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Ausgabe Mai 2012
Für wen trägst du welches Kreuz?
Interview mit Andreas Krüger


Andreas Krüger im Gespräch mit Haidrun Schäfer über die Last des Kreuzes

Haidrun Schäfer: Wir alle haben einen inneren Kompass, aber hören wir auf ihn? Und kann man sagen, dass die weit verbreiteten Rückenschmerzen einen Zusammenhang mit einer möglichen Orientierungslosigkeit haben könnten?

Andreas Krüger: Dazu fallen mir spontan zwei Themen ein. Das eine ist das Osterfest, in dem es ganz explizit um das Kreuz geht und das Kreuz steht in unserer christlichen Kultur für Leid, für Tragen und auch für das Tragen von Lasten, die nicht unsere sind. Bhagwan hin und Tantra her – es ist einfach so, dass jeder in unserer Kultur dieses Kreuz trägt. Es ist in unserer Genetik eingegraben und es gibt keinen Weg in eine Freiheit, ohne sich mit dem, was wir alle tragen, biographisch und systemisch auseinander zu setzen. Ich glaube, dass dieses Kreuz, das wir alle tragen und das primär aus ganz viel Moral besteht, sehr viel mit den Kreuzschmerzen zu tun hat und dem gebeugten Gang, der in unserer Gesellschaft schon fast epidemisch ist und der alles andere ist als ein aufrechter, willenstarker, freier Gang, wie ihn unsere Spezies vielleicht einmal früher hatte, als sie noch nicht das Kreuz trug. Das ist das eine, was mir dazu einfällt.

Was ist die zweite Überlegung?

Hier geht es um die Frage nach dem inneren Kompass und ich komme wieder auf das Gedicht von Nelson Mandela, das er zu seiner Amtseinführung von Marianne Williamson zitierte. Sinngemäß ist demnach unsere größte Angst nicht, unzulänglich zu sein, zu verhungern oder versklavt zu werden – also unsere größte Angst ist nicht, das Kreuz zu tragen –, sondern unsere größte Angst ist, ganz in unser Licht und in diesem Sinne in unseren aufrechten Gang zu kommen. Jemand, der sehen will, wo es hingeht und auf seinen Kompass guckt, der kann kein Kreuz tragen. Um auf einen Kompass zu gucken, muss man aufrecht stehen und sehen, wo es lang geht. Ich glaube, da begegnen sich die beiden Probleme: Ja, wir haben diesen Kompass in uns und wir haben in uns alles, was wir in diesem Leben tun sollen und was in diesem Leben für uns gut ist. Aber solange wir dieses Kreuz tragen, das fast immer ein systemisch-biografisches Kreuz ist, das von Hause aus gar nicht unser eigenes ist – so wie dieser Mann in Golgatha ja auch nicht sein eigenes Kreuz trug, sondern das Kreuz für die ganze Welt – , solange haben wir den Blick für den Kompass nicht frei und können nicht aufgerichtet in unsere Zukunft zu schauen und erkennen, worum es in unserem Leben geht. Nicht umsonst erleben wir immer wieder, dass Menschen an Punkte in ihrem Leben kommen, wo auf einmal der Blick auf den Kompass fällt und damit in der Ferne etwas sichtbar wird, aber sie nicht laut ausrufen: „Jetzt weiß ich endlich, wo es langgeht“, sondern sich wie ins Kreuz flüchten – sei es in Krankheit oder Depressionen. Vywamus, einer der großen geistigen Lehrer, hat einmal gesagt, dass es fast normal ist, dass wenn ein Mensch in seinem Leben an Punkte kommt, wo so etwas wie Bestimmung oder Befreiung oder Perspektive in sein inneres Blickfeld kommt, dass dann gerade fast reflexartig mit einmal „das Kreuz über ihn kommt“ in Form von Gedanken wie „du darfst nicht“, „damit wirst du schuldig“, „das ist Sünde“. Und das – und hier rede ich aus Erfahrung – kann schlichtweg Kreuzschmerzen machen.

Kreuzschmerzen als Symbol von Last?

Der aufrechte Mensch hat keine Kreuzschmerzen. Der aufrechte Mensch, der kein gesellschaftlich moralisch verbietendes Kreuz mehr trägt, ist kreuzschmerzfrei. Und der aufrechte Mensch, der sich nicht beugt, hat ein freies Kreuz und dadurch eine freie Sicht in die Welt und eine freie Sicht auf das, was in ihm als Potential vorhanden ist. Davon bin ich überzeugt. Was alles für dieses Kreuz steht, hat eine lange Geschichte. In meiner langjährigen Therapiekarriere habe ich auch die Körpertherapie Rolfing kennen gelernt und der Therapeut bat mich, ein Bild mitzubringen von einem Menschen, der so ist, wie ich es durch diesen Prozess sein möchte. Dieses Bild war für mich eindeutig ein Massai. Ich finde, es gibt keine schöneren Menschen als diese Massais und es gibt keine physisch aufgerichteteren Menschen als Massais.

