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Ausgabe November 2012
Ein Schwert aus Licht - Vision oder Begegnung? Eine sehr persönliche Geschichte von Renate Anraths

Nach vielen Erlebnissen ist Renate Anraths davon überzeugt, dass es ein „Jenseits“ und ein Leben nach dem Tod gibt. Welche Rolle das Gehirn dabei spielt, ob es Bilder übermittelt oder ob es die Bilder aus dem (kollektiven?) Unterbewusstsein holt, wissen wir noch nicht. Als „Ungläubiger Thomas“ glaubt Renate Anraths nur, was sie erlebt. Hier erzählt sie von der Begegnung mit einem Engel, den sie mit ihrer Mutter erlebte.


Es war Freitagmittag, ich musste mich mit dem Kochen beeilen, wie immer. Da hörte ich meine Mutter mehrmals rufen. Ich eilte, Demente darf man nicht warten lassen. Sie sagte, sie müsse mit mir reden. Das Mittagessen winkte sie ab und beharrte, es müsse jetzt sein. Meine 93jährige Mama war eine liebenswürdige Lady, die selten kategorisch auf etwas bestand. Sie sagte, ein Engel sei gekommen. Wie bitte? Das ist ja eine Geschichte!
Ja, sie habe geschlafen, da wurde sie von einem Licht geblendet, davon sei sie wach geworden. In der Mitte des Zimmers stand ein Engel. Er habe ihr gesagt, sie müsse mit mir reden. Meine Mutter wirkte ganz klar. Ich wusste natürlich aus Erfahrung, je logischer etwas aus dementem Munde klingt, umso erfundener ist es! Um sie nicht zu verletzen, hörte ich höflich zu.

Mama kam meiner Ungläubigkeit zuvor, indem sie beteuerte, es sei ihr selber komisch vorgekommen. Des-halb habe sie sich gezwickt, ob sie nicht doch träume und habe die Augen weit offen gehalten - der Engel stand immer noch da. Groß, fast bis zur Zimmerdecke, in der Hand ein Schwert aus Licht.
Liebevoll zwickte sie mich. In ihren Augen kein dementer Schimmer. Ich begriff, dass ich ihr glaubte. Dazu muss man wissen, dass ich von Kindesbeinen an damit vertraut war, dass meine Mutter medial war, das Kartenlegen hat sie mir beigebracht. Ihre besondere Sensitivität änderte sich nicht durch die Demenz. Natürlich sah sie „Leute“, wie alle Dementen sie sehen, wobei wir nicht wissen können, ob und wann es „Einbildung“ ist. Wenn meine Mutter früher „so“ etwas vernahm, hat es sich immer bewahrheitet. Das gab es nicht bei ihr, dass sie sich später an die Stirn fasste und sagte: “Ach, da hab ich wohl was falsch verstanden!”
Meine Mutter wiederholte die Worte des Engels: „Du musst mit Renate reden. Ihr müsst Abschied voneinander nehmen, so, als würdest du sterben. Sagt euch alles, was ihr euch in dieser Situation sagen würdet.“ Meine Mutter fragte: „Werde ich sterben?“
„Nein, an dir wird eine Persönlichkeitsveränderung vorgenommen. Danach werdet ihr nie wieder so miteinander sprechen können. Das wird sehr schwer, für dich und für Renate. Ihr müsst das bald machen, denn es steht kurz bevor! “ Ich fragte meine Mutter, heißt das, du stirbst? Sie antwortete, nein, sie hätte das auch nochmal gefragt, aber der Engel hätte Nein gesagt und seine Worte wiederholt. Dann sei er verschwunden.

