aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe September 2011
Kontakt zum inneren Heiler; von Uta Alves

Uta Alves ist Master-Coach des integrativen EMDR („Eye Movement Desensitization and Reprocessing“), einer Therapiemethode, die ursprünglich vor allem in der Traumatherapie angewandt wurde und u.a. mit gezielter Augenbewegung arbeitet. Sie erklärt, warum der innere Heiler als Begleiter beim Fasten oder im therapeutischen Prozess so wichtig ist.

Der Begriff des inneren Heilers oder Arztes, lateinisch Archaeus, hat eine lange Geschichte. Schon bei Paracelsus taucht er auf. Vermutlich aber ist das Kontaktieren einer inneren heilenden Instanz genauso alt wie die Menschheit selbst und ihre allerersten schamanischen Ansätze, Rat, Hilfe und Heilung zu finden. Genauso heißt es im tibetisch-buddhistischen Kontext, der blaue, speziell für Heilung zuständige Medizinbuddha sei um Jahrtausende älter als der historische Buddha Shakyamuni. In allen Epochen der Geschichte der Psychologie gab es Theoretiker, die die Existenz eines ‚Zentrums‘ in der Seele postuliert haben, das dem Leben des einzelnen eine Richtung weist, es steuert und beeinflusst.
Vielfach ist die innere Heilerin, Schamanin, weise Alte oder Ahnin in den inneren Vorstellungswelten meinen KlientInnen erschienen: Sie kann um Rat und Unterstützung gebeten oder gefragt werden, was der nächste sinnvolle Schritt in der persönlichen Entwicklung ist. Es ist auch diese innere Instanz der Klienten, ob wir sie nun Inneren Heiler, den heilenden Aspekt unserer Buddhanatur, Unbewusstes oder innere Weisheit nennen, die den gesamten Heilungs- und Behandlungsprozess bestimmt und auf die ich als EMDR-Behandlerin achtsam vertraue. Es ist der Bereich in uns, der immer heil ist und voller Liebe, der uns Kraftquellen erschließen lässt und liebevoll freundschaftlich in der Lage ist, alle Persönlichkeitsanteile anzunehmen und zu integrieren.
Das Fasten hat eine jahrtausendelange Geschichte in allen Weltreligionen. Fasten hat nachweislichen Einfluss auf unseren Neurotransmitter-Haushalt. Viele Fastende erleben das als sogenannte Fasten-Euphorie, Tage voller Leichtigkeit und sprühender Energie. Und für Menschen, die mit eher depressiver Grundstimmung ans Fasten gehen, kann das den ersehnten Durchbruch zurück in die Lebendigkeit bedeuten.
Dr. Otto Buchinger (1878-1966) bezieht sich in seiner Arbeit über Fasten maßgeblich auf den Begriff Archaeus und auch auf die ‚dem lebendigen Körper innewohnende Vis medicatrix naturae‘, die natürliche Selbstheilungskraft. Er ist zutiefst beeindruckt von deren Fähigkeiten des Körpers, beim Fasten mit faszinierender Intelligenz zuerst krankhafte Ablagerungen und Störendes im Körper und danach Überschüssiges abzubauen, sodass es zu der vielzitierten Operation ohne Messer kommt.
Immer mehr Menschen kommen ihrem inneren Heiler auf dieser Ebene näher: Nach Angaben des Fastenarztes Dr. Ruediger Dahlke sind es inzwischen Millionen Deutsche, die jährlich fasten. Auch auf einer seelischen Ebene geht der innere Heiler beim Fasten ans Aufräumen, lässt uns zum Beispiel intensiv von teilweise sehr lang zurückliegenden Dingen träumen.
Das Fasten bietet eine einzigartige Gelegenheit, unliebsame Gewohnheiten auszusetzen, auf einer tieferen Ebene zu erkennen, warum wir glauben, sie im Alltag zu brauchen und neue Wege zu gehen.
