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Ausgabe Dezember 2012
Dem Lebendigen dienen. Andreas Krüger

Andreas Krüger im Gespräch mit Haidrun Schäfer über spirituelle Freiheit

Haidrun Schäfer: Die meisten Religionen beinhalten als zentrales Thema die Gottesidee. Mit welchem Gottesbild sind Sie aufgewachsen?
Andreas Krüger: Ich bin in eine formell protestantische Familie hineingeboren worden, die aber ihren Protestantismus außer zu Weihnachten eigentlich nicht praktizierte und pflegte. Ich hatte aber – was mein Leben sehr geprägt hat – eine religiöse Großmutter, die der Religionsgemeinschaft der neu-apostolischen Kirche angehörte, der ich heute durchaus kritisch gegenüber stehe, aber die mich damals geprägt hat. Es war die Vorstellung von einer Engelschaft, die direkt in unser Leben eingreift und unser Leben beeinflusst. Meine Oma hatte eine Kirchenzeitung mit dem Namen „Unsere Familie“. Aus dieser Zeitschrift las sie mir viele Engelsgeschichten vor, wo auf eine ganz kindliche Art und Weise Menschen aus dieser Religionsgemeinschaft berichteten, wie der Engel beim Reifenwechsel geholfen hat oder wie der Engel die Kinder betreut hat, die nachts aufgewacht sind, als die Eltern weg waren. Und so kam schon ganz früh in meinem Leben eine tiefe Beziehung zum Engel. Als doppelter Krebs bin ich ja leicht zu beeinflussen und nach Peter Orban bin ich als solcher jemand, den man nur zu fragen braucht, ob er heute beim Ringeltanz mitmacht und er sagt JA. Und genauso war es auch in meinem Leben: Hatte ich einen Freundeskreis, der indianisch orientiert war, war ich Indianer. Hatte ich einen Freundeskreis, der buddhistisch orientiert war, war ich Buddhist. Hatte ich eine Freundin, die Feministin war, wurde Alice Schwarzer zu meiner Päpstin und hatte ich einen chassidischen Rabbi als spirituellen Lehrer, dann war ich eben Chasside. Ich bin wirklich ein klassischer Poly-Spiritueller. Im Grunde bin ich ein hinduistisch-jüdisch-protestantischgeborener-ikonenküssender Indianer. Die Engel, die meine Oma in mein Leben brachte, haben mich NIE mehr verlassen. Und sie sind auch in meiner spirituellen Entwicklung meine einzige Konstante. Ich wollte zwischendurch zum Judentum konvertieren, ich wollte mich orthodox taufen lassen, weil ich ein so leidenschaftlicher Ikonenküsser war, ich wollte sogar kurzfristig katholisch werden, weil ich einfach mal meinen Gott essen und trinken wollte, aber zum Glück kam dann wieder ein neuer Scheinwerfer, der mich bestrahlte und damit konnte der doppelte Krebs in eine andere Richtung schauen. Heute würde ich sagen, dass es eine ganz schöne Eigenschaft ist, denn es gibt keine religiöse Gemeinschaft, mit der ich mich nicht schon einmal beschäftigt habe und somit habe ich, was religiöse Orientierung betrifft, ein offenes Herz und eine große Milde.
Warum ist der Glaube an eine höhere Macht für uns Menschen so wichtig?
Religion kommt von „religio“, also von Rückbindung und ich glaube, dass der Mensch, der keinerlei Rückbindung hat, verloren ist. Was mir bei meinen spirituellen Experimenten und religiösen Exkursen immer wichtig war – und da bin ich wiederum relativ dogmatisch –, ist, dass eine Rückbindung den Menschen immer freier machen muss. Das ist das Schöne am Schamanismus: Es gibt wenig zu glauben, aber alles zu erfahren. Im Protestantismus gibt es nichts zu erfahren und nur zu glauben: „Das Wort, Ihr sollet lassen stahn!“. Das ist für mich schwierig. Für mich bedeutet Spiritualität, den Menschen zu helfen, Erfahrungen zu machen und nur diese Erfahrungen haben einen tiefen Wert.
