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Ausgabe Dezember 2011
Die große Liebe - und es gibt sie doch; Gespräch mit Barbara und Guido Vödisch

Jeder kennt den Moment, an dem erste Trübungen sich in die Verliebtheit schleichen. Eine Frage dämmert auf: Kann der Partner meine Erwartungen wirklich erfüllen? Ist das der Anfang vom Ende? Barbara und Guido Vödisch zeigen in ihrem neuen Buch „Und es gibt sie doch – die große Liebe“, dass es anders geht – wenn beide die Realität und die eigenen Impulse als Lehrer anerkennen - und einen Abschied wagen von Vorstellungen, wie die Liebe zu sein hätte.

Barbara: Was Guido und ich gemeinsam erleben, sprengt die Welt der Worte und Vorstellungen. Allein indem ich die Liebe in Worte fasse, wirkt sie süßlicher, als sie ist und verliert ihren Gehalt. An sich ist mir die Liebe bis heute ein Mysterium, noch immer staune ich. Ich habe keine Rezepte und kann deshalb nur Erfahrungen und Erkenntnisse mit euch teilen - den Zauber, die Weisheit, die Menschlichkeit, das Wunder der Liebe. Seit dreiundzwanzig Jahren bin ich mit Guido zusammen. Achtzehn Jahre sind wir verheiratet. Das ist die persönliche Geschichte einer großen Liebe, eine Liebesgeschichte. Es ist eine Liebe, die persönlich zu sein scheint und sich doch unpersönlich in allem widerspiegelt. Eine Liebe, die in uns allen lebt, die alles beseelt, keine Grenzen, keine Identifikationen und keine Trennung kennt. Die große Liebe in einer Beziehung zu leben lässt sich nicht von der Liebe an sich trennen. Das Bewusstsein der allumfassenden Liebe, die über das Ich hinausgeht, ist der Schlüssel zu wahrer Liebe in Beziehungen. Obwohl es die Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe in meinem Leben gibt, geht es mir nicht darum, die große Liebe darauf zu reduzieren. Denn die Liebe zu persönlich zu nehmen, verursacht eine Menge Leiden. Ich will auf die Unendlichkeit der Liebe verweisen - auf das Eins-Sein, jenseits von Trennung. Die Liebe bezieht sich auf alles, auf unser ganzes Leben. Mit 21 Jahren, als ich Guido kennenlernte, hatte ich schon so viel hinter mir, dass ich mit allem, auch mit den Männern abschloss. Die vielen schmerzhaften Erfahrungen, die ich im Laufe der Zeit mit Männern machte, ließen mich zweifeln und an nichts mehr glauben. Ich hatte weder eine schlechte Meinung über sie, noch war ich verbittert. Ich liebte sie, erinnerte mich aber immer an eine Liebe, die leicht und frei ist und die zu leben mit keinem von ihnen möglich schien. Ich konnte keine Kompromisse eingehen und mich auch nicht mit einer Beziehung arrangieren, weil man das so tut. Das hätte sich wie Verrat angefühlt. Ich kannte etwas, das größer ist, frei und voller Frieden, das sich aus der Dualität erhebt und doch ganz in ihr lebt, etwas das nicht von dieser Welt und doch in ihr ist. An diesem Punkt, wo der Entschluss reifte, mich nicht mehr auf eine Beziehung mit einem Mann einzulassen, trat Guido in mein Leben. Die Bedingungslosigkeit, die unsere Liebe trug und die besonders von Guido ausging, war für mich, auch wenn sie mir zunächst Angst einflösste, pure Heilung. Er empfand wie ich die Liebe als Da-Sein und war bereit, ihr alles zu schenken - ein wahrer Segen für mich. Es berührte mich zutiefst, dass ihm die Liebe wichtiger war als alles andere und dass er dafür wirklich brannte. Allein seine Existenz gab mir damals das Vertrauen ins Dasein wieder. Obwohl ich anfangs die große Liebe ausschließlich mit Guido in Verbindung brachte und noch abgetrennt von der übrigen Welt sah, lehrte mich das Leben, der Unendlichkeit der Liebe, der Liebe im Dasein an sich gewahr zu sein. Ich wurde mir der Liebe bewusst, die unpersönlich, heil und ganz ist, jenseits aller persönlichen Identifizierungen.

