes Selbstvertrauen, Angst vor der Zukunft, die unsicher macht, verhindern oft, dass wir den nächsten Schritt weitergehen. Wir lähmen uns selbst mit unseren selbst auferlegten Einschränkungen und bleiben in den Startlöchern kleben. Von Freude erfüllt und mit ganzem Herzen, Schritt für Schritt achtsam zu sein, gibt uns die wichtigste Sicherheit, durch unser Leben zu gehen.


Worin sehen Sie den Kern der Lehre Buddhas?
Die Lehre Buddhas basiert auf zwei ganz wichtigen grundlegenden Aspekten: Sich selbst kennenzulernen, und zwar nicht so, wie wir uns vorstellen zu sein, sondern so, wie unser menschliches Sein wirklich ist. Ganz realistisch. Dass alles Wissen, das zur wahren Selbsterkenntnis führt, schon bei uns angelegt ist. Wir müssen es nur freilegen und von Überlagerungen und Gewohnheiten befreien, die das schon vorhandene Wissen limitieren. Das führt uns zu den vier noblen Wahrheiten, dem Kern der Lehre Buddhas:
Die 1. Noble Wahrheit ist, dass unser menschliches Sein auf dieser Welt nach der Feststellung Buddhas nicht wirklich zufriedenstellend ist. Wir kommen auf die Welt, nicht wirklich wissend, wie das zustande kommt. Gehen durchs Leben, freuen uns, ärgern uns, sind traurig, sind enttäuscht, werden krank, wieder gesund, sammeln Besitztümer an und werden immer älter, bis wir eines Tages, auf welche Art auch immer, früher oder später, unser menschliches Dasein aufgeben müssen. Was können wir dann mitnehmen? Was gehört uns? Noch nicht einmal unser Körper gehört uns. Auch das, was nach unserem menschlichen Dasein kommt, ist für uns verschlossen. Deshalb bezeichnet der Buddha diese Art von Dasein als unbefriedigend.
Die 2. Noble Wahrheit ist zu verstehen, warum und wie wir in diesen Zustand der Vergänglichkeit und Unwissenheit hineingeraten sind.
Die 3. Noble Wahrheit ist zu erkennen, ob es Möglichkeiten gibt, uns aus diesem Zustand zu befreien. Jetzt, hier in unserem Leben. Gibt es da einen Weg, den man einschlagen kann, diesen Zustand zu ändern?
Die 4. Noble Wahrheit ist der achtfache noble Weg, den man einschlagen kann, als Lebensausrichtung. Er öffnet das Potenzial, diesen Zustand der Unwissenheit und Vergänglichkeit hinter uns zu lassen.


Ein Aspekt der Lehre ist wohl die Ichlosigkeit. Was bedeutet das für Sie, in Ihrem Leben? Wie lässt sich das vermitteln in einer westlichen Kultur, in der das Ich an erster Stelle steht?

Die sogenannte Ichlosigkeit bedeutet, die Hintergründe der wahren Realität unseres menschlichen Seins zu erkennen und zu verstehen und unsere Abhängigkeit von den universellen Energien wahrzunehmen, um dann sein Leben nach diesen Erkenntnissen auszurichten. Dadurch werden wir eingebettet in den universellen Fluss. Wir werden von ihm getragen, anstatt gegen den Fluss anzukämpfen und dadurch unsere Kraft zu vergeuden.


Wie ist Ihr Tagesablauf? Was ist Ihnen im Alltag wichtig? Worauf achten Sie ganz besonders?
Es ist wichtig für jeden Menschen, seine innere Mitte und damit seine Stärke zu bewahren. Sich nicht durch äußere Umstände in Situationen hineinziehen zu lassen, die das Potenzial haben, sich extrem negativ oder auch extrem positiv aufzubauen. Dazu ist geschärfte Achtsamkeit auf die jeweilige Situation nötig, die uns in die Lage versetzt, mental loszulassen. Dabei ist es für mich besonders wichtig, universelle Liebe und Mitgefühl für die Menschen zur Verfügung zu stellen, um sie in den jeweiligen Lebensumständen zu unterstützen.  


Was möchten Sie Ihren Lesern besonders ans Herz legen?
Es ist wichtig für jeden einzelnen zu verstehen, dass jede gewünschte Änderung im eigenen Leben bei einem selbst anfängt. So wie wir uns verändern, neues Wissen, neues Verständnis und neue Erkenntnisse bei uns selbst freilegen, so wird sich auch die Resonanz zu unserem Umfeld ändern. Neue Dinge, die zu unserer neuen Wahrnehmung und Denkweise passen, werden zu uns finden und unser Leben in ungeahnter Weise bereichern. Alles, was wir dazu brauchen, ist schon bei uns angelegt. Wir müssen es nur freilegen. Das Mittel dazu ist die Achtsamkeit.

Master Han Shan wurde als Hermann Ricker in Deutschland geboren und war viele Jahre lang Manager eines Konzerns in Asien. Nach einem dramatischen Autounfall überdachte er sein Leben völlig neu: 1995 entschied er sich, als buddhistischer Mönch zu leben; heute führt er in Thailand das Nava Disa Retreat Center und lehrt die Achtsamkeitskeitsmeditation INSIGHT Mind Focusing. Sein Buch Wer loslässt, hat zwei Hände frei avancierte zum Bestseller. Weitere Infos auf www.master-han-shan.de und www.navadisa.com

Buchtipp
Master Han Shan: Achtsamkeit. Die höchste Form des Selbstmanagements. Klappenbroschur, 256 S., Trinity, 18,95 €

DVD: Im Einklang mit dem Fluss des Lebens - DVD: Han Shan und der Weg der Achtsamkeit, Chanting und Meditationen. Mit kraftvollen Gesängen das Energiefeld reinigen und das Tor zur inneren Weisheit öffnen.


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