Ausgabe Dezember 2011
Heile Familie - eine Utopie? von Jochen Meyer
Was könnte das sein: Familie als echte Gemeinschaft? Können Sie sich vorstellen, Ihre Familie gemeinsam mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin zu einer Gemeinschaft von Eltern und Kindern zu machen, die sich aus freien Stücken schätzen, achten und lieben? Die einander unterstützen, fördern und stärken, die sich austauschen, anregen und inspirieren? Können Sie sich Familien – Ihre Familie – als eine Gemeinschaft vorstellen, deren Mitglieder an- und miteinander wachsen und sich so immer tiefer miteinander verbinden?
Familien als WachstumsgemeinschaftenStellen Sie sich vor, Sie betrachten Ihre Familie von nun an als eine Wachstums- und Lerngemeinschaft. Sie richten Ihre Aufmerksamkeit von nun an auf die Frage: "Wie kann ich meine Lieben optimal fördern und unterstützen? Was kann ich tun, damit es meinem Mann, meiner Frau oder meinen Kindern besser geht, damit sie wachsen und ihre guten Seiten entfalten?" Welche guten Seiten hat Ihr Sohn oder Ihre Tochter? Was sehen Sie Gutes in Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin? Wonach sehnen sich diese Menschen? Wohin möchten sie sich entwickeln, und wie könnten Sie sie dabei optimal unterstützen? Diese Fragen beschäftigen Sie viel. Und Sie fragen sich auch: "Zu wem möchte ich werden als Partner, als Mutter oder Vater? Welche Anlagen möchte ich entfalten? Wo könnte ich über mich hinauswachsen und noch verständnisvoller, einfühlsamer, präsenter werden? Bin ich für meine Kinder da, wenn sie Ängste haben? Kann meine Partnerin zu mir kommen, wenn sie ein Konflikt belastet? Können die anderen sich dann bei mir sicher fühlen, und ist meine Unterstützung hilfreich für sie?"
Was bedeutet eigentlich Wachstum in Beziehungen?In Beziehungen zu wachsen heißt mehr zu werden als wir vorher waren. Durch den Austausch mit unseren Partnern und unseren Kindern sehen wir mehr als sonst, und das, was wir sehen, sehen wir intensiver. Wir erfahren Neues über uns und unser Verbundensein mit anderen. Wir werden lebenstüchtiger. Wir sehnen uns geradezu danach, in liebevollen Beziehungen verstanden und gestärkt zu werden. Wir wollen lebendiger, freier, kreativer und großzügiger werden. Wir wollen das Leben intensiver genießen und kraftvoller meistern – gemeinsam mit unseren Familienmitgliedern. Beziehungen sind darauf angelegt, in ihnen zu wachsen. Wir wollen uns in ihnen und durch sie entfalten. Wenn ich gelernt habe, nach Wachstumsmöglichkeiten zu fahnden und die Chancen zur Entfaltung neuer Potenziale zu erkennen, dann sehe ich in Konflikten spannende Aufgaben und keine lästigen Probleme. "Was können wir hier voneinander lernen? Wofür ist dieser Konflikt gut? Wie kann ich hierbei über mich hinauswachsen?" Das sind Fragen, die uns weiter bringen.
Wie wir Wachstum ermöglichen und uns zu neuen Erfahrungen anregenWenn wir unterstützende Partner werden wollen, müssen wir die Fähigkeit besitzen, anderen Angebote zu neuen Erfahrungen zu machen. Wenn wir unterstützende Eltern werden und unseren Kindern gesunde Wachstumserlebnisse ermöglichen wollen, müssen wir Bedingungen herstellen, unter denen Kinder wachsen können. Menschliche Stärken wie Selbstsicherheit, Integrität, Einfühlungsvermögen, emotionale Offenheit, Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit bilden sich nur in einer entspannten Atmosphäre. Nur wenn wir uns sicher fühlen und unseren Bezugspersonen vertrauen können, bilden wir all die grundlegenden Fähigkeiten aus, die wir brauchen, um unser Leben eigenständig zu meistern. Wir wissen heute, dass sich unsere Gehirne auf der Grundlage sozialer Beziehungserfahrungen organisieren. Unsere neuronalen Netzwerke wachsen in einer sicheren und vertrauensvollen Atmosphäre; nicht aber, wenn Stress unsere neuronalen Angstkreisläufe aktiviert. Vertrauen ist das Fundament für alles: ohne Vertrauen kein Wachstum! Wenn wir auf unsere Partner Druck ausüben oder von unseren Kindern Leistung fordern, wenn wir an ihnen herumnörgeln, sie einschüchtern, sie kritisieren oder belehren wollen, dann lernen sie vielleicht, unter Druck oder anderen ungünstigen Umständen irgendwie zurechtzukommen, aber sie wachsen nicht zu freien, selbstbewussten Persönlichkeiten heran.