Guido: Wenn ich mir eine Partnerin beim Universum bestellt hätte, dann wäre sicher nicht Barbara dabei herausgekommen. Äußerlich bin ich immer auf einen südländischen Typ "abgefahren". Dunkele Haare und braune Augen, das entsprach damals meinem Ideal. Gott sei Dank hatte ich da kein Mitspracherecht. Barbara hätte ich niemals erfinden können, diesen besonderen Zauber, der von ihr ausgeht, diese Mischung aus eleganter Frau und Rotznase. Das Leben hat es mal wieder besser gewusst. Und letztlich sind doch meine Herzenswünsche in Erfüllung gegangen. Es ist manchmal schon unheimlich wie perfekt wir zu einander passen und dass wir auch nach 23 Jahren Beziehung noch immer so ineinander verliebt sind. Für mich ist es ein unglaubliches Geschenk mit ihr leben zu dürfen. Ich liebe besonders den Alltag mit ihr. Er ist voller Leben und Überraschungen, so wie sie selbst. Manchmal sind wir uns so nah, dass es keine getrennten Körper mehr zu geben scheint.

Glückliche, langlebige Liebesbeziehungen scheinen heute eher eine Ausnahme zu sein. Was habt Ihr richtiger gemacht?
Ich weiß nicht, was wir richtig machen, und ob andere etwas falsch machen. Ich denke nicht in richtig und falsch. Mir erscheint unsere Liebe eher wie ein Wunder. Ich empfinde es als ein Wunder, wie unerschöpflich die Erfahrungen mit einem Menschen sein können, wie reich, ja unendlich die Liebe ist. Ich kann das nicht mit dem Verstand begreifen. Würde ich über die Liebe nachdenken, hielte ich vieles, was wir erleben, für unmöglich und kitschig. Die Liebe erfordert das Wagnis, über unsere Ängste, Erwartungen, unseren Stolz, über Rechthaberei und über unser Ego hinauszuwachsen und einzig ihr alle Macht zu geben. Ich musste einige innere Tode sterben, bis nichts als Liebe blieb. Viele Menschen geben der Liebe nicht alles, sie bleiben in ihren Ängsten, in Schuldzuweisungen und Machtspielen, in Vorstellungen und Erwartungen stecken. Sie machen sich nicht die Mühe ihren Partner wirklich zu verstehen, kämpfen gegeneinander, anstatt zu erkennen, dass sie zusammen in einem Boot sitzen. Ich glaube, was unser Zusammen sein so leicht macht, ist diese unglaubliche "Verwandtschaft", aber auch unsere Bereitschaft miteinander zu wachsen, uns in den anderen einzufühlen und unsere Schattenseiten zu betrachten. Wir packen uns nicht in Watte, sind sehr direkt und ehrlich miteinander. Gerade das Unbequeme, die ungeliebten Seiten in uns und unserem Partner zu umarmen, macht unsere Liebe allumfassend. Wenn alles glänzt, ist es einfach, gerade die Herausforderungen ermöglichen die Größe der Liebe. Viele Menschen erkennen auch die Schönheit ihres Partners nicht, haben immer etwas an ihm auszusetzen. Oft fehlt Selbsterkenntnis, Demut und Dankbarkeit für die kleinen Dinge und ein veränderter, liebevoller Blick auf den Partner.