Mama sagte beeindruckt: “An mir wird eine Persönlichkeitsveränderung vorgenommen! Mein armes Kind, das wird schwer für dich”, und fügte leise hinzu: “Und für mich. Wir können dann nie wieder miteinander sprechen.” Sie weinte. Wir nahmen uns in die Arme und nahmen Abschied voneinander – wir sprachen darüber, wie schwierig unsere Beziehung war und wie viel Spaß wir jetzt hatten. Dass es Liebe wurde. Ich bat sie für mein Mundwerk um Verzeihung. Sie lächelte charmant und dankte, dass sie noch ein so schönes Leben haben „dürfe“. Fünf Jahre schon? Sie staunte. Dann fiel es ihr wieder ein, oh Gott!, es steht kurz bevor! Ich fragte bang, ob sie nicht doch stürbe. Nein, sondern? Ich war verblüfft, dass sie die Worte wiederholen konnte, die Demenz war wie weggewischt. Unser Gespräch am Sterbebett, das noch keines war, dauert eine gute Stunde. Dann knurrte der Magen, wir machten uns einen schönen Nachmittag mit Spaziergang und Café, das liebte sie sehr. Die Erinnerung an den Engel war weg.
Eine Woche später, es war Freitagmittag, musste ich ins Fingernagelstudio, abgebrochene „Pflegenägel“ machen sich vor der Kamera nicht gut. Meine Mutter war schwach, sie hatte einen extrem niedrigen Blutdruck. Ich erklärte ihr, das sei zwar unangenehm, aber nicht gefährlich. So hatten es mir die Ärzte erklärt. Mama sah mich nur an, wie so oft, wenn sie etwas nicht ändern konnte.

Als ich – ohne jede Vorahnung! – nach einer Stunde heimkam, lag meine Mutter seltsam da und konnte nur brabbeln. Am Nachmittag besserte es sich, am Abend wurde es schlimm. Alles lief schief. Niemand erkannte den Schlaganfall. Die Ärztin nicht, die Homöopathin nicht, der Pfleger nicht und mir war „Schlaganfall“ sowieso kein Begriff, darauf hatte mich niemand vorbereitet. Erst am nächsten Morgen kam sie in die Klinik. Zwei Tage später der nächste Schlaganfall, sie war nun rechtsseitig gelähmt und konnte kaum sprechen. Das war es, die Persönlichkeitsveränderung! Ich war fassungslos, dass ich das total vergessen hatte.
Meine Mutter konnte keine Wäsche mehr falten, kein Gemüse schälen, sie fühlte sich nutzlos. Schmusen ging bestens, Zeitung lesen wurde zum „leeren“ Ritual. Ohne Bewegung verkümmert das Gehirn, sagte schon Aristoteles. Sie hatte es schwer, aber erholte sich immer wieder. Viele halfen zusammen, Tochter, Pfleger und Spaziergänger, allen voran ein Homöopath und eine Heilerin. Deren Arbeit und Ammas erste Umarmung gehören zu den erstaunlichsten Erfahrungen dieser Zeit. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich haderte mit dem Engel. Warum hat er nicht einfach Schlaganfall gesagt, wenn er sich schon so deutlich artikulierte? Endlich verstand ich die Formulierung: Da wird eine Persönlichkeitsveränderung vorgenommen. Meine Mutter musste diese Erfahrung machen, über deren Sinn es keinen Sinn macht zu spekulieren. Wobei mir Djwahl Kuhl einfällt, der in der „Weißen Magie“ sagt, manche Menschen wählen eine Behinderung, wenn sie lernen müssen, Liebe anzunehmen. Geben fiel Mama leichter, wie vielen, die früh die Mutter verloren. In unseren neun Jahren hat sie gelernt, Liebe anzunehmen und darauf zu vertrauen, dass sie ihr zustand. Ich hoffe, es war genug - wobei man ja nie genug davon bekommen kann.
Als meine Mutter im Sterben lag, waren ihre Augen weit weg. Ob sie auch den Engel wiedersah? Ich konnte nur in Gedanken mit ihr reden, das tat weh, weil keine Antwort kam. Aber ich war sicher, dass sie mich hörte und bin getröstet, weil wir unser letztes Gespräch ja gehabt haben, damals vor vier Jahren.
Dem Engel sei Dank!


Die Autorin Renate Anraths ist Tarotberaterin und Astrologin in München - esoterische und klassische Astrologie, Spezialistin für Stundenhoroskope - und vertreibt „ Der tägliche Astrale Resonanzkalender“ von Aki Ahrens.

Büchertipps
Renate Anraths: Tarot – dem Leben in die Karten schauen, (Simon+ Leutner),
Tarot à la Carte, (Königsfurth),
Wasserkristall-Orakel (KoHa)


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