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Ausgabe Januar 2012
Die heilsame Kraft - Achtsamkeit und Mitgefühl in der therapeutischen Arbeit: von Uta Alves

Während für Descartes ‚Ich denke, also bin ich‘ zum Selbstverständnis ausreicht, würde ein achtsamkeitsbasierter Grundsatz etwa ‚Ich merke, dass und was ich denke und fühle‘ lauten.

Auch wenn sie sich durchgesetzt hat, ist die Übersetzung des englischen Wortes mindfulness mit Achtsamkeit vielleicht nicht ganz glücklich. Für manche schwingt darin die appellierende Energie von ‚Achtung!‘ mit. Daher sollte man genauso die Begriffe nicht-urteilendes Gewahrsein oder offene Aufmerksamkeit in Betracht ziehen. Der Kulturphilosoph Jean Gebser hat sogar das neue Verb wahren für ein integrales Wahrnehmen eingeführt.

Der Pionier der modernen Achtsamkeitsforschung, Jon Kabat-Zinn, definiert Achtsamkeit als ein nicht-urteilendes Gewahrsein von Augenblick zu Augenblick, das wir kultivieren können, indem wir auf bestimmte Weise aufmerksam (im gegenwärtigen Moment) sind und dabei so wenig reaktiv, so wenig urteilend und so offenherzig wie möglich. Kabat-Zinn, ein US-amerikanischer Molekularbiologe, hat schon Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts die beeindruckende Wirksamkeit von Achtsamkeitsübungen erkannt und begonnen, sie wissenschaftlich zu untersuchen. Er gründete 1979 die Stress Reduction Clinic in Kalifornien. Anfänglich stellte er fest, daß sich Achtsamkeitspraktiken deutlich positiv auswirken sowohl bei Menschen mit massivem Stress als auch im Ungang mit chronischen Schmerzen. Er entwickelte ein achtwöchiges achtsamkeitsbasiertes Stress-Reduktionsprogramm, bekannt unter der Abkürzung MBSR für Mindfulness Based Stress Reduction.
Nicht vergessen werden darf, dass Jon Kabat-Zinn Buddhist ist und Achtsamkeit ein fundamental wichtiger Begriff auf dem zweitausendfünfhundert Jahre alten Pfad darstellt. Sie ist Grundlage der fünf Silas oder buddhistischen Gebote, darunter achtsame Rede oder achtsam Sexualität leben. Schön, dass Achtsamkeitspraxis im Lauf der letzten dreißig Jahre auch ein westlich wissenschaftlicher Erfolgsweg wird. Denn nach der bekannt werdenden Effizienz von MBSR erwachte auch das Interesse der Psychologen: Eine Gruppe um den kanadisch-englischen Professor Mark William entwickelte einen achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapieansatz speziell für Depressionen und ihre Rückfallprävention. Voraussetzung für die Wirksamkeit ist allerdings, dass Betroffene Achtsamkeitsübungen in ihren Alltag integrieren. Konkret werden dabei in meditativem Setting Gedanken beobachtet, die in depressiven Zuständen bekannterweise von Selbstzweifeln, Vorwürfen und Ängsten geprägt sind. Durch das Erkennen und Beobachten dieser oft endlosen Gedankenkreise kann mit der Zeit wie ein Erkenntnis-Keil zwischen dem Denken und dem Glauben an diese Gedanken entwickelt werden, wir bekommen sozusagen den Fuß in die Tür.

Achtsamkeit ist für uns nichts Selbstverständliches. Lernen wir doch von klein auf eher Unachtsamkeit. Wir sollen ‚nicht merken‘, wie Alice Miller das nannte. Andere scheinen besser zu wissen als wir selbst, wann wir hungrig sind, wann wir müde sein sollten, wann wir dies oder jenes können sollten. Kein Wunder, dass wir uns immer weniger genau achtsam wahrnehmen. So müssen wir Achtsamkeit wieder neu lernen. Auch in der Arbeit der Traumatherapeutin Dr. Luise Reddemann ist Achtsamkeit wesentlich im Heilungsprozess: Der Körper dankt es uns, wenn wir uns endlich achtsam um ihn kümmern. Das achtsame Wahrnehmen des Körpers bleibt nicht ohne – positive – Folgen. Endlich spürt der Körper, dass wir ihn überhaupt zur Kenntnis nehmen, nachdem wir ihn jahrelang schlechter als unser Auto behandelt und nur erwartet haben, dass er funktioniert, während die meisten Menschen hierzulande ihr Auto immerhin pflegen.