Guido: Ich bin einfach dankbar, dass ich mit Barbara den Menschen gefunden habe, auf den ich immer gewartet habe. Vielleicht sind wir seit dreiundzwanzig Jahren so glücklich miteinander, weil wir die Liebe immer in den Vordergrund stellen und beide gut über unseren Schatten springen können. Das größte ist aber die Magie der Liebe, die wir nicht steuern können, diese unglaubliche Übereinstimmung, das Gefühl zwei und doch eins zu sein. Viele Probleme haben wir deshalb gar nicht. Wir fühlen und denken oft dasselbe, nicht weil wir uns einander anpassen, sondern weil es von selbst so ist. Trotz sexueller Anziehung sind wir vor allem freundschaftlich miteinander verbunden. Barbara ist mein erster Ansprechpartner, sogar bei Themen, die meine Arbeit als Betriebswirt und Controller betreffen. Auch meine Freizeit verbringe ich am Liebsten mit ihr.

Stimmt es für Sie, dass die Familie eine Gestalt höherer Ordnung darstellt (Hellinger)?
Für mich ist das ganze Leben ein Ausdruck höherer Ordnung, jeder Moment, jede Begegnung. Es ist eher eine Frage eines offenen Herzens und innerer Wahrhaftigkeit. Die Familie ist ein wundervolles Lernfeld. Wir sehen uns mit unseren Schattenaspekten und Erwartungen konfrontiert und können zu wahrer Liebe finden. Wahre Liebe heißt für mich aber nicht Eitel Freude Sonnenschein. Sie umfasst tiefes Verständnis und Mitgefühl für unsere Menschlichkeit. Wir sind alle nicht perfekt, sitzen in demselben Boot und geben unser Bestes. Das spannende an der Familie ist, dass sie nicht austauschbar ist. Es gibt nur eine genetische Mutter, einen genetischen Vater und eine bestimmte Anzahl an Geschwistern. Ob wir uns ihnen wirklich verbunden fühlen und den Kontakt zu ihnen möchten, ist eine andere Frage. Und doch bleibt, dass wir uns durch sie mit bestimmten Aspekten in uns konfrontiert sehen, denen wir nicht ausweichen können. Wenn wir unseren inneren Frieden mit unserer Familie haben wollen, unabhängig von der Art des Kontaktes, müssen wir tiefgreifend lieben lernen. Darin liegt ein großes Geschenk.

Guido: Ich glaube, wir werden nicht umsonst in unsere Familie hineingeboren. Ich habe viel durch meine Familie über mich lernen können. Besonders über die Verhaltensweisen, die ich bei ihnen ablehnte. So lange ich sie ablehnte, haben sie mein Leben bestimmt. Dieser Kampf führte zu nichts. Erst die Erkenntnis, dass ich manchmal genauso und nicht besser bin, brachte Frieden. Ich musste lernen meine Arroganz abzulegen und meine Familie so zu lieben, wie sie ist. Damit war auch verbunden mich selbst mit meinen Ecken und Kanten anzunehmen.

Haben wir über unsere Eltern und Großeltern, auch Ängste geerbt, die aus den Erfahrungen zweier Weltkriege resultieren?
Mag sein. Doch ist es für mich nicht so wichtig Ängste erklären zu können und ihre Ursache zu kennen, sondern sie hier und jetzt beim Schopfe zu packen und zu untersuchen. Ich habe mich lange von meinen Ängsten bluffen lassen und gelitten. Bis ich feststellte, dass Angst meist keine Substanz hat, nur aus Gedanken und Illusionen, aus Irrtümern unseres Geistes bestehen. Wir liegen sicher und entspannt friedlich in der Sonne. Nichts ist und ein Gedanke löst Angst aus. Wie erleben Angst vor etwas, was jetzt nicht ist. Was ist das anderes als Illusion. Angst lebt von Gedanken, von Übertreibungen, von Vorstellungen. Wir glauben ihnen unhinterfragt. Wenn wir die Realität überprüfen und ganz präsent in unserem Körper den jetzigen Moment erleben, entziehen wir ihnen die Substanz. Ursachensuche mag manchmal hilfreich sein, manchmal hält sie uns aber auch auf und ist unnötig. Alle Freiheit, alles Glück ist jetzt. Egal was wir oder andere erlebt haben, egal wie viel Angst wir haben, in uns ist immer etwas heil und ganz. Wenn wir uns dem Einen, dem heilen Ganzen vollständig hingeben, löst sich alles andere auf.