Haben Sie mystische Erfahrungen, also Gotteserfahrungen gemacht?
Ja, ich habe reale Engelerfahrungen in meinem Leben gemacht. Mir sind real Engel erschienen, die mir Botschaften gegeben haben und darum kann ich sagen, dass das „Engelhafte“ für mich ein Teil meiner Wirklichkeit geworden ist. Im Schamanismus ist es genauso: Mir ist die große Spinne, mir ist der große Wolf und auch der große Büffel erschienen. Ich habe persönlich sinnlichen Kontakt mit denen gehabt. Auch hatte ich Erlebnisse in meinem spirituellen Sein, die in die Richtung von Wahrnehmung von Nicht-Dualität gehen – Momente, wo ich mich wirklich mit allem und jedem verbunden fühlte und es kein Du und kein Ich gab. Das waren immer nur Minuten – zwar wunderbar, aber ohne neue religiöse Orientierung. Ich glaube auch nicht, dass man diesen Zustand trainieren kann. Entweder es packt einen irgendwann oder es packt einen nicht.
Warum kann das überhaupt funktionieren, dass wir ab und zu Zugang zu göttlichen Quellen finden?
Weil dieses Göttliche – in uns, aber auch als Begrifflichkeit – eine Matrix ist. So etwas wie ein guter Lehrer, wie eine gute Geliebte, wie ein gutes Buch, wie ein gutes Lied oder wie ein gutes Gedicht – auf jeden Fall etwas, an dem sich unsere Seele erbauen kann. Wenn ich Lord Shiva verehre, ihn besinge und seine Mantren singe oder sein Yoga mache, dann schließe ich mich an die Energie von Lord Shiva an.
Wenn ich Jesus Christus als Manifestation des Göttlichen folge, schließe ich mich ihm an. Spirituelle Arbeit oder spirituelle Rückbindung ist auch immer Matrix-Arbeit. Ich erbaue mich an diesem Göttlichen, dem ich mich zuwende, dem ich nacheifere. Die Freimaurer nennen den lieben Gott den „Weltenbaumeister“. Hahnemann war ja Freimaurer und sagte, dass der Weltenbaumeister uns einen Plan mitgibt, wie wir zu sein haben oder wie wir sein könnten.
Ich würde sagen, dass es fast egal ist, in welche Richtung ich mich orientiere, wenn das, woran ich mich orientiere – frei nach Vywamus – „wirklich dem Lebendigen dient“. Und ich würde noch hinzufügen: „und der Freiheit dient“. Alles, was der Lebendigkeit und der Freiheit dient, ist für mich spirituell total akzeptabel und das durchaus in einer großen Vielfalt. Ich finde es normal, dass ein Mensch in die Fülle geht. Ich habe neulich mit einem Anthropologen über Beziehungsmuster gesprochen und es ging darum, ob nun Polyamorie oder Monoamorie normal sei. Dieser Anthropologe sagte, dass es keinen Grund gibt, ein Argument dafür zu finden, warum ein Mensch polyamorisch ist, wenn man die gesamte Zeit der menschlichen Entwicklung betrachtet. Man muss eher Argumente dafür finden, wenn man monoamorisch lebt, weil wir das die meiste Zeit nicht getan haben. Wir haben die meiste Zeit polyamorisch gelebt, weil wir als Menschen mehrere Menschen lieben können. Genauso ist es mit Gott, den wir in seiner Vielgestaltigkeit lieben. Dafür muss es doch keinen Grund geben! Vielmehr muss es einen Grund geben, wenn jemand NUR katholisch oder NUR hinduistischen Glaubens ist. Denn auch Gott ist poly und der Mensch sieht Gott als poly, weil er es kann!
Das Leben ist vielfältig, die Menschen sind vielfältig – warum sollte da Gott eine Ausnahme sein? In diesem Sinne: Weiterhin viel Erfolg auf Ihrem Weg.


Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst


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