Um wirkliches Wachstum zu ermöglichen, müssen wir unseren Partnern ebenso wie unseren Kindern anbieten, Erfahrungen zu machen, bei denen sie ihre Fähigkeiten einsetzen und über sich hinauswachsen können. Zu solchen Erfahrungen können wir sie, wie es der Neurobiologe Gerald Hüther so schön sagt, einladen, ermutigen und inspirieren.
Wir brauchen eine neue BeziehungskulturFür Kinder ist entscheidend, wie wir als Eltern miteinander umgehen. Wachsen sie in einer Atmosphäre von Wertschätzung und Geborgenheit auf oder herrschen Misstrauen, Rivalität und Konkurrenzdruck vor? Gehen wir als Eltern liebevoll miteinander um, achtsam und offen, unterstützen wir uns gegenseitig, dann überträgt sich dies auch auf unsere Kinder. Tun wir wirklich alles, um einander zu verstehen, zu unterstützen und zu fördern? Wenn wir uns zwar für das Fortkommen unserer Kinder engagieren und sie zu allen möglichen Förderkursen anmelden, uns aber selbst nicht um unsere eigene Entwicklung kümmern, dann schaffen wir keine wirklich wachstumsfreundliche Atmosphäre. Anders ist es, wenn wir den Geist der Potenzialentfaltung auch bei uns entfachen. Auch vom Alltagsstress geplagte Eltern wollen lebendiger werden, haben Bedürfnisse nach Zuspruch, Stärkung und Wachstum. Auch als Vater oder Mutter will sich meine Persönlichkeit weiter entwickeln. Auch als Paar wollen wir lebendig bleiben und neue Dinge miteinander erleben. Wollen wir als Eltern bloße Dienstleister sein, reine Kindsversorger, oder lebendige, kraftvolle Menschen, die Freude am Wachsen haben und die einander inspirieren und bereichern? Hier geht es, um noch einmal mit Gerald Hüther zu sprechen, ganz global und grundsätzlich um die Schaffung einer neuen Beziehungskultur: statt einer Kultur der Ressourcenausnutzung benötigen wir eine Kultur der Potenzialentfaltung. Wer könnten wir sein als Eltern und als Paar, wenn wir unsere Möglichkeiten entfalten und für unser eigenes Wachstum genauso sorgen wie für das Gedeihen unserer Kinder? Haben wir eine Vision von uns und für unserer Familie? Wofür sind wir da? Gibt es etwas Größeres oder Höheres, in das wir eingebettet sind? Etwas, für das wir leben und uns verwirklichen? Probieren Sie es aus! Beginnen Sie einmal eine Woche lang täglich mit den beiden Fragen Ihren Tag: "Wo könnte ich heute Jemanden (Ihre Kinder, Ihren Partner oder Ihre Partnerin oder andere Menschen in Ihrem Umfeld) unterstützen und ihm beim Wachsen helfen?" – "Wo könnte ich heute selbst über mich hinauswachsen und mir eine neue Erfahrung gönnen?" Und wenn Sie eine Gelegenheit dazu entdecken, tun Sie es. Abends halten Sie dann Rückschau und notieren sich, was Sie bei Ihrem Vorhaben erlebt haben. Ich versichere Ihnen, Sie werden sich wundern!
mehr Infos zum Autor unter www.jochen-meyer-coaching.de
Buchtipps zum Weiterlesen:
- Daniel Siegel & Mary Hartzell: Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen. Wie wir uns selbst besser verstehen und unsere Kinder einfühlsam ins Leben begleiten können, Arbor Verlag 2004
- Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher, S. Fischer Verlag 2011
- Arjuna Ardagh: Die lautlose Revolution. Wie eine im Alltag gelebte Spiritualität uns und die Welt verändert, J. Kamphausen Verlag 2006