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Ausgabe Januar 2012
Auf dem Weg zu Mitgefühl und Weisheit; aus dem Buch von Bernard Glassman und Konstantin Wecker

Der amerikanische Zen-Meister Bernie Glassman ist einer der weltweit wichtigsten Vertreter eines sozial engagierten Buddhismus. Statt in der Meditationshalle zu sitzen, geht er lieber auf die Straßen der Elendsviertel oder hält Meditationsretreats im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz. Vor kurzem ist sein viel beachtetes Buch „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen“ mit dem Liedermacher und engagierten Pazifisten Konstantin Wecker erschienen: eine leidenschaftliche Anstiftung, sich einzumischen und aktiv zu werden für eine bessere Welt. Ein Auszug.

Was mein Leben und damit auch meinen spirituellen Weg von Grund auf veränderte, war, als ich erstmals die Stimmen der hungrigen Geister hörte. Sie erschütterten mich so tief, dass ich umgehend das Gelübde ablegte, sie zu nähren und fortan für sie zu sorgen. Das war der entscheidende Wendepunkt in meinem Leben. Als ich erstmals nach Auschwitz kam, geschah etwas Ähnliches, denn auch dort hörte ich die Klage der unzähligen Seelen.

Der rote Faden für mein anhaltendes Engagement ist die Erkenntnis vom Leiden und meine Entscheidung, etwas dagegen zu unternehmen. Wenn ein Kind leidet, wird seine Mutter umgehend darauf reagieren und etwas dagegen tun. Denn die Mutter liebt ihr Kind und sobald sie das Weinen ihres Kindes hört, tritt diese Liebe hervor und beweist sich im Handeln. Zwischen Mutter und Kind gibt es keine Trennung. Genauso ist es für Menschen, die das Leid in der Welt spüren können. Sie können gar nicht anders, als etwas dagegen tun. Diese Reaktion, die uns ohne Nachzudenken das Leid lindern lässt, ist das, was ich Liebe nenne. Liebe fließt immerzu. Liebe ist die Erfahrung der Einheit. Sie zeigt sich im tätigen Mitgefühl. Letztlich ist es die Aufgabe der Liebe, alles zusammenzuhalten.

Jeder Mensch ist dazu in der Lage, die Stimmen der hungrigen Geister des Universums zu hören. Viele Menschen werden nur durch ihre Konditionierungen daran gehindert, sie fühlen sich getrennt von anderen und von den Stimmen des Universums. Trennung heißt nichts anderes, als dass wir die Liebe, die immer da ist, in diesem Moment einfach nicht fühlen können. Aufgrund meiner intensiven Meditationspraxis war es mir möglich, die Trennung aufzuheben und mit den leidenden Stimmen des Universums in Kontakt zu kommen. Meiner Ansicht nach sollte jeder Mensch auf dem spirituellen Weg dahin kommen. Es gibt natürlich auch Menschen, die diese Erfahrung machen, ohne dass sie jemals meditiert hätten. Wer jedoch auf dem spirituellen Weg ist, sollte sie hören können. Denn sie sind da. Es ist wie mit der Schwerkraft. Sie ist immer da, auch wenn wir sie oft nicht bewusst wahrnehmen. Und es ist wie mit dem Verliebtsein. Du musst nicht darüber reden. Du fühlst es ja. Liebe zeigt sich im Mitgefühl. Und indem wir Mitgefühl praktizieren, können wir diese mächtige und alles durchdringende Energie der Liebe spüren. Das ist die Kraft, die mich auf meinem Weg unterstützt und motiviert. Ich komme zwar nicht aus einer christlichen Tradition, doch mir gefällt das Wort »Agape« sehr. Für mich ist Agape Liebe ohne Ego, eine nicht-dualistische Form der Liebe. Die Erfahrung der Nicht-Dualität befähigt uns zur Erfahrung der Einheit des Lebens. In dieser kann es keine Abwesenheit der Liebe geben. Es kann nur sein, dass sie nicht erkannt wird. Doch die Liebe ist immer da.

Ob jemand die Einheit des Lebens erfahren hat, kann man meiner Ansicht nach ganz einfach daran erkennen, ob er von Liebe erfüllt ist und aus dieser heraus handelt. Für mich ist es immer die entscheidende Frage, ob Menschen ihre Erkenntnis auch im Leben verwirklichen. Verkörpern sie Liebe?

Für mich persönlich geht es im Leben weit mehr um Menschlichkeit als um die Erfahrung der Erleuchtung. Deshalb lege ich in meiner Arbeit den Schwerpunkt auf Mitmenschlichkeit. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir dadurch die Einheit allen Lebens viel deutlicher erfahren können.

Der Buddha sagte: Jeder Mensch ist bereits erleuchtet. Doch was bedeutet das? Die meisten Menschen können damit nichts anfangen. Kobo Daishi, der Begründer des Shingon-Buddhismus sagte, dass man die Tiefe der Erleuchtung eines Menschen daran erkennen könne, wie er anderen Menschen dient. Das heißt nichts anderes, als jeden Augenblick das zu tun, was zu tun ist. Es ist ein endloser Pfad, der niemals endet. Wir können den Ausspruch von Kobo Daishi auch dahingehend erweitern, dass wir sagen:
Wenn ich jemanden treffe, von dem gesagt wird, dass er oder sie erleuchtet sei und dieser Mensch zeigt keine Liebe, dann frage ich mich, wozu die Erleuchtung gut sein sollte. Vielleicht kann dieser Mensch dann ein Lehrer von Erleuchtungstechniken sein, so wie jemand anderes ein Klavierlehrer ist. Doch wenn du jemandem begegnest, der Liebe verkörpert, hast du einen verwirklichten Menschen getroffen.





Buchtipp: Bernard Glassman/Konstantin Wecker/Christa Spannbauer (Hg):
Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit.
Kösel 2011


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