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Ausgabe September 2012
Anspruch des Miteinander. Andreas Krüger im Gespräch über eine Gratwanderung


Haidrun Schäfer: Sie stehen als Lehrer und als Therapeut in beiden Fällen als eine Art Autoritätsperson Ihren Schülern oder Klienten gegenüber. Wie bewältigen Sie die Gratwanderung einer Vorbildsfunktion mit dem demokratischen Anspruch des Miteinander?
Andreas Krüger: Ich gebe zu, es ist in der Tat eine Gratwanderung! Es ist viel leichter, sich auf eine Position des therapeutischen Pseudogurus zurückzuziehen, der alles weiß. Und als Lehrer ist es viel leichter – natürlich vordergründig leichter –, wenn man sich so verhält, wie mir mal ein Therapeut im Scherz sagte, als ich wieder mal darüber klagte, dass ein Schüler so ungerecht zu mir war, für den ich doch alles getan hatte: „Lassen Sie sich siezen. Gehen Sie nie mehr mit Ihren Schülern essen und erzählen Sie ihnen keine Geschichten von sich. So sind Sie viel weniger angreifbar, als wenn Sie der liebe Freund Andreas sind, der erzählt, wenn er gerade unglücklich ist oder Knieschmerzen hat.“
Mein Problem ist, dass ich mich nicht siezen lassen kann und ich kann auch NICHT keine persönlichen Verhältnisse zu meinen Schülern führen, denn ich muss mich mitteilen. Ich bin nun mal ein Doppelkrebs, d.h. Aszendent und Sonne stehen im Zeichen Krebs, und damit ist für mich Kontakt zu Menschen das Wichtigste, was es gibt.
Die Leibarbeit in unserer Schule ist für mich die intimste Form der Kommunikation, wo wir in einem Meer aus unendlicher Zärtlichkeit und unendlichem Vertrautsein baden und in dem ich mich auch von meinen Schülern behandeln lasse. Der Freudianer wäre entsetzt. Aber ich erlebe eine Ermutigung bei meinen Schülern, wenn sie meine Prozesse erfahren und sehen dürfen. Und natürlich gibt es immer wieder jemanden, der mit meiner Schwäche nicht umgehen kann und der mir seine Vater-übertragung ans Bein pinkelt – aber dann ist die Hose halt mal für zwei Tage nass. Dafür gibt es das andere, das als Geschenk entsteht, aus dieser tiefen Intimität zwischen Schüler und Lehrer, so dass ich die nasse Hose gerne in Kauf nehme.


Gibt es ein konkretes Beispiel?
Ein schönes Beispiel war das erste Seminar von Leonard Shaw im Jahr 2011 hier an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin. Er wird in Amerika als Gestalttherapiepapst verehrt und ich holte ihn an unsere Schule, um sein Seminar „Liebe und Vergebung“ zu veranstalten. Dieses Seminar berührte mich zutiefst, so sehr, dass ich ausgiebig weinte. In der Pause bat ich ihn um Rat, ob das ok ist, da die Hälfte der Teilnehmer meine Schüler und Patienten sind. Seine Antwort war: „Es ist einfach für die Gnade. Du bist in einer Matrix, in der du dich zeigst, in der du dich wirklich gibst, in der du ihnen Mut gibst, den Weg auch zu gehen.“ Das Schöne war, dass Leo auch während des Seminars weinen musste, wenn ihn etwas bewegte und vor allem, weil es das schönste Seminar überhaupt war. Leo ist Fritz Pearls Schüler und der machte es genauso: Er teilte ganz viel von sich, auch seine Ängste und das hat mich total ermutigt, dass diese ganzen bürgerlichen Abgrenzungen und Hierarchien nur Vorstellungen sind.