Eine zweite, äußerst effektive achtsamkeitsbasierende Weiterentwicklung ist die sogenannte „Acceptance and Commitment Therapy“ - oder kurz ACT - der US-amerikanischen Psychologen Steven Hayes, Kirk Strohsahl, Patricia Robinson u.a. Sie untersuchen das menschliche Denken ganz grundsätzlich und räumen mit bestimmten verbreiteten (Glücks-)Vorstellungen auf wie zum Beispiel, dass wir uns glücklich fühlen würden, wenn wir nur endlich anders denken könnten. Achtzig Prozent der menschlichen Gedanken sind evolutionsbedingt negativ und permanent am Kritisieren, Werten, Beurteilen, Vergleichen, am Ausmalen schlimmster Szenarios, sagen sie. Wir werden den ganzen Tag über von einem ‚Radio Ojemine‘ berieselt, auch ohne diagnostizierte Depression. In sehr differenzierten und teilweise humorvollen Übungen lernen wir durch ACT unserem Gedanken-Kopfsalat auf die Schliche zu kommen und vor allem, ihm nicht mehr unhinterfragt Glauben zu schenken. Vielmehr üben wir uns zu fragen, ob ein bestimmter Gedanke uns dabei hilft, einem erfüllten Leben näher zu kommen, orientiert an unseren persönlichen Werten.

Auch die Untersuchungen des kalifornischen Heartmath-Instituts belegen die Wirksamkeit von herzzentrierter Achtsamkeit. Doc Childre und seine Mitarbeiter zeigen, dass achtsamkeitsbasierte Herzübungen messbar den Blutdruck senken, den Hormonhaushalt und ganz speziell auch den Kortisol- bzw. Stresspegel positiv beeinflussen genauso wie das Immunsystem und das allgemeine Wohlbefinden. Gestresste Manager übten zwei Monate lang nur 20 Minuten täglich und dies hatte nachweisbar positiven Einfluss auf eine Vielzahl ihrer chronischen Beschwerden wie Schlafstörungen, Magenprobleme, hoher Blutdruck, Herzrasen und fehlende Libido.

In meinen achtsamkeitsbasierten Depressions- und Burnout-Präventionskursen „Die Seele stärken®“ fließen Übungen aus all den genannten Ansätzen ein. Herzstück allerdings ist die Selbstakzeptanz und Selbstwert fördernde Arbeit damit, Mitgefühl an erster Stelle für uns selbst neu zu entdecken, uns als lebenswichtig zuzugestehen und zu kultivieren. Mitgefühl ist auch ein zentraler Begriff aus dem Buddhismus. Zusammen mit Liebe, Mitfreude und Gleichmut ist das Mitgefühl eines der vier Grundhaltungen, die zur Erleuchtung führen und bilden den sogenannten Erleuchtungs-Herz-Geist oder Bodhicitta. Genau dieses Mitgefühl für uns selbst ist die Grundlage dafür, es auch für andere empfinden zu können. Das wird in unserer Kultur und durch unsere Sozialisation nur allzu oft vergessen. Aufgrund meiner eigenen Depressionserfahrungen behaupte ich, daß dieses Mitgefühl für uns selbst speziell in depressiven Krisen fehlt. In „Die Seele stärken®“ singen wir kraftvolle buddhistische Mantren wie OM MANI PADME HUM, üben herzzentriertes Qigong und entwickeln mit ganz viel Liebe, Offenheit und Weite für uns selbst und untereinander ein spürbares und körperbezogenes Gewahrsein unserer Herzensqualitäten, unserer einzigartigen Fähigkeiten, die im Mantra mit einem Juwel im Lotos verglichen werden.

Uta Alves ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, iEMDR-MasterCoach und Fastenleiterin. „Die Seele stärken®“, ihr achtsamkeitsbasiertes Depressions- und Burnout-Präventionstraining wurde im Dezember als innovatives Gesundheitskonzept ausgezeichnet und beinhaltet aufeinander aufbauende Achtsamkeitsübungen, Qigong, Mantren, Imaginations- und Kreativtechniken.
Buchtipp: Mark Williams, John Teasdale, Zindel Seagal und Jon Kabat-Zinn: Der achtsame Weg durch die Depression, Arbor Verlag 2009


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