Das Osterfest ist für Christen ein wichtiges Fest. Zentrale Themen sind die Kreuzigung und Auferstehung Christus als symbolischer Akt für die Menschheit.

Da ich an keine Zufälle glaube, sondern überzeugt bin, dass mein Leben gespickt ist von magischen Zufällen, die mir zufallen, fällt auch dieses Interview nicht zufällig in die Osterzeit. Ich suche gerade nach einem Gedicht für die Ostermail und es gibt nur ganz wenige Ostergedichte, die nicht vom Kreuz dominiert sind. In den meisten Gedichten ist auch von Auferstehung die Rede, aber erst einmal muss man gekreuzigt werden. Und auch das ist ein Glaubenssatz. Ohne am Kreuz zu hängen, kann man nicht aufstehen. Ist das so??? Was ist denn das für eine Programmierung? Es heißt ja auch „ohne Golgatha keine Freiheit“. Vielen Dank, ich möchte nicht ans Kreuz und ich möchte auch nicht nach Golgatha. Von dem alten Heidedichter Hermann Löns gibt es das schöne Ostergedicht „Osterfeuer“, in dem er das vorchristliche Ostern beschreibt, wo die Menschen noch in alten, nicht kreuz-bedingten Freiheiten lebten, also in der ungebeugten Aufgerichtetheit. Ostern ist nicht nur das Fest des Kreuzes und das Aufstehen nach der Kreuzigung, sondern auch das Fest der Göttin Ostara – das Fest der Fruchtbarkeit und das Fest der Freiheit und das Fest eines anderen Bewusstseins und einer anderen Moral als dieser Gekreuzigten. Ich glaube, je mehr wir das Kreuz tragen, umso mehr wir gekreuzigt sind und umso mehr wir uns vom Kreuz beugen lassen, desto mehr Mut und Hoffnung brauchen wir, um uns aufzurichten.

Haben Sie noch ein Beispiel aus Ihrer Praxis?

Es war meine kürzeste und eine meiner erfolgreichsten Aufstellungen. Es ging um eine junge Frau, die unter chronischen Kreuzschmerzen litt. Sie war groß und schön, hatte aber eine extrem gebeugte Körperhaltung. Als ich ihr System aufstellte, gab es keinen sichtbaren Grund für ihre Schmerzen und auch nicht für ihre gebeugte Körperhaltung – alles sah wunderbar aus. Aber sie konnte nur auf den Boden gucken. In meinen Aufstellungen steht immer das Wunder als Zielformulierung und das war bei ihr: „Das Wunder sehen können“. In ihrer Skala war dieses Ziel mit –10 bewertet. Ich stand also ziemlich ratlos vor dieser offensichtlich unproblematischen Aufstellung und überlegte, was ich machen soll. Und auf einmal kam der Impuls, meine Hand zu heben und ihr damit leicht zwischen die Schulterblätter „zu schlagen“. Ich war selber furchtbar erschrocken, aber in diesem Moment richtete sie sich auf, schaute auf das Wunderbare, was da alles vor ihr stand und das Wunder sagte: +10. Ihre Kreuzschmerzen waren von dem Moment an verschwunden. Ein Jahr später erzählte sie mir, wie sie ihr Leben mit diesem Wissen verändert hat: Wenn sie einen aufrechten Gang hat, dann kann sie in ihrem Leben alles realisieren. Aber dann ist das passiert, was Wilhelm Reich in seinem Roman Christusmord beschreibt: In ihrem Umfeld begannen die ganzen Gekreuzigten sie als Aufrechte zu mobben. Wilhelm Reich beschreibt, dass der, der sich aufrichtet, der sich ent-kreuzigt, nicht von den Gekreuzigten bejubelt wird, sondern er wird noch einmal extra ans Kreuz geschlagen, weil er durch seine Entkreuzigung so viel Angst macht. Ich habe dieser Frau ein homöopathisches Mittel gegeben, das ihr den Mut gab, die Fülle, die in ihrem Leben möglich war, anzunehmen. Sie war unter diesen negativen Energien schon wieder leicht in die Beugung und damit in die Kreuzschmerzen gegangen. Das Arzneimittel war Medorrhinum – das Mittel zur Annahme vorhandener Fülle – und ich habe ihr den Tanz Haka-Ha, den Kriegstanz der Maoris, empfohlen – bei diesem Tanz gibt es keine Moral, sondern nur dampfende Magie. Sie hat beides getan und ein halbes Jahr später waren ihre Kreuzschmerzen endgültig vorbei.

Ich danke Ihnen.


Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst


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