Wie gehen Ihre Schüler mit dieser Offenheit um?
Es kommen immer wieder Menschen an unsere Schule, die sagen, dass sie dieses Feld von Vertrautheit und Zärtlichkeit noch nie erlebt hätten. Eine Schülerin hat ihre Diplomarbeit über den Vergleich von der Samuel-Hahnemann-Schule und der Uni geschrieben und es gab einen ganz klaren Unterschied: An der Uni gibt es die Autorität zwischen dem Professor und seinem Studenten und an der SHS ist es ein alchemistischer Kochtopf, in dem der Lehrer genauso kocht wie der Schüler. Wir nennen unsere Homöopathie nicht umsonst prozess-orientierte Homöopathie, denn sie wird von einem Homöopathen ausgeführt, der selbst in einem Prozess ist. Und trotzdem bin ich meinen Schülern ein Vorbild – schließlich mache ich das schon 30 Jahre länger als sie. Aber das Wichtigste, das sie von mir haben können, ist, dass ich mich nicht auf einen Sockel stelle, sondern sage: Ich zeige mich euch in meinem Prozess. Und ich leide euch auch voraus. Und das animiert meine Schüler, mit ähnlichem Enthusiasmus in ihre Prozesse zu gehen und damit wegzukommen von dem – für mich unakzeptablem – Guru-Dasein im Sinne von „Ich weiß, was richtig ist!“. Diese Haltung geht nach drei Jahren Kesselkochen nicht mehr. Dass es in den meisten Arzt- und auch Heilpraktikerpraxen noch so geht, ist ein Zeichen, dass die nicht in den Kesseln kochen. Denn wer einmal in so einem Kessel gekocht hat, der kann nicht mehr die autoritäre Haltung einnehmen.


Wie ist es in Ihrer homöopathischen Praxis?
Hier ist es ein bisschen anders als in der Schule, denn viele Patienten werden durch zu viel Nähe irritiert. Aber auch hier kommt es vor, dass ich meine Betroffenheit zeige und manchmal sogar weine. In therapeutischen Kontexten wird meistens gesagt, dass man das nicht tun sollte, aber meine Erfahrung zeigt mir genau das Gegenteil.
In dem Moment, in dem ich mich emotional einlasse, mache ich meinem Patienten Mut, weil ich mich an seinem Anliegen beteilige.
Oft erlebe ich sogar – was man ja auch nicht machen soll –, dass ich meine persönlichen ähnlich erlebten Begebenheiten erzähle und wie ich damit umgehe. In den meisten Fällen sind die Patienten erleichtert, dass ich auch so etwas kenne. Und dann gehe ich noch einen Schritt weiter, für den ich auch viel kritisiert werde: Ich habe für meine Patienten vier CDs aufgenommen, in denen ich – im Gegensatz zur klassischen Medizin – Informationen über Homöopathie, über die Kraft der Gedanken und auch über meinen Weg mit all seinen Stolpersteinen weitergebe, denn ich habe festgestellt, dass ein Patient, der etwas über Homöopathie und auch über meinen Weg weiß, mir viel wertvollere Informationen geben kann als jemand, der nichts darüber weiß.
Trotzdem bin ich Beauftragter des Klienten. Ich bin schon derjenige, der hier eine Funktion hat, aber nicht als Guru, sondern in Augenhöhe und auch mich vor dem Patienten Outender in bestimmten Zusammenhängen ähnlich Leidender. Herbert Fritsche hat in seinem Buch „Die Erhöhung der Schlange“ geschrieben: „Nur die Hand, die vor Leiden zuckt, kann Leiden heilen.“ Ich glaube, dass ganz viel von der Schieflage, in der sich unsere Medizin befindet, davon kommt, dass die meisten Mediziner untherapierte Persönlichkeiten sind. Jeder kann Medizin und auch Homöopathie studieren, ohne auch nur eine Stunde Therapie gemacht zu haben. Aber diese Menschen sind keine ähnlich Leidenden – keine, die einen ähnlichen Weg gegangen sind, damit der Patient ihnen folgen kann. An dieser Stelle ein Kompliment an die psychotherapeutischen Ausbildungen, denn da gehört eine Selbstanalyse zur Ausbildung.
Ich habe im Urlaub einen hervorragenden Krimi gelesen, in dem Wolfgang Schorlau die Machenschaften zwischen Ärzten und Pharmaindustrie thematisiert. Danach war mir mal wieder klar, dass unsere Schüler, die in dem alchemistischen Kochtopf ihre Lehre machen, niemals auf solche Machenschaften reinfallen und sich auch niemals umbringen lassen würden. Wir sagen ja nicht umsonst „erleben – erleiden – erlernen“. Im Grunde sind wir eine manifeste Provokation für alle anderen – weil wir so authentisch sind.


Weiter so!


Autoreninfo:
Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst

Buchtipp: Wolfgang Schorlau: Die letzte Flucht, KiWi, Köln, 2011, 352 Seiten, 8,99 Euro


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