Beim Fasten werden wir sensibler, Sinnes- und Körper-Wahrnehmung und auch Achtsamkeit nehmen spürbar zu, daher ist es naheliegend, Yoga, Qigong, Meditation, Massage und imaginative Übungen mit einzubeziehen. Und dabei ganz besonders auf die leise Stimme unseres inneren Heilers - oder ist es nicht eher eine innere Heilerin oder Schamanin? - zu lauschen - sie weiß am besten, was wir dieses Mal beim Fasten ganz besonders brauchen. Tagebuch schreiben, malen, musizieren, spazierengehen, einfach nur ausruhen oder ganz vorsichtig wieder anfangen zu joggen...? Jede Fastenzeit ist einzigartig, anders und neu, das kann ich aus dreißig Jahren eigener Erfahrung persönlich bestätigen.
Im Rahmen der persönlichen Entwicklung spielt die aktive Kontaktaufnahme zum ‚inneren Ratgeber‘ auch in der Psychosynthese von Robert Assagioli, einem Zeitgenossen von Freud, eine wichtige Rolle. Er arbeitete unter anderem mit „Imaginationen“.
Mit etwas Abstand betrachtet hat auch die tibetisch-buddhistische Meditationspraxis des Medizinbuddhas Sangye Menla vieles gemeinsam mit einer Imaginationsübung: Der Medizinbuddha wird erst im Außen visualisiert, Ehrerbietung und ein Mandala von Gaben dargebracht, dann werden die Ebenen von Körper, Rede und Geist mithilfe verschiedener Lichter gereinigt und am Ende der Praxis verschmilzt die Essenz von Sangye Menla mit dem Herz des Übenden.
Carl Simonton setzt in den frühen 1970er Jahren den Kontakt mit einem inneren Ratgeber zur Immunabwehr und Aktivierung der Selbstheilungkräfte in seiner neuen Krebstherapie ein. Er schreibt: Gelingt es Ihnen, eine starke Beziehung zu Ihrem inneren Ratgeber herzustellen, können Sie eine Fülle von Informationen und Ratschläge hinsichtlich Ihrer Gefühle und Verhaltensweisen erhalten. Die Ratgebergestalt ist in der Lage, Ihnen zu sagen, wann Sie sich selbst krank machen und was Sie tun können, um wieder gesund zu werden. Sie ist nicht anderes als eine zusätzliche Kraft und Fähigkeit, die Sie für Ihre Gesundheit mobilisieren können.‘
Von Simontons Arbeit wiederum ließ sich Luise Reddemann, eine der führenden deutschen Traumatherapie-Spezialistinnen, stark beeinflussen. Sie entwickelte die inzwischen sehr bekannten Imaginationsübungen des inneren sicheren Orts und der Helfer und Krafttiere (eine Abwandlung des inneren Heilers). Spätestens hiermit wurden Phantasiereisen und Imaginationen von ihrem esoterischen Beigeschmack befreit und salonfähig, fanden Anerkennung unter Psychologen und Psychotherapeuten und werden inzwischen in vielen Kliniken angewandt genauso wie von vielen Therapie- und Coaching-Ansätzen. So sind sie auch wertvolle Grundlage und Voraussetzung jeder integrativen EMDR-Arbeit.
EMDR ist längst über den Einsatzbereich der Traumatherapie hinausgewachsen und wird mit der gleichen Effektivität bei Ängsten, mangelndem Selbstwertgefühl, Entscheidungsschwierigkeiten, zur Persönlichkeitsentwicklung und im Coaching eingesetzt. Die Behandlerin ist nur Wegbegleiterin mit großem Vertrauen in die Weisheit des inneren Heilers ihres Gegenübers. Gemeinsam werden befreiende Prozesse durchlebt und Schicht für Schicht Altlasten abgetragen oder neue neuronale Verknüpfungen angebahnt und gefestigt. Und dafür braucht es eine dahinterliegende intelligente, weise, heile und heilende Instanz.


Literaturhinweise:
1. ‚Wieder gesund werden‘, O. Carl Simonton u.a. , rororo 1982
2. ‚Das Heilfasten‘ Otto Buchinger, Verlag Hippokrates
3. Gerald Hüther: Interview in ‚Gesunde Medizin‘ 04/2011
4. ‚Wieder gesund werden‘, O. Carl Simonton u.a. , rororo 1982

Die Autorin Uta Alves ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, iEMDR-MasterCoach, Lehrerin für Qigong, buddhistischen Meditationen und Mantrasingen und leitet Fastenkurse und Gruppen ‚Die Seele stärken‘ zur Depressions- und BurnOut-Prävention.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.