Guido: Ich weiß nicht, ob wir unsere Ängste von unseren Ahnen übernehmen. Mir ist im Umgang mit meinen Ängsten immer wieder der Satz hilfreich: Feel the fear and do it anyway. Mich von der Angst nicht aufhalten zu lassen, und das was ich will trotzdem zu tun. Der Angst nicht die Macht über mich und mein Leben zu geben, hat manche Angst bedeutungslos werden lassen.

Was macht Ihr in der Weihnachtzeit? Gibt es einen Weihnachtbaum, Gänsebraten und einen schönen Gabentisch?
Barbara: Wir verbringen die Weihnachtszeit in Südtirol im Schnee. Das ist unser gegenseitiges Weihnachtsgeschenk. Einen Gänsebraten gibt es nicht, da wir Vegetarier sind. Am 2. Weihnachtstag besucht uns meist mein Bruder aus Düsseldorf mit seiner Familie. Wir wohnen ja in den Chiemgauer Bergen und seine Kinder lernen hier Ski fahren. Sie bleiben meist eine Woche. Wir telefonieren zwar oft, aber sehen uns sehr selten. Die Weihnachtszeit ist eine wunderbare Gelegenheit zusammen zukommen. Mein Vater ist vor einigen Jahren am heiligen Abend, den er immer sehr geliebt hat, "gestorben". Die ganze Familie war dabei. Weihnachten mit der Familie, war für mich immer etwas Besonderes. Nach dem Tod meines Vaters hat sich Weihnachten sehr verändert. Ich liebe Weihnachten nach wie vor, doch jetzt ist es weniger von der Familie und von Ritualen geprägt. Guido und ich schauen jedes Jahr aufs Neue, wie wir Weihnachten verbringen und gestalten wollen.

Guido: Für mich sind Weihnachtsbaum, Weihnachtsessen und Geschenke unwichtig. Ich liebe es diese Zeit mit Barbara zu verbringen. Wir verbinden Weihnachten immer mit ein paar gemeinsamen Urlaubstagen und das genieße ich jedes Jahr sehr. Außerdem mag ich die Weihnachtsstimmung, dass so viele Menschen sich gemeinsam an die Liebe erinnern. Das ist wunderschön. Für mich ist es immer eine ruhige, besinnliche und friedvolle Zeit, die mir Kraft gibt und auf die ich mich freue.

Vielen Dank für das Gespräch.

Barbara und Guido Vödisch sind Autoren des Buches „Und es gibt sie doch die große Liebe“. Sie sind seit 23 Jahren ein Paar.
Ihr Zusammensein war von Anfang an vom Zauber einer Liebe getragen, die bis heute keine Worte kennt. Beide staunen nur, was Liebe alles vermag.

Barbara Vödisch, Journalistin M.A., ist bekannt als Autorin zahlreicher Bücher und als Seminarleiterin.
Guido Vödisch ist Betriebswirt und Controller und arbeitet für ein großes internationales Unternehmen.
Weitere Information auf www.barbaravoedisch.de

Buchtipp: Barbara und Guido Vödisch, Und es gibt sie doch – die große Liebe, 200 Seiten, Broschur, J.Kamphausen Verlag:
Authentisch, ehrlich und humorvollblickt das Autorenpaar aus männlicher und weiblicher Sicht auf 23 gemeinsame Beziehungsjahre zurück, spart dabei Herausforderungen wie Seitensprünge, den Umgang mit Widerständen in der Familie des Partners und die Frage nach dem Kinderwunsch nicht aus. Auch Barbara Vödischs Entschluss für einen spirituellen Weg, der in ihr eine immer unabhängiger von persönlichen Bindungen werdende Liebe entstehen ließ, entwickelte sich zum Prüfstein für das Paar.


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